Das Spiel mit den Klischees

Lego droht eine Rassismusklage, weil ein «Star Wars»-Set aussehe wie eine Moschee. Der Vorwurf ist absurd. Aber er erinnert daran, wie schwierig es ist, weltweit gültiges Spielzeug herzustellen.

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Es ist eine Geschichte aus der schönen neuen Welt der Instant-Empörungskampagne. Mitwirkende sind ein österreichischer Vater mutmasslich muslimischen Glaubens, eine gutmeinende Tante und ein wahrscheinlich ziemlich enttäuschter Bub. Wichtigste Zutat ist ein Legomodell. Set Nr. 9516, Jabbas Palast, erschienen letzten Herbst. Treibende Kraft des Dramas sind eine übereifrige Expertin der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKÖ) und ihre Verbandschefs, die Anfang Woche ein langes Communiqué verschickten.

Und dieses geht nun um die Welt. Wer hätte gedacht, dass ein Legoset einst religiöse Befindlichkeiten wecken könnte. Der dänische Spielzeugriese selbst jedenfalls nicht. Gestern antwortete Lego mit einer Pressemitteilung, die von Schreibfehlern wimmelte, weil sie derart hastig verfasst worden war. Ihr Tenor: Wir hatten ja keine Ahnung.

Weihnachtsgeschenk umgetauscht

Zwei Jahre Konzipierung und Vermarktung des Sets, Dutzende Spielzeugmessen, Hunderte Besprechungen auf einschlägigen Webseiten – und niemand kam auf den Gedanken, dass Folgendes passieren könnte: In der vergangenen Weihnachtszeit wandte sich ein Mann mit einer Beschwerde an die TKÖ. Seine Schwester hatte seinem Sohn, ihrem Neffen, ein luxuriöses Legoset geschenkt. Ein Gebäude mit Kuppel, Turm und skurrilen Figuren. Gebaut im Puppenhaussystem, halb geschlossen, halb offen. Ein Modell zum Spielen und Zeigen. Der Vater hatte keine Freude, brachte das Set umgehend in den Laden zurück und tauschte es um. Die Reaktion des Sohnes ist nicht überliefert.

Für diesen Österreicher stellte das Gebäude nicht nur irgendeine Moschee dar, sondern eine der berühmtesten überhaupt: die Hagia Sophia in Istanbul. Allenfalls noch die Moschee Jami al-Kabir in Beirut. Nach Prüfung des Bausatzes durch ihre Generalsekretärin Melissa Günes stimmte die TKÖ dem besorgten Vater bei. «Es stellte sich heraus, dass die Legoschachtel pädagogischen Sprengstoff enthält», schreibt der Verband. Dr. Günes stellte «pädagogisch verwerfliche Mängel und kulturell fragliche Assoziationen» fest. Die Kritikpunkte wurden von der TKÖ liebevoll grafisch dargestellt.

Lego lachte den Kritikern nicht ins Gesicht. Wie keine andere Branche sind Spielzeughersteller darauf getrimmt, dem Publikum zu gefallen. Selbst wenn Vorwürfe absurd sind. «Das Produkt ist keinen nichtfiktionalen Gebäuden, Völkern oder der erwähnten Moschee nachempfunden», erklärt die Firma flehentlich. Das Modell und die Figuren seien vielmehr dem Science-Fiction-Film «Star Wars: The Return of the Jedi» (1983) entnommen. «Junge und alte ‹Star Wars›-Fans sollten die Filmszenen zu Hause nachspielen können.» Aber natürlich: «Die Lego-Gruppe bedauert, dass das Produkt den Mitgliedern der türkischen Kulturgemeinde Anlass gab, es falsch zu interpretieren.» Wird das offenbar beleidigende Ding zurückgezogen? Eine Legosprecherin «bezweifelt» das gegenüber «Spiegel online». Sie bezweifelt es bloss.

Anzeige wegen Volksverhetzung oder Rassismus?

Doch für die Dänen ist die Sache nicht ausgestanden. Die TKÖ behält sich ausdrücklich vor, Lego wegen Verhetzung in Österreich, Volksverhetzung in Deutschland, womöglich gar wegen Rassendiskriminierung in der Schweiz vor Gericht zu ziehen. Auch in der Türkei ist eine Klage im Gespräch. Eine ernste Sache – im Gegensatz zu den wohl aussichtslosen Klagen in Mitteleuropa. Denn die Türkei kennt den Paragrafen 301, der jenen unter Strafe stellt, der die «türkische Nation beleidigt». Was das heisst, definieren die Richter.

Was Lego nicht zugeben kann: Die TKÖ hat natürlich recht – der Palast dieses Jabba ist nahöstlicher Architektur nachempfunden. Und er steht auf einem fiktiven Wüstenplaneten, der so nordafrikanisch wirkt, dass die entsprechenden Szenen damals in Tunesien gedreht wurden. Zudem ist der (nicht ganz ernst gemeinte) Vergleich mit der Hagia Sophia unter «Star Wars»-Fans schon länger gang und gäbe. Absurd ist bloss, mit welcher quasi-wissenschaftlichen Sicherheit die TKÖ den Spielzeughersteller entlarven will.

