Das Museum des Anstosses

Ein neues Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig ist zum Streitpunkt zwischen Polens rechtsnationalistischer Regierung und ihren Kritikern geworden.

Der 40 Meter hohe Quader des Museums überragt die Altstadt von Danzig. Darunter befinden sich sechs Kellergeschosse für die Ausstellung. Foto: Hans Brandt

Der 40 Meter hohe Quader des Museums überragt die Altstadt von Danzig. Darunter befinden sich sechs Kellergeschosse für die Ausstellung. Foto: Hans Brandt

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Er konnte den Hass in ihren Augen sehen. Die Abgeordneten hatten Pawel Machcewicz ins Parlament geladen, zu einer Sondersitzung des Kulturausschusses im Juni. Sie sassen ihm direkt gegenüber und beschimpften ihn: Er sei ein Volksverräter, er diene den Deutschen, nicht seinem eigenen Volk. «Ich wurde geradezu verbal gelyncht», sagt der Professor für Geschichte. «Die Radikalisierung der Sprache macht mir Angst.»

Gestritten wird um ein Museum, das gerade in der Hafenstadt Danzig entsteht. Das Museum des Zweiten Weltkriegs ist das derzeit grösste Kulturprojekt des Landes, ein 100-Millionen-Euro-Projekt von europäischer Bedeutung. Machcewicz ist sein Direktor. Wenn alles gut geht, öffnet das spektakuläre Haus im Februar seine Türen. Aber es geht nicht alles gut.

Seit die Rechtspopulisten der Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) vor einem Jahr die Wahlen gewannen, haben sie die Medien, die Geheimdienste, die Staatsanwälte unter ihre Kontrolle gebracht. Der Versuch, das Verfassungsgericht linientreu zu machen, hat einen Streit mit der EU ausgelöst. Polen hat zwar einen Präsidenten und eine Premierministerin. Aber beide sind dem PIS-Chef Jaroslaw Ka­czyn­ski völlig ergeben: Er ist der eigentliche Herrscher des Landes. Und Kaczynski hat eine alte Rechnung mit Machcewicz offen.

Geschichtsbewusste Herrscher

Der Museumsdirektor hat sein bescheidenes Büro in der Altstadt von Danzig. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zu 90 Prozent zerstört. Nach der Besetzung durch die Rote Armee zündeten die Russen systematisch historische Bauten an, die das Bombardement überstanden hatten. Doch die ­Altstadt wurde später originalgetreu wiederaufgebaut: Die kommunistischen Herrscher bewiesen Geschichtsbewusstsein.

Heute schlendern Touristen aus Deutschland, Skandinavien und Russland hinunter zum Rathausplatz durch die Ulica Dluga, die Langstrasse, entlang schmaler Giebelhäuser, vor Jahrhunderten von niederländischen Architekten entworfen. Im hinteren Teil eines dieser Gebäude, vom Strassenlärm geschützt, empfängt Machcewicz Besucher. Der schmale 50-Jährige mit dem stechenden Blick, Geschichtsprofessor an der Universität Warschau, hatte 2007 das Konzept für ein Weltkriegsmuseum in einem Zeitungsartikel präsentiert.

Es sollte vor allem das Leiden der polnischen Bevölkerung unter Deutschen und Russen dokumentieren, sollte die im Westen vergessenen osteuropäischen Umwälzungen in den Jahren des Kriegs in Erinnerung rufen. Aber es sollte auch Parallelen ziehen zur Misshandlung von Zivilisten anderswo auf der Welt, etwa Gräueltaten der Japaner in China oder ethnische Säuberungen in Kroatien. «Wir wollen kein Militärmuseum sein», sagt der Professor. «Obwohl es auch Waffen zu sehen gibt.»

