Der Dolch der Kinder

Marine Le Pen hat den politischen Vatermord begangen. Sie steht damit in einer alten Tradition.

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Die Tochter lässt keinen Zweifel: «Jean-Marie Le Pen hat politischen Selbstmord begangen.» Ihr Vater ist für sie gestorben. Der Ehrenpräsident des Front National sieht in ihr die Mörderin. Vergangenen Sommer, als der Konflikt zwischen Vater und Tochter ausgebrochen war, verkündete er theatralisch: «Sie hat mir einen Dolch in den Rücken gerammt.» Es klang nach Shakespeare, nach griechischem Drama, nach einem grossen Geschlecht, auf das ein missgünstiger Gott einen Fluch gelegt hatte. Als Zuschauer hat man inzwischen das Gefühl, dass es selbst bei den Atriden die meiste Zeit zivilisierter zuging.

Nach dem ersten «Clash», wie der alte Le Pen es nannte, empfing er einen Reporter und einen Fotografen von «Paris Match» auf seinem bretonischen Landsitz und Geburtshaus in Trinité-sur-Mer und liess sich ablichten vor weitem Horizont und blauem Himmel und auch dabei, wie er den Ahornbaum umarmt, der in seinem Geburtsjahr gepflanzt wurde. Das war 1928, und das Bild spricht Bände. Titel der Homestory: «Ich fürchte nichts und niemanden.»

Brutus machte es vor

Es ist ein uraltes Spiel. Brutus tötet Caesar, Richard III. mordet die Seinen für die Macht und Ödipus den eigenen Vater. Man nennt das Vatermord. Es ist ein Klassiker des politischen Lebens. Es hat diese etwas brutalere Form der politischen Wachablösung öfter in Frankreich gegeben. Georges Pompidou brach mit Charles de Gaulle, Lionel Jospin mit François Mitterrand, Nicolas Sarkozy mit Jacques Chirac. Es dient meist der Sache und zeigt: Wer ein Kind seiner Zeit ist und die Partei in die Zukunft führen will, muss die Väter hinter sich lassen. Im Klartext heisst das: Man kann den Ideen nur treu bleiben, indem man denjenigen, der sie lange Zeit verkörpert hat, auf der Strecke lässt.

In Deutschland, wo das Verhältnis zu den Vätern sicher noch einen Tick komplizierter ist, hat uns «das Mädchen» gezeigt, wo der Hammer hängt. Als Angela Merkel ihren Ziehvater Helmut Kohl mit einem sauberen Schlag umholzte, war das Unbehagen erst einmal gross, aber ihr Argument überzeugend: Kohl hatte der Partei Schaden zugefügt.

Das ist die Spielregel: Es darf nie um Persönliches gehen. Die Tat muss im Dienst einer höheren Sache stehen. Ja, sie muss gegen die eigenen Gefühle des Täters gehen, der in einem unwiderruflichen Moment die Sache, der man gemeinsam gedient hat, über denjenigen stellt, der sie einem nähergebracht hat. Je grösser die Bindung, desto gnaden­loser die Undankbarkeit, desto existenzieller die Dramatik.

Bei den Le Pens ist es anders

Vatermord, behauptet Freud, ist das, worauf unsere Kultur aufbaut. Und wie immer bei Freud sind wir in der elenden Wiederholung gefangen. Als ob der Neubeginn nur zu einem teuflischen Preis zu haben sei, als müssten die Söhne (und inzwischen auch die Töchter) den tyrannischen Vater der Urhorde wieder und wieder ermorden. Natürlich ist das nur eine Metapher, ein Bild, schön und schrecklich zugleich.

Abgesehen von Ödipus ist die Vaterschaft in der Regel nur symbolisch gemeint. Das macht die Sache etwas einfacher. Bei den Le Pens ist das anders. Sie ist seine Lieblingstochter, die jüngste von dreien. Marine ist diejenige, die ihm am ähnlichsten ist und die er für seine Nachfolge auserkoren hat. Sie sei der Klon ihres Vaters, hat die Mutter einmal gesagt. Er sei der «Mann ihres Lebens», hat Marine formuliert. Das klingt alles schwer symbiotisch, das riecht nach Inzest und nach Ödipus. Und man muss nicht psychoanalytisch geschult sein, um zu ahnen, dass sie bei der Identifizierung mit dem Vater weit über das Ziel hinausgeschossen ist.

