Das RAF-Geiseldrama in Stockholm

Die Gedenkfeier zum «Kommando Holger Meins» in der deutschen Botschaft ruft in Erinnerung, wie hoch der Preis für Sicherheit ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gegen acht Uhr abends steht der Entschluss der Bundesregierung fest. Sie wird auf die Forderungen des «Kommandos Holger Meins» nicht eingehen. Nun ist es am schwedischen Justizminister Lennart Geijer, mit den sechs RAF-Mitgliedern zu verhandeln. Vermutlich fiel die Aufgabe ihm zu, weil er Deutsch spricht.

Geijer fährt zur westdeutschen Botschaft in Stockholm. Im dritten Stock haben sich die Terroristen verschanzt, elf Botschaftsangehörige sind noch in ihrer Gewalt. Sie drohen, das Gebäude in die Luft zu sprengen, sollte die Polizei stürmen. Über das Haustelefon ruft Geijer sie von der benachbarten Residenz des Botschafters an. Die Entscheidung aus Bonn sei endgültig, sagt er. Niemand würde aus den deutschen Gefängnissen freigelassen. Mit der Geiselnahme in der deutschen Botschaft am 24. April 1975 wollen die Täter 26 RAF-Häftlinge freipressen, darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Am Frankfurter Flughafen soll eine Boeing 707 inklusive Besatzung auf die Befreiten warten. Bis 21 Uhr geben die Terroristen der Bundesregierung Zeit. Dann würden sie jede Stunde eine Geisel töten.

Gedenkfeier zum Geiseldrama in Stockholm

Es ist nun kurz vor 21 Uhr. «Sie müssen verstehen, die schwedische Regierung kann da nichts machen», sagt Geijer ins Telefon. Sie sei aber bereit, über freies Geleit zu verhandeln. «Also ich lege jetzt auf», antwortet der Mann am anderen Ende der Leitung. Es ist der RAF-Terrorist Lutz Taufer. «Unsere Forderungen sind bekannt und dabei bleiben wir auch.» Geijer versucht es wieder. «Sie können mit uns verhandeln», sagt er. Doch es kommt keine Antwort mehr. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Terroristen bereits eine Geisel, den Militärattaché Andreas von Mirbach, getötet.

«Die Angehörigen der Botschaften waren für die Terroristen Repräsentanten des repressiven, kapitalistischen Systems, das sie bekämpften», sagt Michael Bock, der heutige deutsche Botschafter in Stockholm. Vierzig Jahre nach dem Geiseldrama lädt er zu einer Gedenkfeier ein, «für die Opfer, aber auch für die Kollegen, die den Anschlag überlebt haben». Viele hätten seelischen Schaden genommen.

Die Terroristen sind damals paarweise zur Botschaft gekommen, vorgeblich wegen Pass- und Erbschaftsangelegenheiten. Vier lässt der Pförtner passieren, zwei will er wieder wegschicken. In diesem Moment geht die Tür der Botschaft auf und die beiden Männer stürmen einfach hinein. Im Gebäude treiben die Terroristen schreiend und schiessend die Botschaftsangestellten zusammen. Zum Kommando gehören die Studenten Lutz Taufer und Hanna Krabbe, der Millionärssohn Ulrich Wessel, der frühere Briefträger Karl-Heinz Dellwo, der Hausbesetzer Bernd Rössner und Siegfried Hausner, der die Aktion leitet. Benannt haben sie sie nach RAF-Mitglied Holger Meins, der nach einem Hungerstreik in Haft gestorben war.

«Mein Vater ist für sein Land gestorben»

Im Büro des Botschafters müssen sich die Geiseln mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen. Die unteren Etagen hat die schwedische Polizei besetzt. Um kurz vor eins fordern die Terroristen sie auf, das Gebäude innerhalb von 30 Minuten zu verlassen. Um kurz vor zwei führen sie Militärattaché Andreas von Mirbach an die Treppe im dritten Stock. «Hinter mir stehen bewaffnete Leute, die mich ausdrücklich beauftragt haben, zu sagen, dass ich erschossen werde, wenn die Botschaft nicht bis 14 Uhr geräumt wird», erklärt er.

Um 14 Uhr schiessen die Terroristen. Fünfmal wird von Mirbach getroffen und dann die Treppe hinuntergestossen. Unten bleibt er schwer verletzt liegen. Erst 45 Minuten später lassen die Täter zu, dass zwei bis auf die Unterhose entkleidete Polizisten ihn bergen. Von Mirbach stirbt kurz darauf im Krankenhaus.

