Oben Verzweiflung, unten Luxus

Kann ein Bild besser die ganze Dramatik der Migrationsmisere zeigen? Nein. Besonders stossend daran: Das wohlige Grün ist finanziert aus Brüssel.

Fremde Welten: Während eine Golferin in Melilla ihren Schlag macht, versuchen afrikanische Flüchtlinge, über den Grenzzaun zu klettern. (22. Oktober 2014) Bild: José Palazón/Reuters

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Manche Fotos haben das Zeug zum bleibenden Symbol, weil sie ein Phänomen besser fassen als viele Worte. Zum Beispiel dieses Foto von José Palazón, einem Menschenrechtsaktivisten aus Spanien. Es zeigt eine Szene auf dem Golfplatz von Melilla, einer spanischen Exklave auf afrikanischem Boden, drüben, an der Mittelmeerküste Marokkos. Saftiges Grün, Palmen, spätsommerliche Sonne, zwei Golfer beim Schwingen ihrer Schläger. Holz 4? Eisen 6? Und dahinter, auf dem sechs Meter hohen Grenzzaun, ein Dutzend afrikanischer Flüchtlinge, gefährlich balancierend zwischen hier und dort, zwischen Luxus und Misere, zwischen sorglosem Idyll und Verzweiflung, zwischen Nord und Süd. Rechts im Bild ein Beamter der Guardia Civil mit Helm, der die Migranten zur Aufgabe bewegen will.

In dieser Momentaufnahme kommt alles zusammen: die Gleichgültigkeit des satten Westens, die Abschottung der ersten gegen die dritte Welt, die schier groteske Ohnmacht Europas im Umgang mit dem Einwanderungsdruck – überall, an allen seinen Grenzen. Müsste man die Botschaft aus dem Bild in einen Satz packen, dann könnte der so lauten: «Lasst uns nur in Ruhe unser Spiel spielen, unseren Wohlstand geniessen.» Als Palazón das Foto auf Twitter zeigte, fragten sich zunächst viele, ob es sich nicht um eine Montage handeln könnte. Es schien perfekt komponiert. Doch der Golfclub von Melilla grenzt tatsächlich an den «Zaun der Schande», wie ihn die bürgerliche Zeitung «El Mundo» auf ihrer ersten Seite betitelt – zum Bild von Palazón.

Der Sprung nach Europa

Melilla ist der südlichste Aussenposten Europas, eine Sehnsuchtsdestination vieler Migranten aus dem westlichen Afrika. Es reicht hier schon, wenn man die Landesgrenze übertritt, um in Europa zu sein – im Schengener Europa mit seinem Versprechen von grenzenloser Bewegungsfreiheit, von Jobs und Rechten, vielleicht sogar von einem besseren Leben. Wenn der Sprung denn gelingt. Allein am Mittwoch versuchten wieder 400 Flüchtlinge, den Zaun, der an vielen Stellen mittlerweile doppelt gezogen ist und oben zur Abschreckung mit scharfem Draht versehen wurde, mit einer dieser kollektiven Ansturmoperationen zu überwinden.

Das Dutzend, das sein Glück beim Golfplatz versuchte, blieb erfolglos. Die Flüchtlinge wurden wohl umgehend den marokkanischen Ordnungshütern auf der anderen Seite des Zauns überstellt. Solche Sofortausschaffungen vertragen sich zwar nicht mit den internationalen Abkommen, die Spanien unterzeichnet hat, kommen aber täglich vor in Melilla und Ceuta, der anderen Exklave bei Tanger. Gerade in diesen Tagen baut die konservative Regierung in Madrid nun einen Absatz ins neue Ausländergesetz ein, der den «devoluciones en caliente», wie sie auf Spanisch heissen, einen rechtlichen Rahmen geben soll – entgegen der Einwände seitens der Opposition, Menschenrechtsorganisationen und Experten für internationales Recht.

Mit Geld aus Brüssel

Der Golfclub von Melilla übrigens ist mit Geld aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert worden. Die Stadt sollte auch einen haben, einen öffentlichen. Zwei Millionen Euro warf Brüssel dafür auf. Ob man in Brüssel auch wusste, wo das Grün zu liegen kommen und wer es verwalten würde, ist nicht so klar.

Seit einigen Jahren hat der Club nun private Manager. Der Verleger Enrique Bohórquez, Herausgeber der ebenfalls staatlich subventionierten Lokalzeitung «Melilla Hoy», lässt sich den Unterhalt offenbar mit Hunderttausenden Euro von den Behörden vergüten. Er soll gute Freunde haben unter den Lokalpolitikern, sie sorgen für allerlei Privilegien, Baubewilligungen und Steuernachlässe. Es laufen Ermittlungen. Aber das ist eine andere Geschichte – eine aus der schönen, abgeschotteten ersten Welt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.10.2014, 17:12 Uhr)

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