«Da wurde Bush plötzlich ganz still»

John Sununu war Stabschef von George H.W. Bush, als die USA nach dem Berliner Mauerfall plötzlich als Sieger des Kalten Kriegs dastanden.

«Dank der Besonnenheit des Präsidenten kam die Welt durch eine sehr heikle Phase»: John Sununu, Stabschef von 1989 bis 1991, und US-Präsident George H.W. Bush. Foto: Getty Images

«Dank der Besonnenheit des Präsidenten kam die Welt durch eine sehr heikle Phase»: John Sununu, Stabschef von 1989 bis 1991, und US-Präsident George H.W. Bush. Foto: Getty Images

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«Mister President, das sollten Sie sich ansehen», sagte der Pressesprecher des Weissen Hauses, der um die Mittagszeit das Oval Office betrat. Es war der 9. November 1989 – und in Berlin war gerade die Mauer gefallen. George Herbert Walker Bush sass hinter seinem Schreibtisch, daneben standen John Sununu, der Stabschef des Präsidenten, und Brent Scowcroft, der Nationale Sicherheitsberater. Rasch schritten die Männer in das Arbeitszimmer nebenan. Dort sahen sie die TV-Bilder von den Grenzübergängen in Berlin, vor denen sich Tausende DDR-Bürger versammelt hatten. Sie sahen, wie die Menschen durch die geöffneten Tore strömten. Und sie sahen, wie sich West- und Ostdeutsche in den Armen lagen, endlich. «Es war alles sehr bewegend», sagt Sununu.

Als Stabschef war Sununu Bushs rechte Hand. Der Mann, der die Agenda des Präsidenten bestimmte, der zweitmächtigste Mann im Weissen Haus, wie es über die Leute auf diesem Posten oft heisst. In fast allen entscheidenden Momenten von Bushs Präsidentschaft war er dabei.

Der Mauerfall sei ein solcher Moment gewesen, sagt der heute 80-Jährige. «Dem Präsidenten war sofort klar, was da in Berlin geschehen war und was es bedeutete. Doch Zeit für Reflektion blieb damals keine.» Während Bush und seine beiden Berater auf den Fernseher starrten, drängte der Pressesprecher zur Eile: Bush müsse nun ein Statement abgeben, die Journalisten draussen warteten schon. Der Präsident stand vor einer Entscheidung: Wie sollten die USA auf den Mauerfall reagieren? «Da wurde er plötzlich ganz still», sagt Sununu. «Es stand viel auf dem Spiel.»

«Ein anderer Präsident wäre in Triumphgeheul ausgebrochen.»John Sununu

Bush war Anfang 1989 nach acht Jahren als Vizepräsident unter Ronald Reagan ins Amt gekommen. Unter Reagans Führung hatten die USA massiv aufgerüstet, um die Sowjetunion in die Knie zu zwingen, materiell, aber auch rhetorisch. Es war ein Kurs, den Bush vollumfänglich unterstützte.

Nun, mit dem Fall der Mauer, schien das Ende des Kalten Kriegs plötzlich ganz nahe zu sein – und Amerika stand vor einem Sieg. «Ein anderer Präsident wäre in Triumphgeheul ausgebrochen», sagt Sununu. «Doch Bushs grösste Stärke war es immer, sich in sein Gegenüber hineinzudenken.» Schon kurz darauf war in Malta ein Gipfeltreffen mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow angesetzt. «Bush wusste, dass er jetzt Vorsicht und Disziplin zeigen musste. Alles andere hätte Gorbatschow provoziert.»


30 Jahre Mauerfall – Serie zur Wende von 1989


Vorsichtig und diszipliniert: So sah Bushs öffentliche Reaktion auf den Mauerfall denn auch aus. Er sprach vor den Journalisten, die er kurzerhand ins Oval Office gerufen hatte, von einem wichtigen Schritt hin zur Öffnung, den er begrüsse. Er bemühte sich aber auch, auf keinen Fall von einem «Sieg» zu sprechen, ja nicht allzu euphorisch zu wirken. In Washington trug ihm das viel Kritik ein. Der Präsident sei zu zögerlich, erfasse die Bedeutung der Ereignisse nicht, monierten Demokraten wie Republikaner. «Am liebsten wäre es seinen Kritikern gewesen, Bush wäre noch am gleichen Tag nach Berlin geflogen und hätte auf den Trümmern der Mauer getanzt», sagt Sununu.

Der Gipfel von Malta wurde kurz darauf zum Erfolg: Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten Bush und Gorbatschow den Kalten Krieg für beendet. Doch was das für Europa hiess und für das geteilte Deutschland, war damit längst nicht klar. Würde es zur Wiedervereinigung kommen? Unter welchen Bedingungen? Mit welchem Zeitplan? Von Malta aus flog Bush direkt nach Brüssel, wo er Kanzler Helmut Kohl über seine Gespräche mit Gorbatschow unterrichten wollte. Er tat dies bei einem Abendessen, an dem auch Sununu teilnahm. Kohl bekräftigte, was Bush von ihm hören wollte: dass ein wiedervereinigtes Deutschland dem Nato-Bündnis angehören würde.

«Das Essen war aber auch wichtig, weil es die Beziehung zwischen beiden Männern stärkte», sagt Sununu. Je länger der Abend dauerte, desto gelöster sei die Stimmung geworden. Sununu erinnert sich noch heute an den Appetit, den Kohl beim Dessert an den Tag legte: «Er griff immer wieder in eine Schale, in der gefüllte Windbeutel lagen, gross wie Golfbälle, und steckte sich einen nach dem anderen in den Mund. Es war ziemlich erstaunlich.»

