«Den Krieg um Russland werde ich gewinnen»

Putin-Gegner Alexei Nawalny will heute den bisherigen Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin ablösen. Sein eigentliches Ziel ist aber ein anderes.

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Einen solch knallharten Machtkampf wie die Bürgermeisterwahl in Europas grösster Stadt Moskau hat es in Russland lange nicht gegeben. Sechs Kandidaten sind heute zur Wahl angetreten. Klarer Favorit ist der kremltreue Amtsinhaber Sergei Sobjanin. Doch sein Herausforderer Alexei Nawalny machte die Regierung zunehmend nervös.

Die beiden Hauptkonkurrenten gaben in Moskau ihre Stimme ab. Oppositionskandidat Alexei Nawalny erschien mit Frau und Kindern zum Urnengang. «Gar nicht so einfach, ins Wahllokal zu kommen», twitterte er danach. Ein Tross aus zahlreichen Journalisten und Anhängern hatte den charismatischen Blogger beim Urnengang im östlichen Stadtteil Marino begleitet.

Scharfzüngiger Putin-Gegner

Amtsinhaber Sergei Sobjanin gab seine Stimme nach Angaben der Agentur Interfax gemeinsam mit seiner Frau Irina im Zentrum der russischen Metropole ab. Beobachter berichteten von grossen Sicherheitsvorkehrungen in dem Wahllokal. Auch Regierungschef Dmitri Medwedew gab seine Stimme ab.

Die Wahllokale für die rund 7,2 Millionen Stimmberechtigten in Moskau haben um 18 Uhr Schweizer Zeit geschlossen. Ein vorläufiges Endergebnis wird am späten Abend erwartet. Der charismatische Herausforderer sorgte für ungewohnt viel Wirbel mit seinem Strassenwahlkampf. «Ich kann die Schlacht um Moskau verlieren», sagte Nawalny kämpferisch, «aber den Krieg um Russland werde ich gewinnen.»

Als scharfzüngiger Gegner von Kremlchef Wladimir Putin hat sich Nawalny über die Grenzen des russischen Machtzentrums hinaus einen Namen gemacht. Sein ehrgeiziges Ziel ist die Präsidentenwahl 2018 – doch möglicherweise muss er dann die Abstimmung aus der Zelle heraus verfolgen.

In einem umstrittenen Prozess verurteilte ein Gericht den Oppositionellen im Juli wegen Veruntreuung zu fünf Jahren Straflager. Er soll eine staatliche Holzfirma zu einem Verlustgeschäft gedrängt haben. Wegen Nawalnys Berufung ist das Urteil noch nicht rechtskräftig, das ermöglicht seine Teilnahme an der Wahl in Moskau.

Ein Kalkül

«Die Freilassung ist ein Kalkül des Kreml: Sobjanin braucht einen glaubwürdigen Gegner, um seinen Wahlsieg zu legitimieren», meint die Politologin Lilija Schewzowa. Sobald Nawalny seine «Rolle» gespielt habe, werfe ihn ein Berufungsgericht ins Straflager, sagt die Expertin dem Radiosender Echo Moskwy.

Zwar finden noch in weiteren Regionen Russlands Regionalwahlen statt. Aber wer als Bürgermeister in der Hauptstadt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern regiert, zählt zu den mächtigsten Männern im grössten Land der Erde.

Umfragen sehen Sobjanin bei über 50 Prozent, in diesem Fall gäbe es keine Stichwahl gegen den vermutlich Zweitplatzierten Nawalny. Der aus Sibirien stammende Amtsinhaber war vor drei Jahren ernannt worden, weil sein Vorgänger Juri Luschkow einen spektakulären Machtkampf mit dem Kreml nach 18 Amtsjahren verlor.

Staatsmedien hinter Sobjanin

Nun rief Sobjanin überraschend Neuwahlen aus – wohl auch, um Gegnern weniger Zeit zu lassen für den Wahlkampf. Der 55-Jährige kann sich der Unterstützung der Staatsmedien sicher sein, dagegen muss Nawalny auf den Plätzen der Millionenmetropole und im Internet um Stimmen werben.

Der 37-Jährige prangert in seinen Blogs vor allem Korruption an und ist auch deswegen vielen Moskauern sympathisch, die unter der weitverbreiteten Behördenwillkür und Vetternwirtschaft stöhnen. «Manchmal macht eine einzelne Person deutlich, wie es um ein Land bestellt ist», sagt Chefredaktor Dmitri Muratow von der kremlkritischen Zeitung «Nowaja Gaseta».

In Putins ersten Amtszeiten seien die meisten Russen «zahme postsowjetische Konsumenten» gewesen, meint er. «Die Popularität von Nawalny zeigt, dass die Zeiten sich ändern: Zumindest die Stadtbevölkerung ist auf dem Weg zum mündigen Bürger. Das muss die Machtelite um Putin kapieren», sagt Muratow.

Im Wahlkampf betont Nawalny stets, sein Ziel seien «europäische Standards» wie Rechtssicherheit und Bildungschancen in Russland. Gegner werfen ihm vor, er sei ein Nationalist und glühender Verfechter von freiem Waffenbesitz. (mw/sda)

Erstellt: 08.09.2013, 14:59 Uhr

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