Das wars für ihn

Roger Hallam, Mitgründer von Extinction Rebellion, schadet der Klimabewegung mit einem abstrusen Holocaust-Vergleich.

Blockade fürs Klima: Roger Hallam bei einer Protestaktion von Extinction Rebellion in London 2017. Foto: Mark Kerrison (Alamy)

Blockade fürs Klima: Roger Hallam bei einer Protestaktion von Extinction Rebellion in London 2017. Foto: Mark Kerrison (Alamy)

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Roger Hallams Hang, mit grenzwertigen Aussagen auch enge Gefährten zu verärgern, war schon länger bekannt. Nun hat der Mitbegründer der Klimagruppe Extinction Rebellion (abgekürzt XR) eine weitere Linie überschritten. In einem Interview mit der deutschen «Zeit» nannte er den Holocaust, den Massenmord an den Juden durch die Nazis, «just another fuckery in human history», übersetzt ungefähr: «nur einen weiteren Scheiss in der Menschheitsgeschichte». Und weiter: Es tue den Deutschen nicht gut, dass sie den Holocaust fälsch­licherweise für einzigartig hielten.

Der 53-jährige Engländer ist während des letzten Jahres zu einer wichtigen Figur in der internationalen Klima­bewegung aufgestiegen. Jetzt klingt er auf einmal wie ein extremer Rechter. AfD-Politiker haben sich mehrmals ähnlich verharmlosend geäussert.

Die Reaktionen kamen schnell. Der Ullstein-Verlag strich die geplante Veröffentlichung von Hallams neuem Buch. Deutsche Politiker sprachen von «inakzeptablem Gerede». Der deutsche Extinction-Rebellion-Ableger schrieb, Hallam sei nicht mehr willkommen bei ihnen. Auch die britische Sektion, zu der Hallam gehört, verurteilte die Aussagen: Die Bewegung müsse einen sicheren Ort bilden für Juden und alle Minderheiten. Ein Ausschluss sei nicht ausgeschlossen.

Die Klimakrise und die gezielte, mit industriellen Mitteln vorangetriebene Ausrottung einer Bevölkerungsgruppe zu vergleichen, ist mindestens fahrlässig.

Der ehemalige Biobauer und Soziologe möchte die Erderhitzung offenbar als eine Art Wiederholung des Holocausts darstellen. Der übermässige CO2 verwandle viele Regionen auf der Welt in Todeszonen, sagt er. Um die Menschen zu bewegen, etwas dagegen zu tun, müsse man die Klimakrise so emotional behandeln wie Auschwitz. Hallam instrumentalisiert also den Holocaust, um den eigenen Anliegen Dringlichkeit zu verleihen. Mit diesem Ansatz ist er nicht allein. So versuchen manche Tierschützer, das Leid von Schlachttieren mit dem Leid in Nazi-Konzentrationslagern zu veranschaulichen. Deutsche Gerichte verbieten diese Gleichsetzung. Sie bagatellisiere das Schicksal der Holocaust-Opfer.

Unter Historikern bleibt es umstritten, wann Holocaust-Vergleiche angebracht sind – und ob überhaupt. In diesem Fall gibt es wenig zu diskutieren. So immens das Leid sein wird, das die Klimakrise verursacht; die gezielte, mit industriellen Mitteln vorangetriebene Ausrottung einer Bevölkerungsgruppe durch ein ver­brecherisches Regime ist etwas grundsätzlich anderes als das unbedarfte bis dreiste Zerstören unserer Umwelt. Das eine mit dem anderen zu ergründen, wirkt mindestens fahrlässig.

Er hat die Strategien der Gruppe geprägt

Vielleicht erklären sich Roger Hallams Holocaust-Äusserungen aus aktionistischem Eifer. Vielleicht offenbart sich in ihnen ein grün-braunes Weltbild. Die Gegner von XR werden auf Variante Zwei setzen. Damit können sie die Klimabewegung in die Extremistenecke stellen. Ein Argument, um nicht gegen die Klimakrise vorzugehen, ist das natürlich nicht. Doch der Verdacht droht die Glaubwürdigkeit von Extinction Rebellion zu beschädigen.

Die Sektionen von XR bekommen keine Anweisungen aus England, sie handeln unabhängig. Trotzdem ist Hallam nicht einfach ein Mitglied unter Tausenden. Er hat die Gruppe und ihre Blockade-Strategien geprägt. Möchte Extinction Rebellion diese PR-Krise heil überstehen, bleibt wohl nur etwas übrig: Mitgründer Hallam auszuschliessen. Das wäre dann «just another fuckery» in der Geschichte der sozialen Bewegungen.

Erstellt: 21.11.2019, 19:24 Uhr

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