Das befremdliche Schweigen der beiden Päpste

Auch wenn die Vertuschungsvorwürfe gegen Papst Franziskus zu einer konzertierten Aktion der Konservativen gehören, müssen sie nicht unwahr sein.

Von Papst Franziskus entlassen: Erzbischof Carlo Mario Vigano. Foto: Getty Images

Von Papst Franziskus entlassen: Erzbischof Carlo Mario Vigano. Foto: Getty Images

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Die beispiellosen Vorwürfe von Erz­bischof Carlo Maria Vigano an das Kirchenoberhaupt haben das Zeug, die katholische Kirche an Haupt und Gliedern zu erschüttern. Der frühere Nuntius in Washington, also der Repräsentant des Vatikans in den USA, will Franziskus schon 2013 gesagt haben, dass der emeritierte Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, «Generationen von ­Priestern und Seminaristen verdorben» habe. Franziskus aber habe sich über die angeblich von Papst Benedikt 2008 und 2009 erlassenen Sanktionen gegen McCarrick hinweggesetzt und ihn zum engen Berater gemacht.

Erst vor Wochen, als eine Untersuchung dessen Übergriffe auf einen Minderjährigen und Seminaristen erhärtete, entliess Franziskus ihn aus dem Kardinalsstand.

Man kann Leitartikler Mathew Schmitz in der «New York Times» nur beipflichten, dass Franziskus zurücktreten müsste, sollten die Vorwürfe wahr sein.

Doppeltes Schweigen

Aber sind sie es auch? Das Schreiben sei eine Mischung aus «Fakten, Fiktion und Gift», hiess es alsbald, eine konzertierte Aktion von Internetportalen, letztlich ein Putschversuch des rechtskatholischen Franziskus-­kritischen Lagers in der US-Kirche.

Das ist durchaus möglich, ja plausibel. Aber auch wenn die Komplott-These zutrifft, die Vorwürfe von Vigano entkräftet sie nicht. Diesen als rachsüchtig darzustellen, weil er 2016 von Franziskus in Pension geschickt wurde, ist kurios. Vigano hatte damals mit 75 Jahren schlicht das ordentliche Pensionsalter der Bischöfe erreicht.

Eigenartig berührt das Schweigen der beiden Päpste. Benedikt XVI. habe sich zum Memorandum von Vigano nicht geäussert und werde es auch nicht tun, erklärte sein Privatsekretär Georg Gänswein. Warum schweigt der Ex-Papst, wenn er seinen Nachfolger entlasten könnte? Franziskus selber mag «kein Wort» zu den Vorwürfen sagen. Die Medien sollten das Papier gründlich studieren, forderte er, und sich ihr eigenes Urteil bilden. Warum dementiert er nicht einfach? Ausser Vigano täte er damit niemandem weh.

Wusste der Vatikan Bescheid?

Pennsylvanias Generalstaatsanwalt Josh Shaphiro, der vor zwei Wochen über den Missbrauch von 300 Priestern an tausend Kindern berichtete, erklärte im Nachgang zum Vigano-Schreiben, der Vatikan habe über die Vertuschung von Missbrauch in der US-Kirche Bescheid gewusst. Ob Franziskus selber auch, könne er nicht sagen.

Durchaus möglich, dass Franziskus allen Vorwürfen zum Trotz den für die Armen engagierten McCarrick ­schätzte und förderte. Schliesslich hatte er nach Amtsantritt 2013 auch Kardinal Georg Pell zum Finanzchef und in den Kardinalsrat berufen, obwohl die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn längst bekannt waren.

Derzeit steht Pell in Melbourne vor Gericht, angeklagt, sich einst an einem Jungen vergriffen und Missbrauchspriester gedeckt zu haben.

«Vertuschung war gestern, jetzt ist Transparenz angesagt.»

Es ist bekannt, dass sich Franziskus in der Personalpolitik nicht drein­reden lässt. Wenn sie ihm sympathisch sind, steht er auch zu den schwarzen Schafen. Er verlässt sich auf den Heiligen Geist, das heisst auf sein Bauchgefühl. Wobei die Reflexion zu kurz kommt.

Die richtigen Schlüsse hat Kardinal Daniel Di Nardo gezogen, der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz: Die aufgeworfenen Fragen verdienten «schlüssige und auf Beweisen basierende Antworten». Vom Vatikan fordert er eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe und drängt auf eine baldige Audienz beim Papst. Diesen muss er nur an dessen eigene Worte erinnern: «Vertuschung war gestern, jetzt ist Transparenz angesagt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 18:12 Uhr

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