«Wir wollen kein Militärmuseum sein»

2008 wurde Machcewicz zum Direktor des neu gegründeten Hauses ernannt – vom damaligen polnischen Premierminister Donald Tusk, der heute Präsident des Europäischen Rates ist. «Schon damals hat Kaczynski das Museum angegriffen und ­behauptet, es würde die Zersetzung der polnischen Nation fördern», erzählt der Historiker. «Heute heisst es, dass wir irgendwie das polnische Heldentum, das polnische Märtyrertum kleinreden.» Schon 2008 hatte der PIS-Chef angedroht, das Museum zu übernehmen, sobald seine Partei an der Macht sei. Jetzt wird diese Drohung umgesetzt. Als ersten Schritt gründete die PIS-Regierung ein neues Kriegsmuseum in Danzig, das Museum Westerplatte. Auf der Westerplatte, einer Halbinsel an der Hafen­einfahrt von Danzig, begann der Zweite Weltkrieg.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Deutschland grosse Teile seines Territoriums an Polen abgeben müssen. Erstmals seit mehr als 100 Jahren war wieder ein eigenständiger polnischer Staat entstanden. Danzig aber blieb als Freie Stadt Deutschland zugeordnet. Allerdings hatte Polen auf der Westerplatte ein Munitionsdepot, beschützt von einer kleinen Garnison. Sie wurde am 1. September 1939 von einem deutschen Kriegsschiff, das im Hafen von Danzig lag, unter Beschuss genommen. 200 polnische Soldaten leisteten fast eine Woche lang Widerstand gegen eine deutsche Übermacht.

Stille Absetzung

Schon zu Zeiten des Kommunismus wurde ein Denkmal errichtet, um die polnischen Helden zu feiern. Doch ein Museum gab es hier nie. «Das Museum Westerplatte existiert nicht», erzählt Machcewicz. «Es hat zwei Angestellte, keine Telefonnummer, keine Anschrift, keine Website. Das Ganze ist ein Trick, um mich loszuwerden.» Ka­czyn­skis Kulturminister hat angekündigt, dass das Museum Westerplatte und das Museum des Zweiten Weltkriegs zum 1. Februar 2017 fusioniert werden sollen. Damit wird der Vertrag von Machcewicz, der bis 2019 läuft, hinfällig. Und das gesamte Konzept des Museums infrage gestellt.

Geschichte, ihre Interpretation, ihre Inszenierung, ist für alle Staaten wichtig. In Polen jedoch spielt sie eine ganz besondere Rolle. «Zu Zeiten des aufkeimenden Nationalismus im 19. Jahrhundert gab es kein unabhängiges Polen», erklärt die Soziologin Joanna Wawrzyniak von der Universität Warschau. «Die Idee eines polnischen Nationalstaates war also über Jahrzehnte eine romantische, erträumte.» Um diesem ideellen Konstrukt einen ­Inhalt zu geben, wurde eine heroische Erzählung polnischer Geschichte gepflegt.

Geprägt von Kirche und Nationalismus

Bis heute muss Polen sich selbst immer wieder seiner Einzigartigkeit, seiner Eigenständigkeit vergewissern. Denn auch der polnische Staat, der nach dem Ersten Weltkrieg entstand und ins kommunistische Polen unter sowjetischer Kontrolle überging, war nicht unabhängig. Erst seit 1989, seit dem Ende des Kalten Kriegs, kann Polen wirklich sein eigenes Schicksal bestimmen. Dass die nationalistische PIS mit Agitation gegen die «Fremdbestimmung durch die EU» Stimmen gewinnt, überrascht deshalb nicht.

Hinzu kommt eine antimoderne Propaganda – etwa gegen die Abtreibung oder die Gleichstellung von Homosexuellen, die wiederum stark von der katholischen Kirche geteilt wird. Auch die Kirche spielte von Beginn an eine zentrale Rolle. «Die Erfinder des polnischen Nationalismus mussten sich abgrenzen von den beiden Grossmächten, die Polen immer beherrscht hatten: Russland und Deutschland», sagt Wawrzyniak. «Da bot sich der Katholizismus an, als Differenzierung zu russischen Orthodoxen und deutschen Protestanten.»