Sein Sohn Clais von Mirbach ist zur Gedenkfeier nach Stockholm gekommen. «An sich möchten wir nicht in die Öffentlichkeit gehen», sagt er. «Wir tun das, damit mein Vater nicht in Vergessenheit gerät und in Ehren gehalten wird. Mein Vater ist ja für sein Land gestorben.» Andreas von Mirbach war Deutsch-Balte, 1931 in Riga geboren. 1944 musste er nach Deutschland fliehen. «Zu Hause haben wir viel über Geschichte gesprochen, über die braune Diktatur genauso wie über die rote», sagt sein Sohn, der zwölf Jahre alt war, als er den Vater verlor. 1956 trat von Mirbach als einer der Ersten der Bundeswehr bei. «Mein Vater wollte eine freiheitliche Gesellschaft, und um Angriffe auf sie von vornherein zu verhindern, ist er Soldat geworden.»

«Am Ende aller Sicherheit»

Im Treppenhaus der Botschaft hängen heute die Bilder der Ermordeten. Neben dem Foto von Andreas von Mirbach hängt das von Botschaftsrat Heinz Hillegaart. Ihn erschiessen die Terroristen um 22.20 Uhr am offenen Fenster, vor den Augen von Polizei und Presse, als Reaktion auf die Entscheidung aus Bonn. Zwei Monate zuvor hatten RAF-Mitglieder den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz gekidnappt und fünf Häftlinge freigepresst. Damals wusste niemand, wo sich die Entführer aufhielten. Diesmal schon. Hätte man wieder nachgegeben und Gewalttäter freigelassen, «wären wir dann vielleicht schon nach kurzer Zeit am Ende aller Sicherheit gewesen», erklärt Kanzler Helmut Schmidt nach dem Geiseldrama im Bundestag.

Die Terroristen hatten sich Stockholm aus mehreren Gründen ausgesucht, erklärt Dan Hansén von der schwedischen Hochschule für Verteidigung, Autor des Buches «Kommando Holger Meins». Sie wussten, dass Schwedens Premier Olof Palme ein gutes Verhältnis zu Willy Brandt hatte. «Sie hofften wohl, die schwedische Regierung würde Druck ausüben.» Ausserdem hielten sie die schwedische Polizei für nicht sehr bedrohlich und die geografische Lage der Botschaft für günstig.

Die schwedische Regierung stand tatsächlich vor einem grossen Problem. «Wir hatten kein Äquivalent zu GSG 9 und nur schlecht trainierte Polizisten», sagt Hansén. Zehn Freiwillige sollten die Botschaft mit Tränengas stürmen. Es kam nicht mehr dazu. Kurz vor Mitternacht explodierte das TNT der Terroristen, vermutlich aus Versehen. Die Geiseln rannten, verletzt und verstört, aus der Botschaft. Ulrich Wessel starb sofort, die anderen Geiselnehmer liefen der Polizei in die Arme. Wenige Tage später wurden sie nach Deutschland ausgeliefert, Siegfried Hausner schwer verletzt. Er starb Anfang Mai auf der Krankenstation in Stuttgart-Stammheim.

Freiheit vs. Sicherheit

Eine Spezialeinheit bekam die schwedische Polizei auch nach dem Botschaftsdrama lange Zeit nicht, obwohl nun laut Hansén darüber diskutiert wurde, ob Schweden das schwache Glied im internationalen Vergleich bleiben dürfe. «Man muss stets abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit», sagt Botschafter Bock. «Die Schweden haben sich ihre Freiheit immer bewahrt.»

Zwei Jahre nach dem Attentat auf die Stockholmer Botschaft ermorden RAF-Terroristen vier Begleiter des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und entführen ihn. Sie nennen sich «Kommando Siegfried Hausner». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 13:43 Uhr

Artikel zum Thema

Als der Terror Deutschland erschütterte

Kritik Die RAF, ihre Opfer, ihre Gegner: Eine Berliner Ausstellung zeigt Parallelen und Unterschiede zu den jüngsten Anschlägen in Paris. Mehr...

«Die RAF war eine Grundtorheit»

Hannes Wader tritt morgen in Zürich auf. Der Liedermacher glaubt an die Zukunft des Sozialismus. Nur ungern erinnert er sich allerdings an die Zeit, als die RAF Waffen in seiner Wohnung lagerte. Mehr...

…vor 40 Jahren: Die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion (RAF)

Am 14. Mai 1970 findet die Baader-Befreiung statt, die als Gründung der Roten Armee Fraktion angesehen wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Blogs

Dummheit als Ware

Sweet Home 15 geniale Ideen für die Küche

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Reif für die Insel: Die philippinische Insel Boracay ist wieder für Touristen geöffnet. Sie war wegen Umweltprobleme geschlossen worden. Viele Hotels und Geschäfte sollen ihr Abwasser samt Fäkalien jahrelang ins Meer geleitet haben. Hier ist die vulkanische Formation Williy's Rock auf der Insel zu sehen. (16. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Mark R. Cristino) Mehr...