Das Abteil als Festung des Schaffners

Wer im Schlafwagen durch Ungarn reist, muss mit bösen Überraschungen rechnen.

Ein Zug im Bahnhof in Budapest: Alles wackelt, alles quietscht, an Türschlössern und Scharnieren fehlt so manche Schraube.

Ein Zug im Bahnhof in Budapest: Alles wackelt, alles quietscht, an Türschlössern und Scharnieren fehlt so manche Schraube. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

K. war gewarnt worden. Und er hatte die Warnung ernst genommen, hatte sich in seinem Abteil genau so verbarrikadiert, wie es ihm vom Schaffner gezeigt worden war: Leiter vor die Türe stellen, Türschnalle mit dem Hosengürtel an einer Leitersprosse festbinden, so fest, dass man sie nicht mehr bewegen kann. Es half alles nichts. Am Morgen, kurz vor Belgrad, wurde K. durch Schreie aus dem Nachbarabteil geweckt. Dort waren alle Wertgegenstände verschwunden. Gut, dass mir nichts passiert ist, dachte K. und blickte hinauf zur Gepäckablage. Dort sollten seine Koffer liegen. Sie waren weg. Später fand er sie in einem leeren Abteil wieder. Die Diebe hatten sie in aller Ruhe durchsucht und nur das Geld mitgenommen.

Wie sie in sein Abteil gekommen waren, konnte K. nie herausfinden. Die Tür war unbeschädigt, doch sein Kopf schmerzte, und das Abteil roch nach verfaulten Eiern. Vielleicht war ein Betäubungsgas im Spiel. Im Gespräch mit dem Schaffner kurz vor der Ankunft in Belgrad erfuhr er ein wenig mehr über die Banden und deren Arbeitsstil. Und erst jetzt fielen ihm die Spuren von Brecheisen an den Abteiltüren auf. Oder waren es nur Alterserscheinungen?

Überfälle bekannt und berüchtigt

Die auf dieser Strecke eingesetzten österreichischen Schlafwagen haben gut 50 Jahre auf dem Buckel und brachten in ihren besten Zeiten elegante Reisende von Wien nach Paris oder Venedig. Jetzt müssen sie ihr Altenteil im D 347 von Wien über Budapest nach Belgrad oder dem Dacia von Wien nach Bukarest fristen. Alles wackelt, alles quietscht, an Türschlössern und Scharnieren fehlt so manche Schraube. Wer in den Osten fährt, ist Schmutz und Risiko gewohnt, denken sich die Österreichischen Bundesbahnen: Für den sind unsere ältesten Waggons doch der pure Luxus.

Die Überfälle in den Nachtzügen durch Ungarn sind bekannt und berüchtigt. Und die ungarische Bahn bietet den Räubern jede Menge Gelegenheit: Zwischen Budapest und der serbischen beziehungsweise der rumänischen Grenze zuckeln die Züge im Schneckentempo durch die Ebene und machen bei jedem Ziehbrunnen halt. Gelegenheit genug, im Schutz der Nacht einzusteigen und danach schnell wieder in der Puszta zu verschwinden. Besonders schlimm war es um die Sicherheit in den Nachtzügen gleich nach der Wende und während der Balkankriege bestellt, als Reisende nach Serbien stets viel Bargeld bei sich trugen.

Sicherheitsbeamte im Nachtzug nach Belgrad

Irgendwann in den vergangenen Jahren wurde ein Abgeordneter des ungarischen Parlaments bestohlen, danach fuhren ein paar Monate lang Polizisten im Zug mit. Doch das wurde der Polizei zu teuer. Heute soll die Lage wieder ähnlich schlimm wie zu Beginn der 90er-Jahre sein. Zumindest behauptete das der Schaffner gegenüber K.: Keine Nacht vergehe ohne Diebeszüge, keine Abteiltür sei vor den Eindringlingen sicher. Und auch die Schaffner selbst verstecken sich in ihren Abteilen. Die Diebe sind zwar (bis jetzt) nicht aggressiv, aber wer sie gesehen hat, beschreibt sie als fast zwei Meter gross, mit mächtigen Oberarmen. Da riskiert man eher keine Diskussion über die Besitzverhältnisse des Portemonnaies.

Die ungarische Bahn lässt über ihre Pressestelle ausrichten, dass ihr die Sicherheit der Fahrgäste und des Personals ein besonderes Anliegen sei. Deshalb sollen im Nachtzug nach Belgrad ab sofort eigene Sicherheitsbeamte mitreisen. Öffentlich kommuniziert wird diese Aufrüstung allerdings nicht. Und K. fragt sich jetzt, ob die Bahnverwaltungen bei Ausstellung der Fahrkarte in Wien oder Budapest nicht verpflichtet wären, die Fahrgäste auf das enorme Sicherheitsrisiko hinzuweisen?

Sein Bedarf an Balkan-Abenteuer war nach der Nachtfahrt jedenfalls gesättigt. Für den Rückweg von Belgrad nach Wien nahm K. das Flugzeug. Das Ticket war nur 10 Euro teurer.

Erstellt: 25.05.2010, 22:39 Uhr

Artikel zum Thema

Wo die Zugfahrt noch schöner ist als in der 1. Klasse

Zugfahren macht noch viel mehr Spass, wenn man die Geleise vor sich hat. Das hat die Fahrt mit dem Klotener Lokomotivführer Martin Zingg auf der S 9 zwischen Zug und Uster bewiesen. Mehr...

Schweizer sind Weltmeister im Zugfahren

Die Schweizer nutzen die Bahn mehr als alle anderen auf der Welt. Nur die Japaner kommen uns in ihrer Reiselust gefährlich nahe. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...