Das war das TA-Podium mit Carles Puigdemont in Zürich

Der ehemalige katalanische Regionalpräsident stellte sich den Fragen des Publikums und unserer Redaktion. Die Diskussion im Video.

Der erste Teil des Abends: Die Einleitung und Puigdemonts Referat. Video: TA

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Er gilt in Spanien seit seiner Erklärung der Unabhängigkeit Kataloniens und der anschliessenden Flucht nach Brüssel als Staatsfeind Nummer eins. Nun ist Carles Puigdemont, der ehemalige katalanische Regionalpräsident, in Zürich zu Gast. Um 20 Uhr tritt er heute Abend im Zürcher Kaufleuten an einem TA-Podium auf. Wir übertragen die Diskussion live.

Puigdemont legte zunächst seine Position nach Abbruch der Gespräche mit der spanischen Regierung dar und ging auf das seit zwei Wochen laufende Strafverfahren gegen zwölf seiner Mitstreiter in Madrid ein. Anschliessend stellte er sich den Fragen der TA-Redaktion und des Publikums. Es moderierten TA-Auslandredaktor Sandro Benini, Auslandredaktor der Redaktion Tamedia, und Res Strehle, der ehemalige Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Wie aufgeladen das Thema ist, wie stark Carles Puigdemont polarisiert, zeigte sich bereits im Vorfeld der Veranstaltung. Da war ursprünglich der Plan, dass Puigdemont zu Fuss vom Hotel ins Kaufleuten geht – er wurde verworfen, Puigdemont wurde in einer Limousine gefahren. Zudem entschied Puigdemont, sein Sicherheitsdispositiv um zwei bis drei Leute zu erhöhen. Die Stimmung sei in Hass umgeschlagen, erklärte Res Strehle zu Beginn des Podiums. Puigdemont gelte manchen als Verräter.

In diesem Zuge sei auch Kritik an der Veranstaltung laut geworden. Spanische Geschäftsleute etwa beklagte sich darüber, dass ein privates Unternehmen sich in innerspanische Belange einmische. Strehle ging denn auch davon aus, dass sich am Abend auch Gegner Puigdemonts bemerkbar machen würden. Und tatsächlich: Einer dieser Gegner sah sich bemüssigt, vor der vor der Veranstaltung ein Plakat neben dem Schlange stehenden Publikum zu verunstalten: Er malte Puigdemont einen Penis ans Kinn.

Der zweite Teil des Abends: Die Podiumsdiskussion. Video: TA

Im ausverkauften Kaufleuten dann, erlebte das Publikum einen äusserst entspannten Carles Puigdemont. Einer, der das Publikum zum Lachen brachten, der für seine Aussagen Zwischenapplaus erhielt. Er hielt zu Beginn ein kurzes Referat, er rekapitulierte die Geschichte der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die Geschichte, stark katalanisch eingefärbt, natürlich. Es war die Geschichte eines kleinen Volkes, das sich «zivilisiert, friedlich und demokratisch» für seine Interessen einsetzte. Und eines spanischen Staates, dem diesem «legitimen Ansinnen» mit Ablehnung – und in seinem Höhepunkt – mit Gewalt begegnete.

In der Folge sah sich Puigdemont mit kritischen Fragen konfrontiert. Noch nicht aus dem Publikum, sondern von den beiden Moderatoren: Sandro Benini zu seiner Linken, Res Strehle zu seiner Rechten. Sie konfrontierten Puigdemont mit Widersprüchen – die Puigdemont nie aus der Ruhe brachten. Je kritischer die Frage, so machte es den Anschein, desto wohler fühlte sich Puigdemont. Sein zentraler Punkt, immer wieder: Die einzige Lösung, den Katalonienkonflikt zu lösen, sei der Dialog. Es gehe ihm nicht darum, die Unabhängigkeit zu erzwingen, es gehe ihm darum, dem katalanischen Volk eine Stimme zu geben. «Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht einverstanden mit dem Status quo. Diese Mehrheit schliesst Leute ein, die nicht für die Unabhängigkeit sind.»

Der dritte Teil des Abends: Die Publikumsfragen. Video: TA

Besuch im Zürcher Rathaus

Am späteren Nachmittag hatte sich Puigdemont bereits mit einigen Gemeinderätinnen und Gemeinderäten im Zürcher Rathaus getroffen. Organisiert hat das Treffen Elena Marti (Grüne). Sie pflegt Kontakt zur politischen Organisation «Assemblea Nacional Catalana», die sich für die Unabhängigkeit Kataloniens und den Erhalt der katalanischen Kultur einsetzt. Das Treffen soll dem Austausch und zur Sensibilisierung dienen, sagte Marti.

Ein prominenter Gast nimmt auf der Zuschauertribüne Platz: Carles Puigdemont im Zürcher Rathaus. Video: TA

Ratspräsident Martin Bürki (FDP) begrüsste Puigdemont auf Englisch mit einem «Welcome Mr. Carles Puigdemont» und fügt an, es habe ein privater und informeller Austausch mit den Zürcher Lokalpolitikern stattgefunden.

Puigdemont: «Ich werde überwacht»

Gestern schon ging er im BBC-Interview auf die Kritik einzelner Mitstreiter ein, warum er sich mit seiner Flucht dem Strafverfahren in Spanien entzogen hat: «Ich bin nicht aus Bequemlichkeit hier», meinte Puigdemont, «sondern um die Frage der katalanischen Unabhängigkeit zu einem europäischen Thema zu machen.»

Gestern hatte der von Madrid abgesetzte ehemalige katalanische Ministerpräsident gegenüber der BBC öffentlich gemacht, dass er im Exil offenbar überwacht werde. Demnach waren unter zwei seiner Autos elektronische Geräte angebracht worden. Die SIM-Karten dieser Geräte sollen aus Grossbritannien stammen. Die belgische Justiz wolle den Fall nun untersuchen.

Puigdemonts Überwachung würde erklären, wie Puigdemont im vergangenen März nach seiner Einreise nach Deutschland auf einer Autobahn in Schleswig-Holstein geortet und verhaftet wurde. Dem spanischen Auslieferungsantrag wegen Rebellion wurde vom Gericht in Schleswig-Hollstein allerdings nicht stattgegeben, weil das monierte Delikt der Rebellion laut Strafrecht der EU-Länder Gewalt voraussetzt. Puigdemont und seine Partei PDC hatten sich aber stets zur Gewaltfreiheit bekannt.

(bra/sip/rs)

Erstellt: 27.02.2019, 18:05 Uhr

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