Das Melodrama um Katalonien

Barcelona gegen Madrid: Der Konflikt geht ungebremst in die Entscheidungsphase.

Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy (l.) und Artur Mas, Chef der katalanischen Autonomieregierung. Foto: Paul Hanna (Reuters)

Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy (l.) und Artur Mas, Chef der katalanischen Autonomieregierung. Foto: Paul Hanna (Reuters)

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Ein kühler Handschlag, ein flüchtiges Lächeln. In Madrid haben sich am Mittwoch der spanische Ministerpräsident, Mariano Rajoy und der Chef der kata­lanischen Autonomieregierung, Artur Mas, zu einem dramatisch herbeigetrommelten Gipfel getroffen. Die Kameras zoomten die Gesichter ganz nahe heran, um jede Regung zu registrieren. Ein Jahr lang hatten sie sich nicht mehr gesprochen, hatten sich stattdessen gegenseitig der Sturheit bezichtigt. In einem Crescendo. Es wäre also Zeit gewesen für eine Verständigung, für eine Deeskalation. Doch die Mienen täuschten nicht.

Rajoy richtete Mas aus, dass die Volksbefragung über die politische Zukunft der Region, die der für den kommenden 9. November daheim in Katalonien plant, «illegal» sei und nicht stattfinden werde. Punkt. Mas wiederum bedauerte die Haltung Rajoys, richtete aber seinerseits aus, man werde dennoch an der Befragung festhalten, man habe schliesslich eine politische und gesellschaftliche Mehrheit dafür. Punkt. Ein Dialog, wie ihn der Katalane nach einem zweieinhalbstündigen Gespräch trotz allem ausgemacht haben will, fühlt sich anders an. Falls weder Madrid noch Barcelona bald nachgibt, steuert Spanien auf eine spektakuläre Zerreissprobe zu.

Der eingestürzte Mythos

Den schwächeren Stand hat Artur Mas. Er reiste wie ein angezählter Boxer nach Madrid, getroffen von einem Schlag aus dem Nichts. Bis vor einigen Tagen hatte er sich noch in einer Position der Stärke gewähnt, getragen von einer stetig wachsenden Zahl von Katalanen, die den virulenten Streit mit dem Zentralstaat bis zum bitteren Ende treiben möchten – bis zum Bruch, zur Loslösung von Spanien. Und er, Artur Mas, würde diesen historischen Prozess mit Macht und Entschlossenheit anführen. Doch dann brach in Barcelona eine Welt zusammen: Jordi Pujol, katalanischer Ministerpräsident von 1980 bis 2003 und Mas’ Mentor, gab am Wochenende zu, dem Finanzamt mehr als drei Jahrzehnte lang ein Erbvermögen verheimlicht zu haben. Im Ausland, wahrscheinlich in Andorra.

Die späte Beichte trifft die Katalanen mit einer Wucht, die sich nur mit der transzendentalen Bedeutung Pujols für das katalanische «Nationalgefühl» und das politische Selbstverständnis der Region erklärt. Es gab Zeiten, da hiess es, Pujol sei Katalonien und Katalonien sei Pujol. In Barcelona verehrten sie ihn für sein Engagement für die «Heimat», in Madrid respektierten sie ihn für seine taktische Finesse. Alle Autonomie, alles Wachstum der katalanischen Kultur und Sprache – alles ist Pujols Verdienst. Und darum mochten ihn selbst jene Katalanen, die ihn nicht wählten. Viele waren das nicht, in seiner Karriere regierte Jordi Pujol lange mit absoluter Mehrheit. Man hielt ihn gemeinhin für einen ­Verfechter von hehren Werten, für eine Moralinstanz.

Selbst nach seiner Pensionierung lebte der Mythos fort, als «Pujolismo», wenn auch einige Mitglieder seiner Familie ins Zwielicht gerieten. Vom Patriarchen glaubte man, dass er schon ­irgendwie gerade sei. Korruptionsgerüchte hielt man für Madrider Komplottversuche, sie dienten als Zement. Umso grösser ist nun die Ernüchterung, ein wahres Melodrama. Pujol musste bereits alle seine Ämter aufgeben, sein Büro und seine Rente auf Lebenszeit. «Der Einsturz eines Mythos», titelte «La Vanguardia», einst Pujols Leibblatt. Alles scheint nun wacklig, auch Pujols po­litisches Vermächtnis. Dieser plötzliche Einsturz erschüttert unweigerlich auch die Glaubwürdigkeit von Artur Mas, dem Ziehsohn. Ohne Pujol, sagte Mas einmal, stünde er nicht oben. Den Satz wird er nun nicht mehr los.

Chancen eines Mittelwegs

Doch was wird aus dem grossen historischen Vorhaben vom 9. November? Die Meinungen der Politdeuter gehen auseinander. Es gibt solche, die sagen, Pujols Sturz lösche bei all jenen die Flamme des Sezessionismus, die sich erst in den letzten zwei Jahren, mitten in der Krise also, davon überzeugen liessen. 2010 sprachen sich erst 20 Prozent für eine katalanische Abspaltung aus, nun sind es 45 Prozent. Andere Analysten vermuten, dass jetzt die radikalen Sezessio­­nisten der fulminant wachsenden Partei Esquerra Republicana Auftrieb erhalten. Die Frage ist nur, wie viel Auftrieb.

Rajoy glaubt, er könne die Geschichte aussitzen, der Plan der Volksbefragung werde zwangsläufig an der Verfassung zerschellen. Juristisch hat er recht: Die spanische Verfassung sieht das Land in seiner jetzigen Form als eins und unteilbar. Ein Referendum zur politischen Selbstbestimmung bricht also das Grundgesetz. Mas aber stützt sich auf die politische Legitimität der Befragung, auf den Verdruss des katalanischen ­Volkes mit seiner Kultur und seiner Sprache und seinem natürlichen Lebensraum, das sich immer mehr von Restspanien entfremdet und unfair behandelt fühlt. Dieses Gefühl ist real und wächst, solange Rajoy trocken mit der Schulter zuckt.

Es gäbe vernünftige Mittelwege, um den Konflikt zu entschärfen: mehr ­Autonomie ohne Verfassungsänderung, Föderalismus mit grosser Verfassungsreform. Die Varianten kommen gut an im Volk. Auch ein schöner Teil der katalanischen Nationalisten wäre bereit, auf die Unabhängigkeit zu verzichten, wenn ­Katalonien dafür mehr Steuerhohheit und Exklusivkompetenzen bekäme. Das zeigen alle Umfragen. Nur müssten die beiden Herrschaften an der Macht bereit sein, von ihren Maximalforderungen zu lassen, miteinander zu reden, etwas mehr zu lächeln. Ein bisschen Zeit bleibt noch, einige Monate.

Erstellt: 31.07.2014, 06:52 Uhr

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