Das Konflikt-Konklave

Die römische Kurie verpasst US-Kardinälen einen Maulkorb, während Geistliche aus den eigenen Reihen die italienischen Medien mit brisantem Insiderwissen beliefern.

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Der Entscheid wurde an der gestrigen Generalversammlung gefällt: Ab sofort dürfen US-Kardinäle keine Interviews mehr geben, und sie dürfen sich auch nicht – wie bisher üblich – zu parallelen Besprechungen in ihrem Hauptquartier, dem North American College, einer römisch-katholischen Lehranstalt in Rom, treffen. Die Entscheidung wurde laut dem «Vatican Insider» vom Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, und vom Camerlengo Tarcisio Bertone gefällt. Die beiden Kirchenmänner gaben zu verstehen, dass sie die amerikanischen Kardinäle für die in letzter Zeit an die italienischen Medien zugespielten Insiderinformationen bezüglich der «Vatileaks»-Affäre verantwortlich machen.

Dieses Machtwort wird die bereits bestehende Kluft zwischen der römischen Kurie und den US-Kardinälen noch vergrössern. Denn während sich die amerikanischen Geistlichen aus Gründen der Transparenz entschlossen hatten, täglich die Medien zu sogenannten Briefings zu treffen, sprach sich die römische Kurie von Anfang an gegen eine mediale Öffnung aus. Der Vatikansprecher Federico Lombardi betonte an der gestrigen Pressekonferenz mehrmals, dass das Konklave und die dazugehörenden Vorbereitungen nicht mit einer Bischofskonferenz verwechselt werden dürfen: «Die Tradition des Konklaves ist Reserviertheit». Zwar schreibe niemand den Kardinälen vor, wie sich diese zu verhalten haben, so Lombardi weiter, aber man müsse die Entscheidungen des Kardinalskollegiums nun mal respektieren.

Ein Schlag ins Gesicht

Der Jesuite Thomas Reese, der für den «National Catholic Reporter» über das Konklave berichtet, spricht von einem «Schlag ins Gesicht» und John L. Allen kritisierte in derselben Zeitung die Maulkorbstrategie. Die Briefings der US-Kardinäle seien «PR-technisch» wertvoll für den Vatikan gewesen. So hatte sich zum Beispiel am Montag der Kardinal Francis George aus Chicago unter anderem zu den Missbrauchsvorwürfen geäussert und unterstrichen, dass mit dem neuen Papst das «Null-Toleranz-Gesetz» gelte. «Die Nachricht wurde in den Medien aufgenommen und verbreitet», so Allen, «Kardinal George ist es gelungen, aus einer negativen Meldung eine positive zu schaffen. Damit ist jetzt Schluss.» Ausserdem befürchtete Allen in seinem gestrigen Kommentar, dass mit der neuen Regelung, die Medien sich nun über andere Quellen ihre Informationen holen würden – welche mit Sicherheit kein positives Licht auf die bevorstehende Papstwahl werfen.

So geschehen in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung «Repubblica». In einem– anonymen – Interview äussert sich ein sogenannter «Corvo» (Spitzel) zur Vatileaks-Affäre: «Der Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, ist nicht der Einzige, wir sind über zwanzig. Frauen und Männer. Konfessionslose und Geistliche.» Gerade jetzt im Vorfeld des Konklaves sei es an der Zeit, dass die Corvi wieder zu sprechen beginnen, sagte der geistliche, gesichtslose Informant. Es seien noch weitere geheime Akten vorhanden und auch diese könnten in die Hände des Enthüllungsjournalisten und Vatileaks-Autors Gianluigi Nuzzi gespielt werden. In Vergangenheit waren über die Vatikan-Spitzel immer wieder interne Informationen aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit gelangt. So veröffentlichten italienische Medien beispielsweise die Namen der drei angeblichen Komplizen von Gabriele oder Angaben zu Papst Ratzingers Gesundheit.

Die von den US-Kardinälen ausgesprochenen Befürchtungen haben sich also bewahrheitet und könnten von ihnen als kleiner Erfolg verbucht werden, wenn es die ohnehin schon angespannte Stimmung unter den Kardinälen nicht noch zusätzlich anheizen würde. So wurde etwa gestern die bevorstehende Papstwahl von der Veröffentlichung einer schwarzen Liste überschattet: Opfer von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche warfen den zwölf genannten Kardinälen (siehe Bildstrecke «Dirty Dozen – die Kardinäle auf der schwarzen Liste») vor, mit verharmlosenden Äusserungen zum Thema Missbrauch die pädophilen Geistlichen in Schutz zu nehmen.

Erstellt: 07.03.2013, 14:14 Uhr

Bildstrecke

Dirty Dozen - die Kardinäle auf der Schwarzen Liste

Dirty Dozen - die Kardinäle auf der Schwarzen Liste Opfer von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche haben eine schwarze Liste möglicher Papst-Kandidaten veröffentlicht.

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