Schillernder Abschaum

Ein Wunder ist das nicht. Er war geächtet und bewundert, Abschaum und dabei doch schillernde Figur; für ihn wurde sie in der Schule gehänselt. Immer wieder kommt sie auf den Bombenanschlag zurück, der die Wohnung ihrer Kindheit verwüstete. Als ihre Mutter Jean-Marie für dessen Biografen verliess, erfuhr Marine das von der älteren Schwester, als sie aus der Schule kam. Sie war 17 damals, das einzige der Mädchen, das noch nicht volljährig war. Anderthalb Monate lang habe sie «jeden Tag gekotzt», schrieb sie in ihrer Autobiografie – und 15 Jahre lang auf eine ­Erklärung der Mutter gewartet.

Der Scheidungskrieg glich einer Seifenoper. Pierrette Le Pen wollte das Ersatzglasauge des Patriarchen, das sie in ihrer Handtasche sicherheitshalber immer mit sich führte, gegen die Urne mit der Asche ihrer Mutter eintauschen, die sie bei der eiligen Flucht aus dem Haus vergessen hatte. Die dreckige Wäsche wurde öffentlich gewaschen. Als Höhepunkt plauderte Pierrette in einer Talk­show aus, dass zwei der drei Töchter des grössten Antisemiten Frankreichs von Juden entjungfert worden seien. Wie gesagt, die Atriden wirken harmlos ­dagegen. Die drei Mädchen standen im Scheidungskrieg geschlossen hinter dem verlassenen Patriarchen und erklärten damals öffentlich ihre «Bewunderung und Liebe» für ihn. Das Band schien aus Stahl. Zwei der drei Unterzeichnerinnen liegen jetzt mit dem Übervater im Clinch.

Le Pen hat immer betont, dass für ihn nur Blutbande zählen. Liebespartner sind Beiwerk, politische Weggefährten niemals dauerhafte Allianzen. Die Partei hat er als Familienunternehmen auf­gebaut und wie einen Clan regiert. Wer nicht spurte, wurde verstossen. So ging es auch der ältesten Tochter, Marie-Caroline, die den Fehler begangen hatte, einen Mann zu heiraten, der zum Dunstkreis des abtrünnigen Bruno Mégret ­gehörte, der die Partei (und damit auch die Familie) gespalten hat.

Seit 15 Jahren hat Le Pen keinen Kontakt zu seiner ältesten Tochter. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Verhältnis zu Marine genauso enden wird. Im Augenblick bleibt ihm nur seine ­Enkeltochter Marion.

Selbstgefällig bis zum Schluss

Was mag den Alten zu dieser Selbstzerstörung bewegt haben? Spürt er, dass das Ende naht, und fällt es ihm so schwer, von der Bühne abzutreten, dass er alles hinter sich zerschlagen muss? Vor einigen Wochen brannte das Haus des 86-Jährigen ab. Jetzt spricht die Tochter von der Taktik der verbrannten Erde. Mit dem Vatermord, heisst es, habe Marine Le Pen die Entdämonisierung der Partei formell abgeschlossen. Das wäre eine Teufelsaustreibung der besonderen Art. Die Frage, ob er sich ihr womöglich geopfert hat, erübrigt sich. Dieser Gedanke ist zu selbstlos, um von ihm zu sein. Le Pen ist selbstgefällig bis zum Schluss.

Ungeniert hat er immer den andern den Tod gewünscht, den Juden, Muslimen, Roma und Schwarzen, etwa als er sagte, dass «Mon­signore Ebola» das Problem der Überbevölkerung in Afrika schon lösen werde.

Jetzt wirkt es, als würde er die Gewalt, die in ihm steckt, gegen sich selbst wenden. Obwohl er seinen Fremdenhass im Familienkollektiv inszeniert hat, gibt es eine gewisse biografische Logik, dass dieser Hass gegen alles, was anders ist, im Alter selbst vor den Seinen nicht haltmacht. Er steht aufrecht und steinern wie ein bretonischer Menhir, isoliert, von allen guten Geistern und sogar seinen Töchtern verlassen. Das ist seine Botschaft. Ein Mann, der nichts und niemanden fürchtet. Nicht einmal sich selbst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2015, 23:30 Uhr

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Jean-Marie Le Pen lehnte einen Rückzug vergangene Woche ab und warf seiner Tochter vor, die Partei zu sprengen. Zu seinem Verzicht auf die Regionalwahlen fügte er hinzu, dass er sich dennoch für den besten Kandidaten halte. (Reuters)

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