Das Comeback der Ex

Ségolène Royal, die ehemalige Lebensgefährtin von François Hollande, ist zurück. In Frankreichs neuer Regierung übernimmt sie ein grosses Ministerium für Ökologie.

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In der französischen Politik sind Dinge möglich, die anderswo im demokratischen Westen nicht gehen würden. Man stelle sich zum Beispiel vor, der Mann von Angela Merkel, ein Chemiker, übernähme das Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Designiert von Frau Merkel. Oder Michelle Obama würde in die Regierung ihres Gemahls berufen, von diesem selbst, etwa als Ministerin für Soziales.

Freilich, Ségolène Royal und François Hollande, um die es hier geht, sind schon etliche Jahre kein Paar mehr. Sie waren auch nie miteinander verheiratet, weil Hollande offenbar etwas gegen die Institution der konventionellen Ehe haben soll. Doch die beiden haben vier Kinder miteinander, sind miteinander gross geworden – persönlich und politisch. Und so verwundert es doch, dass die Ex nun von ihrem Ex zur Ministerin gemacht wird. Zumindest ausserhalb von Frankreich.

Die Nummer 2 auf der Liste

Die 60-jährige Ségolène Royal erhält in der neuen französischen Regierung von Manuel Valls, dem eben erst nach der Niederlage bei den Gemeindewahlen eingesetzten Premier, ein grosses Portfolio anvertraut, in dem es um Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Energie geht. Auf der Liste der Minister ist sie die Nummer 2, was auch einen Hinweis auf ihren neuen Rang gibt.

«Ségo», wie man sie nennt, fällt also die Aufgabe zu, den versprochenen Übergang zu einem umweltverträglicheren, innovativen Mix der Energiequellen zu begleiten. Frankreichs Energiebedarf hängt zu drei Vierteln von Atomkraft ab. Das soll sich ändern, die Quote soll kleiner werden. Vielleicht hätte sich für diese Aufgabe ein Politiker der Grünen geeignet. Doch die Grünen von Europe Ecologie Les Verts (EELV) haben sich entschlossen, die Regierung der Sozialisten, in der sie bisher mit zwei Vertretern präsent waren, zu verlassen. Sie stossen sich an Valls, den sie für allzu liberal und rechts halten. Royal war schon einmal Umweltministerin. Es ist lange her und dauerte nur kurz: elf Monate zwischen 1992 und 1993.

Die lange Durststrecke der Fast-Präsidentin

Für Royal endet eine lange «Durchquerung der Wüste», wie die Franzosen sagen, wenn sie eine Durststrecke meinen. 2007 war sie noch nahe dran gewesen, Frankreichs erste Präsidentin zu werden. Jedenfalls trat sie als frische und strahlende Kandidatin an, verlor dann aber deutlich gegen Nicolas Sarkozy, der den Franzosen wohl eher das Gefühl vermittelte, das Land führen zu können. Noch am Abend ihrer Niederlage versprach Royal lächelnd, sie werde zurückkehren – stärker denn je. Seither aber verschwand sie in den Niederungen der Provinzpolitik. Es blieb ihr zuletzt nur die Präsidentschaft in der westfranzösischen Region Poitou-Charentes. Das Amt lag natürlich weit unter ihren Ambitionen.

2011, als die Sozialisten einen Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl von 2012 suchten, einen Gegner für Sarkozy also, stellte sich Royal wieder den Primärwahlen der Partei – neben ihrem Ex und einigen Bewerbern mehr. Sie verlor so vernichtend, dass sie vor laufenden Kameras in Tränen ausbrach: 7 Prozent der Wähler hatten nur für sie gestimmt. Und es kam noch bitterer: Royal kandidierte für einen Sitz im französischen Abgeordnetenhaus, der Assemblée Nationale, um auch national wieder mitreden zu können. Doch dann zwitscherte die neue Herzdame ihres Ex, die offenkundig eifersüchtige Valérie Trierweiler, entscheidend dazwischen. In einem Tweet engagierte sie sich für Royals Wahlkampfgegner Olivier Falorni, ebenfalls ein Sozialist. Falorni gewann.

Der Rest der Geschichte ist jüngere Vergangenheit. Hollande, mittlerweile sentimental anderweitig liiert, hat Trierweiler verlassen und so auch den Weg für das Comeback von «Ségo» frei gemacht. Royal sagte dazu kürzlich: «Die Fatwa gegen mich ist aufgehoben.» Nun, solche Geschichten in der Schnittmenge von hoher Macht und kleiner Amouren passieren eben nur in Frankreich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.04.2014, 12:13 Uhr

Frankreichs neue Regierung

Hollandes Balanceakt bei der Kabinettsbildung

8 Frauen, 8 Männer: 16 Minister insgesamt. Selten in der Geschichte der 5. Republik war eine französische Regierung so straff und klein wie die neue von Premierminister Manuel Valls. Und paritätisch ist sie geblieben. Als François Hollande nach der schweren Niederlage bei den Gemeindewahlen eine «Kampfregierung» ankündigte, die sich schnell der wirtschaftlichen und sozialen Problemen im Land annehmen würde, spekulierte man auch über den Quereinstieg einiger prominenter Figuren aus der Zivilgesellschaft und der Unternehmerwelt. Doch Techniker und Technokraten passen nicht zu Hollande: Der Präsident ist ein Mann der politischen Synthese. Im neuen Kabinett sind wieder alle Sensibilitäten und politischen Strömungen des Parti Socialiste vertreten.

Sechs bewährte Minister behalten ihre Ressorts, u . a. Laurent Fabius (Äusseres), Christiane Taubira (Justiz) und Jean-Yves Le Drian (Verteidigung). Der bisherige Budgetminister Bernard Cazeneuve wird überraschend Innenminister, während der Bürgermeister von ­Dijon, François Rebsamen, der für dieses Amt prädestiniert schien, Arbeitsminister wird. Ein eindrücklicher Aufstieg gelingt Benoît Hamon, bisher zuständig für Konsumfragen, der künftig dem grossen Erziehungsministerium vorstehen wird. Seine Beförderung gilt als Wink an den enttäuschten linken Parteiflügel.

Viele Blicke zog die neue Konstellation im Wirtschafts- und Finanzministerium auf sich. Der bisherige starke Mann, Pierre Moscovici, scheidet aus der Regierung aus. Für die Finanzen – und somit für die Bändigung des Staatsdefizits – ist Michel Sapin verantwortlich, ein alter Freund Hollandes und Verfechter der Austeritätspolitik. Darüber dürfte man in Brüssel erfreut sein. Zwei Stockwerke unter Sapin wird jedoch Wirtschafts- und Industrieminister Arnaud Montebourg sitzen, ein begnadeter Selbstdarsteller und Freund wirtschaftlicher Staatsinterventionen bei Privatbetrieben. Auch Montebourg gehört dem linken, globalisierungskritischen Flügel des Parti Socialiste an. Der Erfolg der neuen Regierung hängt wesentlich davon ab, wie gut sich die beiden unterschiedlich tickenden Männer bei der Arbeit verstehen werden. Ihr Duo ist das vermeintlich fein ausbalancierte Ergebnis vieler politischer Abwägungen im Kopf des Präsidenten. (om) (Tages-Anzeiger)

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