«Das war ein letzter Weckruf für Grossbritannien»

Premierminister David Cameron erklärt die jüngsten Unruhen mit einem drastischen Zerfall der Werte in seinem Land. Die Behörden hätten jahrelang versagt. Die Opposition kritisiert Camerons Rede scharf.

«Einige der schlimmsten Aspekte der menschlichen Natur wurden vom Staat toleriert, gehegt und sogar manchmal gefördert»: Grossbritanniens Premierminister David Cameron spricht Klartext.

«Einige der schlimmsten Aspekte der menschlichen Natur wurden vom Staat toleriert, gehegt und sogar manchmal gefördert»: Grossbritanniens Premierminister David Cameron spricht Klartext.

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Sein Kabinett werde bis Oktober neue Richtlinien ausarbeiten, um dem «allmählichen moralischen Kollaps» entgegenzuwirken, erklärte der Regierungschef am Montag in einer Rede in einem Jugendzentrum in seinem Wahlkreis Witney in Südengland. Die Bürger erwarteten, dass die sozialen Probleme angegangen und beseitigt würden.

Cameron bezeichnete die viertägigen Unruhen als letzten Weckruf für das Land. «Soziale Probleme, die seit Jahrzehnten gären, sind vor unseren Augen explodiert», sagte er. Der Regierungschef machte dafür eine Kultur der Faulheit, der Verantwortungslosigkeit und des Egoismus verantwortlich. Nicht Spannungen zwischen Bürgern unterschiedlicher Herkunft, Armut oder das Sparprogramm der Regierung seien Ursache der Unruhen, sondern Kriminalität und fehlendes persönliches Verantwortungsgefühl.

Cameron räumt Versagen der Behörden ein

«Viel zu lange waren wir nicht bereit, über das zu sprechen, was richtig und falsch ist», erklärte Cameron. Zudem räumte er das Versagen der politischen Führung bei der Bewältigung der weitverbreiteten sozialen Not ein. «Kinder ohne Väter. Schulen ohne Disziplin. Belohnung ohne Mühe. Verbrechen ohne Strafe. Rechte ohne Verantwortung», erklärte er. «Einige der schlimmsten Aspekte der menschlichen Natur wurden toleriert, gehegt und sogar manchmal gefördert - von einem Staat und seinen Institutionen, die teilweise sprichwörtlich demoralisiert wurden.»

Zugleich erklärte Cameron, dass alle Gesellschaftsschichten einen Teil der Schuld trügen. «Moralischer Abstieg und schlechtes Benehmen ist nicht auf einige der ärmsten Teile unserer Gesellschaft beschränkt. Wir müssen an das Beispiel denken, das wir abgeben», sagte er. «Eine der grössten Lehren aus diesen Unruhen ist, dass wir ernsthaft über Verhalten sprechen und dann handeln müssen - denn schlechtes Betragen ist buchstäblich an der Türschwelle der Menschen angekommen.»

Die Regierung werde vor der nächsten Unterhauswahl im Jahr 2015 Massnahmen ergreifen, um 120'000 der sozial schwächsten Familien zu helfen, kündigte Cameron an.

Sachschäden von 200 Millionen Pfund

Oppositionsführer Ed Miliband kritisierte Camerons Pläne und forderte die Abgeordneten auf, bessere Chancen für Jugendliche zu schaffen. Die übliche instinktive Reaktion von Politikern - neue Gesetze, die Ernennung eines neuen Beraters, «das Hervorholen alter Vorurteile und schaler Antworten» - greife zu kurz und werde die Erwartungen der Öffentlichkeit nicht erfüllen, sagte Miliband in einer Rede an seiner früheren Schule in Camden nördlich von London.

Dort war zuvor ein Versteck von Waffen und Beute von Plünderern entdeckt worden, wie die Polizei am Montag mitteilte. Vergraben in Blumenbeeten seien Messer, ein Hammer, Metallstangen und zwei Registrierkassen gefunden worden. Die Beamten hatten die Gegend mit Metalldetektoren durchsucht.

Über 1400 Angeklagte

Die Vereinigung britischer Versicherer schätzt den bei den viertägigen Unruhen entstandenen Sachschaden auf mindestens 200 Millionen Pfund (228 Millionen Euro). Fünf Menschen kamen ums Leben, mehr als 1400 Personen wurden bis zum Montag im Zusammenhang mit der Gewalt angeklagt. Allein in London wurden laut Polizei 1.593 Menschen festgenommen. Zum ersten Mal in der jüngeren britischen Geschichte arbeiteten einige Gerichte auch am Sonntag, um die Fälle abzuarbeiten.

Unterdessen mussten sich in Birmingham am Montag zwei Männer und ein Jugendlicher wegen Mordverdachts vor Gericht verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, während der Krawalle am vergangenen Mittwoch drei Männer pakistanischer Herkunft überfahren zu haben, die eine Tankstelle vor den Randalieren hatten schützen wollen. (pbe/dapd)

Erstellt: 16.08.2011, 00:00 Uhr

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