«Unfair, schmerzhaft, unmenschlich»

Aus dieser katholischen Tradition stammt Antoni Szymanski, PIS-Senator aus Danzig, ein freundlicher 64-Jähriger, der sein Büro nur wenige Hundert Meter vom neuen Museum entfernt hat – und ihm wenig Gutes abgewinnen kann. Im Zweiten Weltkrieg sei ein «gigantisches Verbrechen an unserer Nation» verübt worden, sagt Szymanski. «Wenn jemand versucht, diese Tragödie herunterzuspielen, erscheint uns das unfair, schmerzhaft und unmenschlich.» Für den Senator sollte das Museum ausschliesslich die Geschichte Polens präsentieren. «Natürlich war der Zweite Weltkrieg nicht nur ein Martyrium für Polen», sagt er. «Doch indem wir unsere Tragödie präsentieren, wollen wir auch auf die Tragödie hinweisen, die ganz Europa erfasst hat.»

«Ich bin Professor der Geschichte», erwidert ­Pawel Machcewicz seinen PIS-Kritikern. «Politiker sind keine Partner für mich in Diskussionen über das Museum. Das ist ein Job für Historiker.» Er wird von einem Gremium renommierter internationaler und polnischer Experten beraten. Der Job ist fast vollendet. Ein 40 Meter hoher, schräger Quader ragt zwischen Altstadt und der legendären Danziger Werft in den Himmel, halb Glas, halb backsteinrot wie viele historische Bauten der Stadt. Darunter ­befinden sich sechs Kellergeschosse mit mehr als 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Wertvolle Erbstücke

Die Räume wurden gebaut, um ganz bestimmte Exponate aufzunehmen. Zwei Panzer und ein Eisenbahnwaggon mussten ins Tiefgeschoss hinuntergelassen werden, bevor darüber weiter­gebaut werden konnte. Das Design der Ausstellung ist längst fertig, der Katalog gedruckt.

Polnische Familien haben dem Museum einzigartige Erbstücke überlassen – etwa ein Taschentuch, auf das ein Widerstandskämpfer eine Abschiedsbotschaft schrieb, Stunden bevor er 1940 von den Deutschen hingerichtet wurde. Einige dieser Schenkungen könnten zurückgezogen werden, sollte die Ausstellung völlig umgekrempelt werden. Manche Polen fühlen sich unter einer PIS-Regierung an die Zeiten kommunistischer Herrschaft erinnert. «Ich arbeite für Polen», sagt Machcewicz. «Es geht mir um Werte, die mir zutiefst wichtig sind: um die Freiheit der Geschichte, der Kultur, der Forschung. Ich fühle mich gezwungen, meine Arbeit fortzusetzen, solange es möglich ist.»

Auch in der Bevölkerung regt sich Unmut. Immerhin hat Danzig eine lange Tradition des Widerstands. Die Gewerkschaft Solidarnosc entstand hier und löste Proteste aus, die das Ende des Kalten Kriegs herbeiführten.

Armut überall

Aber nicht jedem ist der Streit um das Museum wichtig. Im Transformationsland Polen ist Arbeit schwer zu finden, die Löhne sind niedrig, Armut ist verbreitet. In der Fussgängerzone sitzen alte Frauen bis spät in die Nacht und versuchen, an Passanten Äpfel, Blumen oder Eingemachtes aus ihrem Garten zu verkaufen. Überall wühlen Metallsammler in Müllcontainern.

Agnieska, die gerade ihren Bachelor an der Universität von Danzig gemacht hat, schüttelt bei der Frage nach der rechten Regierung missmutig den Kopf. Sie hat einen guten Nebenjob gefunden, verdient sich etwas Geld hinzu. «Ach, ich rede mit meinen Freunden nicht über Politik», sagt die 23-Jährige. «Jeder hat eine andere Meinung. Das bringt doch nur Streit.» Wichtiger ist ihr, dass sie endlich eine Wohnung direkt neben einer wichtigen Attraktion gefunden hat – der Galeria Baltycka, dem grössten Einkaufszentrum der Stadt. Auf ihrem Unterarm trägt sie eine Tätowierung: «Live your dreams».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2016, 19:56 Uhr

Pawel Machcewicz
Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs.

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