Analyse

Das grösste soziale Experiment des Jahres

Die konservative Regierung von Grossbritannien hat nicht nur das härteste Sparprogramm aufgelegt. Sie träumt gleichzeitig von einer neuen Gesellschaft, der «Big Society».

Sollen plötzlich Banker für Obdachlose Suppe kochen?: David Cameron hofft auf eine neue Gesellschaft mit Gemeinschaftssinn.

Sollen plötzlich Banker für Obdachlose Suppe kochen?: David Cameron hofft auf eine neue Gesellschaft mit Gemeinschaftssinn.

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Grossbritanniens «Eiserne Lady», Margaret Thatcher, wurde mit dem Zitat berühmt, dass es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht gäbe, sondern bloss Individuen. David Cameron, der aktuelle konservative Premierminister, sieht das ganz anders. Er will mit dem puren Gegenteil Geschichte schreiben. Er sieht sich als Begründer einer «Big Society», einem Wiedererwachen des Gemeinschaftsgefühls.

Cameron versteht seine «Big Society» nicht als Gegenentwurf zu Thatchers Neoliberalismus. Er sieht darin vielmehr eine Anti-These zu Sozialismus und «Big Government». Sein Ziel ist eine neue Zivilgesellschaft. Er träumt von Menschen, die sich freiwillig und unbezahlt für die Gemeinschaft einsetzen, ohne dass ihnen der Staat zu Hilfe eilt.

Die Gemeinschaft leidet

Wo genau aber sollen diese freiwilligen Helfer aktiv werden? In der Schule beispielsweise, bei der Krankenpflege oder in Gemeindezentren, wo sie Kinder gratis Nachhilfeunterricht erteilen, Kranke pflegen oder Gemeinschaftsanlässe organisieren. Gleichzeitig sollen in der «Big Society» auch Bürgerversammlungen und Bewegungen zur Verbesserung der unmittelbaren Umwelt gefördert werden. Die Pläne sind hochfliegend: «Wir wollen nicht nur Kleinigkeiten verändern, sondern neue soziale Formen erfinden und wieder neues soziales Kapital aufbauen», heisst es vollmundig von Seiten der Regierung.

Die Vernichtung von sozialem Kapital ist eine viel beklagte Nebenerscheinung der Globalisierung. Wenn sich Fertigungsketten um den gesamten Globus spannen, wenn die Einkommensschere sich immer weiter öffnet, dann leidet die Gemeinschaft. So gesehen ist Camerons «Big Society» eine durchaus verständliche Antwort auf ein akutes soziales Problem. Sie ist allerdings nicht besonders originell. In England haben die so genannten «communitarians», Menschen, die sich für die Gemeinschaft einsetzen, eine lange Tradition.

Für die Gegner blanker Zynismus

Erstaunlich ist einzig der Zeitpunkt, in dem Cameron seine «Big Society» lanciert. Er hat den Briten soeben das härteste Sparprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg verpasst. Gerade der Gemeinschaftsbereich, Schulen und soziale Wohlfahrt sind davon besonders hart betroffen. Selbst in konservativen Kreisen stossen Camerons Visionen teilweise auf Kopfschütteln und werden als «dumme Idee» abgetan.

Für Camerons Kritiker ist seine «Big Society» blanker Zynismus. Was erwartet der Mann? Dass Banker mit Millionen-Boni einmal im Monat für Obdachlose Suppe kochen? Oder Manager Behinderte mit einem Bus ins Fussballstadion fahren? Lästerer vergleichen deshalb die Parolen von der «Big Society» mit Mao und seinem roten Büchlein, wo einzig dank hohlen Sprüchen eine neue Gesellschaft hätte entstehen sollen.

Tatsächlich starten Cameron und seine konservativ-liberale Regierung in ein sehr schweres Jahr. Das rigorose Sparprogramm verlangt von den Menschen grosse Opfer und die Schonzeit der neuen Regierung ist vorbei. Jetzt tritt eine höhere Mehrwertsteuer in Kraft, die Kinderzulagen für den Mittelstand sind gestrichen und die Löhne stagnieren. In diesem Umfeld ist Camerons Vision einer «Big Society» möglicherweise kein Modell für die Gesellschaft der Zukunft, sondern nur ein fahrlässiges soziales Experiment, das zum Scheitern verurteilt ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.01.2011, 12:23 Uhr

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