So ist der Verband überzeugt, der Science-Fiction-Palast sei ein «Abklatsch der Hagia Sophia»: «1:1 dasselbe Dach» heisst es in der TKÖ-Grafik. Im sogenannten Minarett erkennt die Expertin zudem eine Figur, die den «Muezzin als Kriminellen mit Axt und Maschinengewehr» darstelle. Und selbst wer diese Ähnlichkeit nicht erkenne, müsse zugeben, dass das Modell Sakralbauten an sich gleiche: «egal ob Kirche, Moschee, Synagoge oder Tempel». Ein weiser Einschub, denn die reale Hagia Sophia wurde vor ihrer Eroberung durch die Osmanen ursprünglich als byzantinische Kirche erbaut.

In «Star Wars» wimmelt es von Klischees

Lego fühlte sich sicher, weil der Film dreissig Jahre alt ist und es bisher keine Klagen wegen Rassismus oder Diskriminierung gab. Doch die Stereotypen sind natürlich schon anderen aufgefallen, längst vor den Berufsempörten aus Österreich. Jabba, der Oberschmuggler, ist eine bösartige Riesenschnecke, was fantastisch ist, aber er raucht ganz irdischerweise gern Wasserpfeife, herrscht über ein Sklavenheer und hält einen Harem von Damen, gekleidet im Stil von «Tausendundeiner Nacht». Sein Fortbewegungsmittel ist eine schwebende Plattform – eine Art fliegender Teppich.

Ist Jabba die bewusste Darstellung eines bösen Kalifen? Kaum. Doch George Lucas, der Erfinder von «Star Wars», griff immer gern auf Klischees zurück. In den ersten Filmen gibt es gröhlende Wüstennomaden, Eingeborene, die wie Teddybären aussehen und wie Naturvölker reden, sowie eine imperiale Armee mit Naziuniformen und britischem Zungenschlag. Noch bunter trieb es Lucas mit der zweiten «Star Wars»-Trilogie: Ein geldgieriger Hehler und Sklavenhalter hat eine Hakennase und redet mit hebräischem Akzent. Ein schlaksiger Trottel mit Ohren wie Rastalocken spricht im selben Simpel-Englisch wie die Schwarzen der frühen Hollywood-Filme (und wird auch von einem Schwarzen dargestellt). Und die menschenverachtende «Handelsföderation» wird beherrscht von flachgesichtigen Aliens mit Schlitzaugen und japanischer Aussprache.

Völlig harmlos sind solche Stereotypen nicht, und auch nicht völlig schmerzlos. «Wissen Sie, ich kenne jetzt die konkrete Kontroverse um das Legoset nicht», erklärt Cem Lütfi Karatekin, Präsident der Basler Muslim-Kommission gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Aber Ihnen fallen solche Dinge vielleicht nicht gleich auf. Den Betroffenen jedoch schon. Und es ist nicht lustig, wenn ein Gebäude, das für Sie wie eine Gebetsstätte aussieht, im Film oder im Legosortiment als Räuberhöhle daherkommt.»

Nun, die meisten der genannten Ähnlichkeiten fielen den Zuschauern sofort auf. George Lucas wies zwar alle Verdächtigungen von sich, und er ist wohl kaum ein rassistischer Propagandist, sondern einfach leichtsinnig. Doch es bleibt ein Rätsel, warum er seine Welt in dieser Form darstellte. Das meiste wäre einfach zu umgehen gewesen, ohne die Handlung im Geringsten zu verändern. Lucas hatte Glück, und seine Lizenznehmer – von Lego bis Hasbro – ebenfalls: Es gab keine Klagedrohungen, weder von jüdischer noch von japanischer noch von Rastafari-Seite.

Diskriminierung im Spielzimmer

Denn das ist letztlich die Grundfrage dieser Debatte: Können wir Stereotypen in unseren Spielzeugen aushalten? Und wer bestimmt überhaupt, wo Stereotypen beginnen und enden? Dass etwa die TKÖ das Figürchen im Jabba-Palast-Turm als Muezzin betrachtet, ist wirklich ihr Problem. Grüne Haut, Schweinsnase, Hörner, Neandertalerfell und eine Art Römerhelm – was das mit einem ehrenwerten Gebetsausrufer zu tun hat, bleibt das Geheimnis von Expertin Günes.

Die Angst vor Diskriminierung im Spielzimmer ist jedenfalls nicht neu. Es dauerte Jahrzehnte, bis Lego es wagte, die erste Figur mit brauner Hautfarbe herzustellen. Denn sofort folgten Fragen nach dem Einsatz solcher Figuren: als Chauffeur, Feuerwehrmann, Räuber? Weibliche Legofigürchen gibt es seit den 1970ern, aber erst seit kurzem fliegen sie auch Raumschiffe oder pilotieren Züge.

Diese Gelegenheiten für Klagen wegen Diskriminierung sind also verpasst. Es gäbe womöglich neue, seit Lego eine arg klischierte Reihe für Mädchen auf den Markt brachte. Glücklicherweise haben die Klagen keine Aussicht auf Erfolg, zumindest im Westen. Aber die «Star Wars»-Fans hatten trotzdem Glück. Hätten die vorsichtigen Steinchenhersteller auch nur geahnt, dass es Ärger geben könnte, hätte es Jabbas schönen Palast kaum je gegeben.

Erstellt: 25.01.2013, 19:05 Uhr

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