Interview

«Das ist eines der grossen Rätsel dieser Geschichte»

Beim «Guardian» verlangte die Regierung die Zerstörung von Festplatten mit NSA-Material. TA-Korrespondent Peter Nonnenmacher über den Coup im Keller der Zeitung, anwesende Agenten und das Eigentor Londons.

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«The Guardian» hält die britische und die amerikanische Regierung mit Enthüllungen über ihre Spähprogramm auf Trab. Nun wurde bekannt, dass London Druck auf die Zeitung ausübte. Eine Missachtung der Pressefreiheit?
Nicht im Blick der britischen Regierung. London hat offenbar den «Guardian» zur Vernichtung von Geheimdienstmaterial im Besitz der Zeitung gezwungen, damit dieses Material nicht «Unbefugten» in die Hände fallen könne. Für den «Guardian» war das freilich pure Missachtung der Pressefreiheit. Ein Abdruck dieses Materials liege eindeutig im öffentlichen Interesse, hat Chefredakteur Alan Rusbridger erklärt. Und: Der Versuch, die weitere Veröffentlichung solcher Informationen zu verhindern, sei eine «echte Bedrohung für den Journalismus».

Zwei Mitarbeiter der britischen Regierung haben die Zerstörung von Computerfestplatten überwacht. Wie muss man sich diese Szenen vorstellen?
Das Ganze soll sich, dem «Guardian»-Chef zufolge, in einem Keller der Redaktion abgespielt haben – in Anwesenheit zweier Geheimdienstagenten von der Lausch-Zentrale GCHQ. Rusbridger hat den beiden Agenten allerdings auch zu erklären versucht, dass das Daten-Material längst woanders gespeichert sei – und dass man die Berichterstattung darüber nun halt von London nach New York oder Rio de Janeiro verlegen werde. Verstummen wird der «Guardian» nicht.

Chefredaktor Rusbridger bezeichnete die Szenerie als «bizarren Moment» in der Geschichte der Zeitung. Gab es in Grossbritannien bereits einen vergleichbaren Fall?
Es muss ein bizarrer Moment gewesen sein. Von einem vergleichbaren Vorfall ist mir nichts bekannt.

Überraschend ist, dass der «Guardian» so offen über den Vorfall berichten kann. Wollte die Regierung das nicht verhindern?
Das ist eines der grossen Rätsel dieser Geschichte. Die Regierung will offenbar weitere Enthüllungen verhindern, hat sich aber mit der Festplatten-Vernichtung zufrieden gegeben. Weitere Veröffentlichungen gerichtlich zu untersagen, wäre wohl einiges schwieriger gewesen.

Die NSA-Affäre läuft seit Monaten. Wie reagieren die Briten auf die Enthüllungen?
Interessiert ist natürlich jeder an Informationen übers Spähprogramm. Vor allem dort, wo persönliche Kommunikation betroffen ist – zum Beispiel bei der Frage, wer wessen private Mails liest oder wessen private Gespräche abhört. Eine kleinere Gruppe von Leuten auf der Insel ruft darüber hinaus nach besserem Schutz vor derart totaler Überwachung. Aber viele Briten haben das Problem sicher auch aus den Augen verloren.

Am Sonntag wurde der Partner des «Guardian»-Journalisten Glenn Greenwald, David Miranda, am Flughafen Heathrow festgehalten und neun Stunden befragt. In Grossbritannien hat dies eine Debatte über die Freiheit bei der Recherche ausgelöst.
Ja, seither sind heftige Diskussionen entbrannt. Die Frage ist, ob die Regierung in dem Fall ein Anti-Terror-Gesetz missbraucht hat, um an journalistische Informationen zu kommen, an die der Staat sonst nicht gekommen wäre. Oder ob der Staat berechtigt war, nach um die Welt reisenden Geheimdienstpapieren zu fahnden. Letzteres glauben viele britische Politiker. Ersteres die Bürgerrechtsverbände und die meisten Medienleute im Königreich.

Gegen Miranda gibt es keinen Verdacht, die eine Befragung rechtfertigt. Wie begründet die Regierung den Vorfall? Überhaupt nicht. Das ist ja das Schöne an diesem Gesetz. Die Polizei ist, diesem Gesetz zufolge, niemandem Rechenschaft schuldig. Sie braucht nicht mal einen konkreten Terrorismus-Verdacht zu haben.

Welche Informationen erhoffte sich die Regierung von Miranda?
Miranda kam direkt aus Berlin, wo er sich mit der US-Filmemacherin Laura Poitras getroffen hatte. Poitras, Miranda und sein Lebensgefährte, der amerikanische Guardian-Kolumnist Glenn Greenwald, hatten gemeinsam die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden für die Presse aufbereitet. Miranda selbst wohl eher in einer Helferrolle inne. Polizei und Geheimdienste in London gingen offenbar davon aus, dass er weiteres Snowden-Material bei sich trug.

Greenwald bezeichnete den Vorfall als «despotisch» und kündigt weitere Enthüllungen. Hat er wirklich noch mehr brisante Details in petto?
Davon kann man wohl ausgehen. Er selbst hat einiges mehr an Veröffentlichungen versprochen.

Die USA sagen, sie hätten nichts mit dem Vorfall zu tun, waren aber darüber informiert. Haben die USA die britische Regierung zur Befragung von Miranda angestachelt?
Das ist noch nicht ganz klar. Benachrichtigt wurde Washington ja, laut Weissem Haus, von der bevorstehenden Einvernahme Mirandas durch London. Genau die enge nachrichtendienstliche Zusammenarbeit, die Snowden aufzudecken versucht hat, ist hier im Grunde wieder von Grossbritannien und den USA demonstriert worden.

Erstellt: 20.08.2013, 14:01 Uhr

In Anwesenheit von Regierungsvertretern seien im Keller der Londoner Guardian-Büros Computer mit dem Material zerstört worden, schrieb Rusbridger. (Video: Reuters )

Peter Nonnenmacher ist Tages-Anzeiger-Korrespondent in London.

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