Das Geschwätz des Philosophen

Der Skandal um den IWF-Chef zeigt ein seltsames Moralverständnis auf – bei den Franzosen.

Politisch instrumentalisierter Seitensprung: Bill Clinton und Monica Lewinsky an der Weihnachtsfeier des Weissen Hauses 1998.

Politisch instrumentalisierter Seitensprung: Bill Clinton und Monica Lewinsky an der Weihnachtsfeier des Weissen Hauses 1998. Bild: Keystone

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Der Skandal um Dominique Strauss-Kahn offenbart einen profunden Mangel an gegenseitigem Verständnis zwischen Franzosen und Amerikanern. Seltsam daran wirkt, dass Frankreich, bei seiner Selbstdarstellung stets die weltoffene und intellektuell überlegene Nation, Amerika weniger zu verstehen scheint als die Amerikaner Frankreich.

Dass es sich bei den Vorgängen in New York um einen Skandal handelt, steht übrigens ausser Frage: Entweder hat DSK eine junge Frau brutal vergewaltigt, oder die junge Frau hat DSK zu Unrecht dieser Tat beschuldigt, womit der IWF-Direktor unschuldig im Gefängnis sässe.

Seitensprung instrumentalisiert

Zunächst einmal beklagen Franzosen und überhaupt Europäer zu Recht den amerikanischen Puritanismus im Umgang mit den sexuellen Eskapaden von Politikern: Die Hatz auf Bill Clinton wegen dessen Beziehung zu Monica Lewinsky ist noch heute etwas, wofür sich die politische Kultur in den USA schämen sollte. Und zu oft, sei es im Fall des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Gary Hart oder des republikanischen Spitzenpolitikers Bob Livingston, wird der Seitensprung politisch instrumentalisiert; genüsslich wird an die Öffentlichkeit gezerrt, was die Öffentlichkeit nichts angeht.

Problematischer verhält es sich mit Arnold Schwarzenegger: Nicht dass der verheiratete Austro-Amerikaner mit einer Haushaltshilfe ein Kind gezeugt hat, sollte öffentliches Interesse erregen, sondern der Umstand, dass Schwarzenegger vor Beginn seiner politischen Karriere von mehreren Frauen sexueller Belästigung bezichtigt wurde. Seitensprünge sind eine Sache, sexuelle Belästigung ist eine andere.

Frauen sind selbst schuld

Ein Vergewaltigungsvorwurf aber ist erst recht eine andere Sache. Und hier tut sich Frankreich in amerikanischen Augen keinen Gefallen, wenn der geschwätzige Philosoph Bernard-Henry Lévy vorprescht, seinen alten Freund DSK in einem Brandartikel verteidigt und dabei nicht nur die Schwere der Vorwürfe herabspielt, sondern suggeriert, die Frauen trügen selber Schuld und seien nicht glaubwürdig.

Dass Levy in seinem im amerikanischen Onlinemagazin «Daily Beast» publizierten Stück schreibt, DSK sei zu der ihm zur Last gelegten Tat nicht fähig – er, Bernard-Henry Lévy, kenne Strauss-Kahn schliesslich! – ist ebenso hanebüchen wie seine Behauptung, die Angelegenheit sei schon deshalb verdächtig, weil das New Yorker Zimmermädchen allein statt mit einer «Säuberungsbrigade» in DSKs Suite erschienen sei. Wenn Lévy sodann Tristane Banon, die seinen Freund ebenfalls sexueller Übergriffe beschuldigt, als Trittbrettfahrerin heruntermacht, passt dies ins Bild.

Alle sind gleich

Vielleicht verhält es sich tatsächlich so, dass in Frankreich betreffs kriminell-sexuellen Verhaltens von Politikern auch dann noch Augen zugedrückt werden, wenn eigentlich Handschellen angebracht wären. Man kann über die amerikanische Gewohnheit, Angeklagte in Handschellen dem Haftrichter vorzuführen, durchaus streiten; immerhin aber wird jeder so behandelt, der in die Mühlen der amerikanischen Justiz geraten ist – ob arm oder reich, ob bekannt oder unbekannt.

Ein Vergewaltigungsvorwurf einer armen afrikanischen Einwanderin gegen einen mächtigen Politiker wird in Paris doch hoffentlich ebenso ernst genommen wie in New York. Oder etwa nicht?

Erstellt: 19.05.2011, 07:58 Uhr

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