Das Glück liegt in Angola

Zehntausende Portugiesen kehren in die einstige Kolonie zurück, um als Gastarbeiter der wirtschaftlichen Misere in ihrem Heimatland zu entfliehen.

Boomende Metropole: Uferpromenade in Luanda.

Boomende Metropole: Uferpromenade in Luanda. Bild: AFP

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Rui Ferreira hat das dickste Exemplar gefangen. Für seinen 22 Kilogramm schweren Thunfisch erhält der 43-jährige Portugiese eine kleine Statue aus Plastik. Gut fünfzig seiner Landsleute, die sich zum Dinner im Clube Naval da Luanda eingefunden haben, klatschen artig Beifall. Über ein Meer von weissen Jachten hinweg hat man vom Clubhaus aus einen fantastischen Blick auf die neu hergerichtete Uferpromenade Luandas, auf dem Parkplatz der Marina warten Ford Mustangs, Porsche Cayennes und Mercedes-Coupés auf ihre Besitzer. «Ich glaube, hier kann man es aushalten», sagt Rui Ferreira und nimmt noch einen Schluck von seinem Vinho branco.

Ferreira wird die angolanische Hauptstadt bald sein Zuhause nennen. Der Geschäftsmann will einen Teil seines Einrichtungshauses von Portugal nach Angola verlegen. Die katastrophale Wirtschaftskrise, die seine Heimat derzeit erlebt, gab für ihn den Ausschlag. Die 26 Filialen, über die seine Firma einst verfügte, wurden bereits auf 14 reduziert, mehr als die Hälfte der 100 Angestellten verlor ihren Job.

Der einzige Lichtblick für den Unternehmer war, dass anstelle seiner klammen Landsleute immer mehr Kunden aus Afrika, vor allem aus dem boomenden Erdölstaat Angola, in seiner Lissabonner Niederlassung auftauchten. Sie waren an feinsten Möbeln, Sitzgarnituren bis zu 25'000 Euro, aber auch an ganzen Schlaf- oder Wohnzimmereinrichtungen interessiert. Liess Ferreira solche Bestellungen bisher noch einzeln verschiffen, so wagt er jetzt den grossen Sprung. Mit Frau und Kind wird er im Oktober nach Luanda umziehen, um hier die erste afrikanische Filiale des von seinem Vater gegründeten Unternehmens zu eröffnen.

Bereits 200'000 im Land

Rui Ferreira wird nicht der einzige Emigrant sein, wenn er im Oktober in Lissabon ins Flugzeug steigt. Derzeit suchen Monat für Monat 500 Portugiesen wirtschaftliches Asyl in der Ex-Kolonie. «Ihre Zahl nimmt ständig zu», weiss Carlos Costa Neves, der portugiesische Generalkonsul in Luanda. Allein in diesem Jahr werde die Zahl der Neuankömmlinge auf über 7000 steigen. Fast 130'000 Portugiesen haben sich in seinem Konsulat schon registrieren lassen, sagt der Diplomat. Insgesamt wird die Zahl der portugiesischen Gastarbeiter in Angola auf derzeit 200'000 geschätzt.

José dos Santos, der vor 56 Jahren in der Kolonie geboren wurde und nach der Unabhängigkeit 1975 nach Europa floh, hat «Afrika immer vermisst». Dass er vor zwei Jahren nach Angola zurückkehrte, hatte allerdings ökonomische Gründe, räumt der Hydraulik-Techniker ein: «Hier verdiene ich wesentlich besser.» Als seine einstige Schule im angolanischen Hafenstädtchen Porto Amboim kürzlich ein Wiederbegegnungsfest feierte, waren nicht weniger als 82 ehemalige Schüler zugegen.

Exodus nach der Unabhängigkeit

Während Portugals Wirtschaft in diesem Jahr um über drei Prozent schrumpfe, seien in Angola mindestens acht Prozent Wachstum zu erwarten, rechnet Generalkonsul Neves vor: «Sie können sich vorstellen, welche Konsequenzen das hat.» Portugals Premierminister Pedro Passos Coelho forderte seine verzweifelten Landsleute ausdrücklich auf, ihr Glück woanders in der Welt zu suchen. Die Arbeitslosenrate von über 15 Prozent und Durchschnittsgehälter von weniger als tausend Euro im Mutterland sprechen für diesen Ratschlag.

