«Das ist Mord an unserem Sport»

Russland sieht sich als Opfer einer Verschwörung des Westens: Reaktionen auf den IOK-Entscheid zu den Winterspielen 2018.

Pyeongchang 2018 ohne russische Flaggen: Wladimir Putin und Sportminister Vitaly Mutko an den Winter Paralympics in Sotschi, Russland. (8. März 2017)

Pyeongchang 2018 ohne russische Flaggen: Wladimir Putin und Sportminister Vitaly Mutko an den Winter Paralympics in Sotschi, Russland. (8. März 2017) Bild: Alexei Nikolsky/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wegen Staatsdopings wird Russland von den nächsten Olympischen Winterspielen ausgeschlossen. Russische Athleten dürfen aber unter Auflagen unter der olympischen Flagge antreten. Die Sanktion durch das Internationale Olympische Komitee (IOK), die in erster Linie Symbolkraft hat, trifft die russische Nation in ihrem Stolz. Schon vor der gestrigen Entscheidung des IOK hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin vor einer «ernsthaften Schädigung der olympischen Bewegung» gewarnt. Es gebe zwei Optionen: «Entweder Russland zu zwingen, unter neutraler Flagge anzutreten, oder es überhaupt nicht zu den Olympischen Spielen zuzulassen», erklärte Putin. «Jede Option ist eine Erniedrigung für das Land.» Russland muss sich also erniedrigt fühlen.

Der verletzte Nationalstolz zeigt sich in den Reaktionen von russischen Politikern und Sportlern, die das staatsnahe Nachrichtenportal «Sputniknews» laufend veröffentlicht.

Vergleich mit Weltkrieg und Zerfall der UdSSR

Russland stellt sich als Opfer einer Verschwörung des Westens dar. In seinem Trotz macht es auf Patriotismus. In den Stellungnahmen tauchen dabei auch schräge historische Vergleiche auf. Der IOK-Entscheid werde Russland nicht zu Fall bringen, erklärte Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Aussenministeriums, auf Facebook. «Was wir alles von den ‹Partnern› historisch aushalten mussten. Aber man kann uns einfach nicht stürzen. Nicht mit einem Weltkrieg, nicht mit dem Zerfall der Sowjetunion, nicht mit Sanktionen.»


Video: Russland von Olympiade ausgeschlossen

Russische Athleten dürften in Südkorea nur unter neutraler Flagge antreten. Video: Tamedia, Reuters


Igor Lebedew, Vizechef der Staatsduma, sprach von einem erneuten Schlag gegen den russischen Sport. «Die IOK-Entscheidung, die Nutzung der nationalen Flagge bei den Olympischen Winterspielen 2018 zu verbieten, ist eine Demütigung für solch ein grosses Sportland wie Russland.» Konstantin Kossatschjow, stellvertretender Vorsitzender des Staatsduma-Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, gab sich überzeugt, dass die Sanktion des IOK «ein Teil der gesamten Linie des Westens zur Eindämmung Russlands» ist. Der rechtsradikale Politiker Wladimir Schirinowski sprach von «sportlich-politischem Rassismus». Das IOK habe bewusst auf die Olympischen Winterspiele gewartet, «bei denen wir stärker sind». Auch der im Westen sehr angesehene Ex-Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, wird in staatsnahen Medien zitiert. Auch er kritisiert die Sanktion des IOK: «Das ist Unfug, der die sehr wichtige Institution der internationalen Zusammenarbeit zerstört.»

Kreml: «Wir werden keinerlei Boykott erklären»

Laut einem offiziellen Statement will der Kreml mit kühlem Kopf auf den IOK-Entscheid reagieren. «Die Lage ist ernst, sie verlangt eine tiefgehende Analyse», sagte heute Mittag Dmitri Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten Putin. «Es wäre falsch, hier den Emotionen nachzugeben.»

Putin hat sich offenbar gegen einen Boykott der Spiele entschieden. «Wir werden mit Sicherheit keinerlei Boykott erklären», sagte Putin nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen am Mittwoch bei einem Werksbesuch in Nischni Nowgorod. Russische Athleten sollen demnach nicht daran gehindert werden, unter neutraler Flagge teilzunehmen.

Tatjana Tarassowa, eine Ikone des Eiskunstlaufs in Russland, äusserte dramatische Worte: «Das ist Mord an unserem Nationalsport. Diese Entscheidung des IOK ist absolut unfair. Wir können nicht anerkennen, dass das Doping von einzelnen Personen die Politik des Staates ist.» Und weiter: «Man will nicht weinen, sondern heulen.» Auf Twitter meldete sich auch die prominente Ex-Sportlerin und heutige Politikerin Swetlana Chorkina zu Wort. Die mehrfache Kunstturn-Olympiasiegerin ist für die Putin-Partei Einiges Russland seit zehn Jahren Abgeordnete der Staatsduma.

Der Vorsitzende des Sportausschusses der Staatsduma, Michail Degtjarjow, sagte in einer TV-Sendung, dass Russlands Athleten selbst entscheiden sollen, ob sie unter neutraler Flagge an den Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang teilnehmen wollen. Der Eishockey-Nationalspieler Ilja Kowaltschuk sprach sich bereits für eine Teilnahme aus: «Es ist obligatorisch, zu den Olympischen Spielen zu fahren», so Kowaltschuk. «Wenn man darauf verzichtet, bedeutet dies, dass man sich ergibt.»

«Korea-Spiele können Triumph für Russland werden»

Ein Kommentator der Nachrichtenagentur Ria Novosti gab sich optimistisch, denn «wir haben gute Chancen, aus Pyeongchang Dutzende Medaillen mitzubringen. Diese Chancen darf man nicht den Konkurrenten überlassen.» Dabei forderte er die Russen zum nationalen Schulterschluss auf. «Wir sollten zusammen mit den Sportlern nach Pyeongchang fahren und die Hymne selbst singen. Mit Flaggen auf die Tribünen gehen. Das kann das IOC nicht verbieten.» Und abschliessend: «Wir werden in schwierigen Momenten nur stärker. Die Spiele in Korea können ein Triumph für Russland werden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 16:14 Uhr

Artikel zum Thema

Samuel Schmid, aus dem Ruhestand auf die Weltbühne

Porträt Über die Rolle des Alt-Bundesrats beim Ausschluss der Russen von den Olympischen Spielen. Mehr...

Russen-Aus für Olympia – und was tut nun die Fifa?

Die Sperre des IOK und der Blick nach vorne auf die Fussball-WM in Russland. Mehr...

Den Kampf gegen das Böse ernst genommen

Kommentar Dass das IOK Russland ausschliesst, ist überraschend und richtig – der Entscheid hat aber primär Symbolkraft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Voll Schrott: Bis zu 300 Autowracks sind bei einem Feuer auf einem deutschen Schrottplatz in Recklinghausen verbrannt. (16. Dezember 2017)
(Bild: Marcel Kusch) Mehr...