Interview

«Das ist nicht mit dem Fall Guttenberg zu vergleichen»

Deutschlands Bildungsministerin Annette Schavan wurde der Doktortitel aberkannt. Sind die Rücktrittsforderungen berechtigt? Welchen Schaden hat die Merkel-Regierung? Antworten gibt der Politologe Gerd Langguth.

Sie will den von der Universität Düsseldorf aberkannten Doktortitel nicht zurückgeben: Annette Schavan (CDU), deutsche Ministerin für Bildung und Forschung.

Sie will den von der Universität Düsseldorf aberkannten Doktortitel nicht zurückgeben: Annette Schavan (CDU), deutsche Ministerin für Bildung und Forschung. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Annette Schavan hatte Karl-Theodor zu Guttenberg wegen der Plagiatsaffäre öffentlich gerügt. Jetzt ist sie selber ihren Doktortitel los. Müsste Ministerin Schavan nicht – wie Guttenberg – zurücktreten?
Gerd Langguth: Nein. Denn der Fall Schavan ist keinesfalls mit dem Fall Guttenberg zu vergleichen. Und Schavan wird ihr Ministeramt auch nicht niederlegen, solange sie die Rückendeckung von der Bundesregierung hat. Annette Schavan kann vor allem auf die Loyalität von Kanzlerin Angela Merkel zählen. Schavan und Merkel sind nicht nur politische Vertraute, sondern auch enge Freundinnen. Der Entscheid über einen allfälligen Rücktritt von Schavan liegt bei Kanzlerin Merkel.

Politiker der Opposition fordern Schavans Rücktritt. Sie argumentieren, dass eine Wissenschaftsministerin, der eine grobe Missachtung wissenschaftlicher Regeln nachgewiesen wurde, nicht länger tragbar ist. Das Argument macht doch Sinn.
An dieser Argumentation ist schon etwas dran. Es wundert mich aber schon, dass die Rücktrittsforderung ausgerechnet von Politikern und Politikerinnen kommt, die nie eine Dissertation verfasst haben. Ich meine damit zum Beispiel Claudia Roth von den Grünen.

Trotzdem: Die Doktorarbeit von Schavan weist erhebliche Mängel auf, sonst hätte ihr die Universität Düsseldorf den Titel nicht entzogen.
Ich kenne Schavans Dissertation nicht im Detail. Tatsache ist aber, dass Schavan nicht grossflächig abgeschrieben hat, wie es Guttenberg getan hat. Der Fall Guttenberg ist deutlich gravierender. Schavan hat zwar Fehler gemacht, das ist so, aber sie hat die Fehler längst eingeräumt. Zudem erscheint es mir fragwürdig, dass eine Doktorarbeit nach über 30 Jahren einer Neubewertung unterzogen wird. Aus meiner Sicht geht der Entzug des Doktortitels zu weit, eine Rüge hätte gereicht. Nicht zuletzt ist zu betonen, dass das Prüfverfahren der Universität Düsseldorf nicht über alle Zweifel erhaben ist. Deren Entscheid beruht auf dem Gutachten eines einzigen Gutachters.

Schavan wehrt sich nun mit rechtlichen Mitteln, einer Klage, gegen den Entzug ihres Doktortitels. Ist das ein kluges Vorgehen?
Ob es klug ist, sei dahingestellt. Es ist jedenfalls ihr Recht, den Entscheid der Universität Düsseldorf von einem Gericht überprüfen zu lassen.

Sie kennen Frau Schavan seit vielen Jahren persönlich. Haben Sie nach dieser Affäre um ihre Doktorarbeit ein anderes Bild von Frau Schavan?
Nein. Ich halte sie für eine integre Person und Politikerin. Für Schavan ist es eine grosse persönliche Tragödie, dass sie nun den Doktortitel verloren hat, nicht nur, weil sie Ministerin für Bildung und Forschung ist. Schavan gehört zu den Menschen, die immer nach vorne schauen und vorwärtskommen wollen. Die Doktorarbeit hatte sie vermutlich längst verdrängt, jetzt ist Schavan von der Vergangenheit eingeholt worden.

Wie stark schadet Schavans Plagiatsaffäre der deutschen Bundesregierung?
Das kann schon zu einer ernsthaften Belastung für die Regierung werden, vor allem wenn Rücktrittsforderungen an die Adresse von Schavan andauern. Für die Opposition ist das ein gutes Thema, umso mehr, als wir in Deutschland ein Wahljahr haben.

Gemäss Medienberichten glauben hochrangige CDU-Politiker, dass Schavan nicht mehr lange im Amt zu halten ist. Was würden Sie der CDU empfehlen?
Abwarten.

Aber bis wann?
Zum Beispiel, bis das Klageverfahren von Schavan gegen den Entzug des Doktortitels abgeschlossen ist – dann könnte die Situation neu beurteilt werden.

Erstellt: 06.02.2013, 16:24 Uhr

Artikel zum Thema

Schavan lässt politische Zukunft offen

Ausgerechnet die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan muss wegen einer Plagiatsaffäre ihren Doktortitel abgeben. Die Opposition findet sie nicht mehr tragbar – sie will jedoch vorerst nicht demissionieren. Mehr...

Nun wird die Luft für Schavan dünn

Die deutsche Ministerin Annette Schavan soll bei ihrer Doktorarbeit unsauber gearbeitet haben. Die Uni Düsseldorf hat nun ein Verfahren eingeleitet, welches über die Aberkennung des Titels entscheiden wird. Mehr...

«Bei uns kommt schnell eine Neiddebatte auf»

Interview Bildungsministerin Schavan, Kanzlerkandidat Steinbrück – deutsche Politiker werden derzeit heftig kritisiert. Politologe Gerd Langguth über die Frage, ob die Deutschen strenger mit ihren Politikern sind als wir. Mehr...

«Ich halte Annette Schavan für eine integre Person und Politikerin»: Gerd Langguth, Honorarprofessor für Politische Wissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn und ehemaliger CDU-Abgeordneter.

Plagiatsaffäre Schavan

«Merkel hat volles Vertrauen in Schavan»

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat auch nach dem Entzug des Doktortitels von Bildungsministerin Annette Schavan Vertrauen in deren Arbeit. Merkel schätze Schavans Leistungen als Ministerin ausserordentlich, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. «Sie hat volles Vertrauen in sie.» Die Bundesregierung verstehe, dass Schavan «jetzt ihre rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen und Klage erheben will». Zur politischen Zukunft der Ministerin äusserte sich der Regierungssprecher nicht. Merkel sei mit Schavan «in gutem Kontakt», nach ihrer Rückkehr von ihrer Südafrika-Reise werde «über alles in Ruhe zu reden sein». Dann könne sich die Ministerin auch «ausführlicher äussern, als das aus dem Ausland angemessen möglich ist».

Oppositionspolitiker hatten nach der Entscheidung der Universität Düsseldorf, Schavan den Titel wegen Plagiaten in ihrer Dissertation zu entziehen, den Rücktritt der Ministerin gefordert. (vin/afp)

Bildstrecke

Deutsche Politiker unter Plagiatsverdacht

Deutsche Politiker unter Plagiatsverdacht Schon vor der deutschen Bildungsministerin Annette Schavan sahen sich diverse Politiker wegen ihrer Doktorarbeiten Plagiatsvorwürfen ausgesetzt – und stürzten zum Teil darüber.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...