Angola galt immer schon als Perle unter den portugiesischen Kolonien. 1951 wurde das fruchtbare Gebiet, das auch reich an Bodenschätzen ist, sogar ins Mutterland integriert. 1974 lebten 300'000 Portugiesen in der Überseeprovinz. Sie flohen allerdings fast alle, als das Land nach der Nelkenrevolution in Lissabon unabhängig wurde und danach ein Bürgerkrieg ausbrach – er sollte 27 Jahre lang toben. Auch als 2002 endlich die Waffen schwiegen, kehrte kaum ein Portugiese in das zerstörte Land zurück. Das änderte sich erst, als die Bedingungen zu Hause immer miserabler wurden.

Rauhe afrikanische Wirklichkeit

Wirklich wohl scheint sich in Angola aber kaum einer der Gastarbeiter zu fühlen. «Würde ich in Portugal auch nur 1000 Euro verdienen, sässe ich noch heute im Flieger», sagt der Hochschullehrer Nuno Mendes, der sich selbst als «Wirtschaftsflüchtling» bezeichnet. Die Lissaboner Lebensqualität lasse sich mit der rauen afrikanischen Wirklichkeit beim besten Willen nicht vergleichen. Trotz der gemeinsamen Sprache führen die Portugiesen in ihrem Wirtschaftsasyl ein eher isoliertes Leben. Sie wohnen in der Regel in ummauerten Wohnanlagen, treffen sich im Clube Nautico oder in den Pastelarias und halten sich aus den gesellschaftlichen Debatten in dem von einer abgrundtiefen Kluft zwischen Arm und Reich zerrissenen Land heraus.

Dennoch – oder gerade deshalb – werden die Enkel der Kolonialisten zumindest unter wohlhabenden Angolanern willkommen geheissen. «Wir hatten grosse Probleme, als die Portugiesen gingen», sagt Ex-Premier Marcolino Molo: «Wir brauchen ihre Fähigkeiten. Dieses Land ist gross genug für uns alle.» Solange die Portugiesen keine Arbeit verrichteten, die die Angolaner selbst tun könnten, sei gegen ihre Präsenz «nichts einzuwenden», meint auch Elias Isaac, der Direktor der Open Society Initiative in Luanda.

«Irgendwann kracht es wieder»

Die Toleranz endet aber dort, wo es um einen anderen Aspekt der Annäherung zwischen der ehemaligen Kolonie und der Kolonialmacht geht, nämlich die wachsenden Investitionen der angolanischen Elite im bankrotten Portugal. Auf Lissaboner Schnäppchenjagd befindet sich ganz zuvorderst Isabel dos Santos, die Tochter des der Korruption bezichtigten Präsidenten Eduardo dos Santos. Die Geschäftsführerin des gigantischen Familienimperiums hat sich bereits in eine angeschlagene portugiesische Bank sowie in mehrere Medienunternehmen eingekauft und soll auch Interesse am Stromkonzern Energias de Portugal und der Fluglinie Tap haben.

«Da hört der Spass auf», schimpft Journalist Rafael Marques de Morais. Während in Angola noch immer zwei Drittel der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar täglich auskommen müssten, helfe die Präsidentenfamilie der alten Kolonialmacht mit gestohlenem Geld aus der Klemme. «War es so nicht schon seit Jahrhunderten?», fragt de Morais: «Die Kolonie finanziert die Kolonialmacht – nur dass es heute nicht mehr mit Sklaven, sondern mit unserem Öl passiert.» Werde dos Santos, der sich eben wieder in seinem Amt bestätigen liess, endlich vom Sockel gestürzt, wären die Portugiesen die ersten, die wieder Hals über Kopf ihre Koffer packten, ist de Morais überzeugt.

Geschäftsmann Rui Ferreira gibt dem Journalisten recht. Er werde die ersten zwei, drei Jahre jeden erwirtschafteten Dollar in Angola investieren, kündigt der Unternehmer an: Doch dann werde er rausholen, was rauszuholen sei. «Wir sind hier in Afrika», sagt Ferreira, «irgendwann wird es hier wieder krachen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2012, 11:50 Uhr

(Bild: TA-Grafik ib)

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