John Sununu in einem TV-Interview über das Leben und politische Erbe von George H.W. Bush, der vor einem Jahr verstarb. Quelle: Youtube/WMUR-TV

Zu seinem Job als Stabschef war Sununu gekommen, weil es Bush ohne ihn wohl gar nicht ins Weisse Haus geschafft hätte. Bei der Präsidentschaftswahl 1988 war der damalige Vizepräsident zwar als Favorit in die internen Vorwahlen der Republikaner gestartet, doch nach einem schwachen Start drohte ihm das frühe Aus. Es war Sununu, der Bush im wichtigen Vorwahlstaat New Hampshire zum Sieg über seine Gegner verhalf. Sununu war damals Gouverneur des Bundesstaats, ein einflussreicher Konservativer und ein Strippenzieher der lokalen Republikanischen Partei. Er zeigte Bush, wie er seine Wahlkampagne in New Hampshire noch rechtzeitig auf die richtige Spur bringen konnte. Und Bush belohnte ihn dafür nach seiner Wahl mit dem Ruf ins Weisse Haus.

In der US-Hauptstadt machte sich Sununu viele Feinde. «Abgrundtief unbeliebt» sei er gewesen, schrieb die «Washington Post» nach dessen Rücktritt Ende 1991, «arrogant und machtbesessen». Unbestritten war dagegen, dass er Bushs Gehör hatte. Er sass auch dabei, als sich Bush und Gorbatschow im Mai 1990 in Washington trafen, um die Folgen des Mauerfalls zu besprechen: die deutsche Wiedervereinigung, die Lage der osteuropäischen und baltischen Staaten, die künftigen Handelsbeziehungen zwischen den Supermächten. Bush sei dabei die Stellung Gorbatschows immer bewusst gewesen, sagt Sununu: Der Staatschef wollte Reformen, stand aber unter dem Druck der Hardliner in Moskau, die das ablehnten.

Die kurze Phase der Entspannung

Im Weissen Haus wurde der sowjetische Staatschef mit allem Pomp empfangen. Gorbatschow interessierte sich sehr dafür, wie die US-Administration praktisch funktionierte, und er fragte Bush, ob er seinen Stabschef nach Moskau schicken würde, um ein bisschen Anschauungsunterricht zu erteilen. Was noch kurz zuvor undenkbar schien, geschah: Sununu flog nach Moskau – und stiess dort überall auf «Offenheit und Neugier», wie er sagt. Er traf sich mit Gorbatschow, seinen Ministern und Beamten und brachte jeweils Essays der US-Gründerväter mit. Kurz darauf reiste er in das heutige St. Petersburg, wo er zwei Tage mit dem Bürgermeister verbrachte. Dessen Stabschef wiederum war ein Mann namens Wladimir Putin – der heutige Präsident Russlands.

Offenheit und Neugier: Das sind nicht Begriffe, mit denen man heute das amerikanisch-russische Verhältnis beschreiben würde. Die gegenwärtigen Spannungen seien bedauerlich. «Putin und seine Unterstützer sind getrieben vom Wunsch nach einer Rückkehr zum untergegangenen Sowjetimperium», sagt Sununu. «Das macht die heutige Beziehung so problematisch.» Der Umbau von einem kommunistischen zu einem freiheitlich-kapitalistischen System sei aber auch schwierig. Die strukturellen Probleme der Sowjetunion, die Korruption der Oligarchen, die grosse ethnische Vielfalt: All dies habe dazu beigetragen, dass aus dem heutigen Russland nicht jene Demokratie geworden sei, die sich die Reformer in Moskau nach dem Ende des Kalten Kriegs wünschten. Und die sich auch viele in Amerika wünschten.


«Putin ist getrieben vom Wunsch nach einer Rückkehr zum untergegangenen Sowjetimperium»: John Sununu über das heutige Russland. Foto: Reuters

Dass es die kurze Phase der Entspannung zwischen Washington und Moskau überhaupt gab, führt Sununu zu einem guten Teil auf Bush und dessen Menschenkenntnis zurück. Der Präsident habe es wie kaum ein anderer vor ihm verstanden, zu anderen Regierungschefs Beziehungen aufzubauen, die von Vertrauen und teils sogar Freundschaft geprägt waren – womit er selbst heikelste Fragen ansprechen konnte. «Das war sein Stil. Nicht nur, aber auch dank seiner Diplomatie kam die Welt durch eine sehr heikle Phase.»

Als Kritik am aktuellen Amtsinhaber, der einen ganz anderen Stil pflegt, will Sununu das alles nicht verstanden wissen. Wenn er sich öffentlich über Donald Trump äussert, dann tut er das im Gegensatz zu vielen anderen Ex-Funktionären der Republikaner positiv. Jeder Präsident habe eben seine eigenen Methoden, sagt Sununu nur. Und fügt dann trotzdem an: Er sei froh, für einen Mann wie Bush gearbeitet zu haben.

Erstellt: 04.11.2019, 12:40 Uhr

Serie zur Wende von 1989, Teil 4

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. 28 Jahre lang hatte sie Berlin in Ost und West geteilt, die Mauer war Brennpunkt und Symbol des Kalten Kriegs. Ihr Fall markierte dessen Ende. Inzwischen ist die damalige Euphorie Ernüchterung gewichen, erneut ist die Rede von einem Kalten Krieg.

Heute ist John Sununu an der Reihe, der Stabschef des damaligen US-Präsidenten George H.W. Bush. Es folgen noch das Porträt des Architekten der deutschen Wiedervereinigung sowie ein Interview mit einer Historikerin, das die sechsteilige Serie abschliesst. (chm)

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