«Da bahnt sich ein ganz neuer, grosser Konflikt an»

Trotz des Neins der Schotten zur Unabhängigkeit wird sich Grossbritannien verändern. Welche Streitpunkte die britische Politik prägen werden, sagt Korrespondent Peter Nonnenmacher in Edinburgh.

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Die Schotten konnten sich doch nicht zur Unabhängigkeit durchringen. War die Angstkampagne des Nein-Lagers entscheidend oder das Versprechen des britischen Premiers David Cameron, den Schotten mehr Autonomie zu gewähren?
Beides. Der Druck auf die Wähler war enorm. Zeitweise hat ja das halbe britische Establishment plus Papst Franziskus, EU, Nato und US-Präsident Barack Obama vor den Folgen einer schottischen Unabhängigkeit gewarnt. Preise sollten steigen und Renten sinken. Banken und Konzerne würden aus Schottland abziehen, hiess es weiter. Und den Schotten würde es nie mehr erlaubt werden, in EU oder Nato zurückzukehren. Ein Unabhängigkeitsbefürworter hat einmal gesagt, als Nächstes werde ihm wohl «ein Meteor auf den Kopf fallen», wenn er für die Unabhängigkeit stimme. Aber natürlich haben David Cameron und die anderen beiden Parteiführer, Nick Clegg und Ed Miliband, auch sehr geschickt mit mehr Autonomie gelockt.

Nach den Zusagen aus London wird die schottische Regionalregierung mehr Kompetenzen bekommen. Wie sieht der Plan der Cameron-Regierung aus?
Der Plan ist noch vage. Nur ein zeitlicher Ablauf ist vorgegeben. Im Januar soll es eine Gesetzesvorlage dazu geben. Und im März, zwei Monate vor den nächsten Unterhauswahlen, soll das Gesetz verabschiedet sein. Wie es aussehen soll, ist noch offen und Verhandlungssache. Denkbar sind unter anderem eine volle Steuerhoheit, neue Rechte zum Beispiel im Bereich der Wohlfahrt und des Gesundheitswesens sowie eine Verfassungsgarantie für das Edinburgher Parlament, damit es nie wieder aufgelöst werden kann.

Das Unabhängigkeitsreferendum endete mit einem Ergebnis von 55 Prozent Nein gegen 45 Prozent Ja. Ist Schottland ein gespaltenes Land geworden? Oder werden die Differenzen nach der historischen Abstimmung wieder verschwinden?
Die Kampagne hat scharfe Gegensätze geschaffen und auch einige Wunden geschlagen. Viele Leute, die sich leidenschaftlich für ein Ja eingesetzt haben, sind natürlich desillusioniert. Einige werden sich nie mit Westminster als höchstem Souverän aussöhnen. Andere warten darauf, was ihnen an Autonomie angeboten wird.

Wer sind die Verlierer in Schottland? Und wer die Gewinner?
Durchgesetzt haben sich vor allem die bürgerlichen, die eher wohlhabenden Regionen. Edinburgh zum Beispiel oder auch Aberdeen. Glasgow, das mit knapper Mehrheit für die Unabhängigkeit gestimmt hat, wird sich als Verlierer sehen. Viele Leute in den Working-Class-Bezirken Schottlands hatten sich von der Unabhängigkeit eine leichte Besserung ihrer Lebensverhältnisse erhofft. Daraus wird nun nichts. Ob es je was geworden wäre, werden wir jetzt nie wissen.

Das schottische Referendum wird Grossbritannien verändern. Die neue Autonomie der Schotten dürfte die Machtkämpfe zwischen den Landesteilen verschärfen. Was bedeutet das für Wales und Nordirland? Und gibt es schon Forderungen nach einem eigenen Regionalparlament für England?
Es wird schwierig werden. Da bahnt sich ein ganz neuer, grosser Konflikt an. Die englischen Nationalisten, rechte Tory-Abgeordnete, die Unabhängigkeitspartei Ukip, aber auch einige Labour-Leute: Sie alle verlangen bereits ein englisches Parlament. Das einzuführen, wäre aber schwierig, weil England über 85 Prozent der gesamten britischen Bevölkerung verfügt. Bisher schwirren nur Ideen und Vorschläge durch den Raum, von denen nicht alle Sinn machen. Das Hauptproblem ist jetzt, dass Cameron den Schotten schnelle Abhilfe, Autonomie binnen weniger Monate, versprochen hat. Eine Lösung für England und die anderen zu finden, würde viel mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Wie stark haben das Schottland-Referendum und die Zugeständnisse an die Schotten die Position des britischen Ministerpräsidenten geschwächt – insbesondere im Hinblick auf die Parlamentswahlen im nächsten Jahr?
Wäre Grossbritannien auseinander gefallen, hätte Cameron sicher abtreten müssen. Jetzt darf er sich stattdessen mit seiner Parteirechten streiten. Tory-Chef Cameron, aber auch der Labour-Vorsitzende Miliband haben weiter an Ansehen verloren. Sie sind noch mal durchgekommen. Aber mit Blick auf die kommenden Unterhauswahlen steht keiner von ihnen besonders stark da.

Grossbritannien wird voraussichtlich 2017 über einen EU-Austritt abstimmen. Inwiefern wird die angelaufene innerbritische Autonomiedebatte den Abstimmungskampf über Grossbritanniens Platz in Europa prägen?
Das ist noch schwer abzuschätzen. Viel hängt davon ab, was nun beim Autonomie- und Dezentralisierungsstreit zwischen den Parteien geschieht. Wenn sich die englischen Nationalisten benachteiligt fühlen, werden sie sicher eine harte Linie einschlagen. Ukip-Chef Nigel Farage hat damit schon begonnen. Er hat heute gesagt, es sei unerträglich, wie der (schottische) Schwanz mit dem (englischen) Hund wedle. Vielleicht sieht man in ein paar Wochen klarer, was sich da an neuen Entwicklungen anbahnt. Brisanter wird die Lage durch diese neue englische Dimension jedenfalls.

Erstellt: 19.09.2014, 14:07 Uhr

Was aussieht wie Pro und Kontra ist ein Bild aus dem Unionisten-Lager in Glasgow: Das Nein der Schotten wird mit Tanz und Tränen gefeiert. (19. September 2014) (Bild: AFP )

Peter Nonnenmacher ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Presseschau zu Schottlands Referendum Das sagen die britischen Zeitung zum Nein zur schottischen Unabhängigkeit.

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