Das verwundbare Machtgefüge

Die Aufregung um Putins Absenz zeigt, wie eng Russlands Schicksal mit der Person seines Präsidenten verknüpft ist.

Kult um den Präsidenten: Putin-Büste im Atelier eines Künstlers. Foto: Keystone

Kult um den Präsidenten: Putin-Büste im Atelier eines Künstlers. Foto: Keystone

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«Wenn es Putin gibt, dann gibt es Russland. Wenn es Putin nicht gibt, gibt es auch Russland nicht.» So hat im vergangenen Oktober vor einer Runde internationaler Experten nicht irgendwer das Selbstverständnis des herrschenden Regimes beschrieben, sondern einer seiner hochrangigsten und mächtigsten Vertreter: Wjatscheslaw Wolodin, als stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung zuständig für die Innenpolitik.

Folgt man dem Historiker Ernst Kantorowicz, wäre Russland damit wieder bei einem Staatsverständnis wie im Mittelalter angelangt. In seinem Werk «Die zwei Körper des Königs» legte Kantorowicz in den 50er-Jahren dar, wie die Menschheit seitdem gelernt hat, zwischen dem Amt und der Person, die es ausübt, zu unterscheiden. So entstand der moderne Staat.

Wenn eine Regierungschefin eines westlichen Staates beim Langlauf auf den Po fällt, muss sich niemand Sorgen um das Wohl der Nation machen. Bei Putin aber ist das anders. Der russische Präsident ist eine Geisel seiner Rolle als Supermann, der Tiger bezwingt, mit den Kranichen fliegt, seine Gegner beim Judo aufs Kreuz legt und mit nackter Brust durch die Wildnis reitet. Wenn er sich dabei einen Schnupfen holt, soll das niemand merken. Denn dann wird es schnell existenziell.

Also versucht das staatliche Fernsehen mit Aufnahmen aus dem Archiv Normalität vorzugaukeln. So wird aber nur das Misstrauen erhöht. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass weder ein Schlaganfall noch eine Palastrevolution die Ursache für Wladimir Putins Abtauchen war, sondern vielleicht nur eine Faltenstraffung vor dem grossen Auftritt zum Jahrestag der Krim-Annexion an diesem Mittwoch – die Aufregung darum zeigt, wie verwundbar das Machtgefüge bei aller scheinbaren Stabilität doch ist.

Umfragen bescheinigen Putin derzeit eine Unterstützung von 86 Prozent – solche Werte erreicht kein Oberhaupt eines demokratischen Staates. Aber die Unterstützung des Volkes könnte von heute auf morgen in sich zusammenfallen, wenn der «nationale Leader» unpässlich ist oder gar ganz von der Bildfläche verschwände. Denn neun Tage ohne Wladimir Putin bedeuten gemäss der Wolodin-Formel eben auch neun Tage, in denen es kein Russland gibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 20:03 Uhr

Julian Hans, Russland-Korrespondent

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