Das Ende der Populisten ist ein Glück für Italien

Matteo Salvini, der starke Mann von Italiens gescheiterter Regierung, zahlt für seine Neigung zur Halbdemokratie.

Giuseppe Conte kündigt seinen Rücktritt an. Für seinen Vize, Matteo Salvini, hat er nicht viele schöne Worte übrig. Foto: Antonio Masiello (Getty)

Giuseppe Conte kündigt seinen Rücktritt an. Für seinen Vize, Matteo Salvini, hat er nicht viele schöne Worte übrig. Foto: Antonio Masiello (Getty)

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445 Tage – so lange dauerte die 65. Regierung in der Geschichte der italienischen Republik. Für römische Verhältnisse ist das kein schlechter Wert: Er liegt ungefähr im Durchschnitt. Allerdings hinterlässt das Experiment mit dem rein populistischen Kabinett aus rechter Lega und Cinque Stelle überdurchschnittlich tiefe Furchen in der Gesellschaft. Italien ist gespalten und vollgepumpt mit Ressentiments, von denen viele Italiener gar nicht gewusst hatten, dass sie in ihnen schlummerten.

Geweckt und befeuert hat sie Matteo Salvini, der Chef der Lega und De-facto-Premier. Er nutzte seinen Posten als Innenminister dafür, den Italienern Angst zu machen, alles zu dramatisieren, um sich dann als Retter in der Not zu gerieren. Als Hafenwart gegen die Migranten, als Sheriff in Uniform, als Behüter der Selbstgerechten. An Lösungen war Salvini wenig gelegen, nur am billigen Applaus. Und davon erhielt er unerhört viel.

Der Coup scheint gründlich danebenzugehen

Seine Popularität wuchs exponentiell, mit jedem Auftritt etwas mehr. Seine Shows auf den Piazze und den Stränden des Landes verkamen zu Selbstbeweihräucherungen. Salvini küsste immer auch gerne den Rosenkranz, um seine Figur um eine verquere spirituelle Dimension anzureichern.

Hafenwart gegen die Migranten, Sheriff in Uniform, Behüter der Selbstgerechten. An Lösungen war Salvini wenig gelegen, nur am billigen Applaus.

Die tollen Umfragewerte und die vielen Likes in den sozialen Netz­werken stiegen ihm zusehends zu Kopf – so sehr, dass er glaubte, er dürfe alles. Salvinis Sehnen nach «allen Vollmachten», um ohne «Sträflingskugel» regieren zu können, wie er es nannte, klang schon unheilvoll nach einem Abdriften in die Halb­demokratie. Nach dem Ungarn Viktor Orbans, diese Kategorie.

Nun stürzt Matteo Salvini über seinen Übermut, zurückgebunden vom Parlament, für das er nur begrenzte Achtung hatte. Wenn es ihn anhören wollte, schwänzte er. Als es in den Ferien war, zwang er ihm eine Rückkehr auf in der Hoffnung, so baldige Neuwahlen durch­zusetzen. Allein für sein Wohl, für seine Macht. Wie es aussieht, misslingt der Coup gründlich. Ein Glück für Italien.

Erstellt: 20.08.2019, 21:09 Uhr

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