In Chiasso mussten alle raus und sich ausziehen

«Das heutige Italien geht mit Migranten so um wie die Schweiz damals mit den Italienern.» Das sagt der italienische Autor der Stunde.

Sie waren Anfeindungen ausgesetzt: Italienische Gastarbeiter warten am 17. Dezember 1966 auf dem Hauptbahnhof in Zürich. Foto: Keystone

Sie waren Anfeindungen ausgesetzt: Italienische Gastarbeiter warten am 17. Dezember 1966 auf dem Hauptbahnhof in Zürich. Foto: Keystone

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«Migrant», sagt Concetto Vecchio, «ist man fürs ganze Leben.» Er sagt diesen Satz überall, wo er auftritt, auch an diesem Abend im Buchladen Feltrinelli in der Einkaufsgalerie Alberto Sordi in Rom. Der Raum ist voll, die Metall­stühle sind unbequem, aber das stört niemanden, schliesslich läuft die Klimaanlage. Viele stehen. Vecchio stellt sein Buch vor, von dem alle schon aus den Medien gehört haben. Die Zeitungen haben es gross rezensiert, nur die rechten nicht, es gibt zu reden.

Der Titel: «Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi». Übersetzt: «Jagt sie weg! Als wir die Migranten waren». Vecchios Buch ist halb autobiografisch, halb historisch. Vor allem aber ist es dramatisch aktuell. Vecchio hält den vergesslichen Italienern den Spiegel vor. Er erinnert sie an sich selbst, an ihre eigene Geschichte, an die grosse Geschichte der Auswanderung. Seit 1860 sind mehr als dreissig Millionen Italiener ausgewandert. Es gibt keine italienische Familiengeschichte ohne Anekdoten aus der «emigrazione». Nur wollen sich viele nicht mehr daran erinnern, jetzt, im salvinisierten Italien. Er habe plötzlich eine innere Dringlichkeit gespürt, dieses Buch zu schreiben, sagt Vecchio.

Pfeile des Südens

Es erzählt das Schicksal italienischer Emigranten in der Schweiz, in den 60er-und 70er-Jahren. Damals wollte James Schwarzenbach, ein rechter Agitator und Nationalrat aus Zürich, 300'000 von ihnen aus dem Land werfen lassen. Er überzog sie mit Hass und Schimpf. Lombarden, Venetier, Kalabrier, Apulier, Sizilianer. Sie hatten ihre Heimat verlassen, weil der Boom, das schöne «miracolo economico», nicht für alle reichte. Viele Italiener waren arm, richtig arm, und arbeitslos.

Leute wie Concettos Eltern aus Linguaglossa, einer Kleinstadt am Fuss des Ätna, Sizilien. Der Vater war Möbelmacher, die Mutter Schneiderin. Das Wegziehen zerriss ihnen das Herz. Die Züge, die die Süditaliener in den Norden brachten, trugen stolze Namen: Freccia del Sud etwa, Pfeil des Südens. Doch sie waren immer übervoll, eine Folter. In Chiasso mussten alle raus und sich für Tests bis auf die Unterhosen ausziehen. Dann kamen sie in Baracken, es teilten auch mal sechzehn eine Toilette.

Im Weggehen aber lag die einzige Hoffnung, auch für die, die blieben und vom Geld lebten, das die Weggezogenen heimschickten. «Wir waren Wirtschaftsflüchtlinge», sagt Vecchio. Noi. Wir. Wie es viele von denen sind, die jetzt über das Mittelmeer fliehen.

«Wir waren Wirtschaftsflüchtlinge.» Italienische Gastarbeiter 1972 im Zürcher Hauptbahnhof auf dem Weg zurück in den Süden. Foto: Keystone

Im Saal sitzen wahrscheinlich auch Wähler von Matteo Salvini, dem Chef der rechten Lega, der mit seiner harten Migrationspolitik Stimmung und verrückt viele Stimmen macht. Im Buch wird er nicht ein einziges Mal namentlich erwähnt. Salvinis Name fällt auch an diesem Abend in der Galleria Sordi nur zwei-, dreimal. Und doch ist allen klar, dass die ganze Dringlichkeit des Autors dem geschuldet ist, was der Hetzer und Angstmacher im Innenministerium aus Italien macht. «Das heutige Italien», sagt Vecchio später beim Kaffee, «geht mit Migranten so um wie die Schweiz damals mit den Italienern.» Und Salvini gemahnt ihn an Schwarzenbach. Sogar die Slogans seien dieselben.

Concetto Vecchio ist 48 Jahre alt und im Hauptberuf innenpolitischer Journalist bei der Zeitung «La Repubblica». Fünf Bücher hat er schon geschrieben. Dieses aber, das nach kurzer Zeit schon dreimal nachgedruckt werden musste, ist sein bisher persönlichstes und politischstes. Wenn er es am Radio und am Fernsehen präsentiert, in den Buchläden und in den Aulen, ist seine Stimme oft bewegt, als müsste er sich zusammenreissen. Eigentlich würde er ja gerne noch viel deutlicher reden. Seine Tochter wird gleich eine Passage aus dem Buch vorlesen, sie war noch nie in der Schweiz. Und doch gerinnt alles zum grossen italienischen Familienroman.

Nationalrat James Schwarzenbach war für die Überfremdungsinitiative verantwortlich: Sie wurde im Juni 1970 mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Foto: Keystone

Zur Welt kam Concetto Vecchio in Aarau, im Jahr, da die Schweizer nur knapp Schwarzenbachs Ausweisungsinitiative abgelehnt hatten. Er wuchs in Lenzburg auf. Als Kind hätte er lieber Markus, Roland oder Thomas geheissen, wie alle anderen Jungs. Wenn seine Lehrerin ihn rief, klang das so: «Konzetto».

Der Schwarzenbach!

Vecchio beklagte sich bei seiner Mutter, und die erklärte ihm dann, dass Concetto ein wunderschöner Name sei, seine beiden Grossväter hiessen schliesslich auch so. In der Heimat fiel der Namenstag mit dem Feiertag für die unbefleckte Maria zusammen, für die Madonna.

Ein Trost war das nicht. Als er 14 war, zog die Familie zurück nach Sizilien, nach Linguaglossa, recht abrupt. Er nennt es «meine Emigration». «Ich war Italiener, ein Secondo, aber ich war eben auch Schweizer.» Der Wegzug war dramatisch. Im vergangenen Herbst kehrte er mal wieder nach Zürich zurück, zum ersten Mal nach langer Zeit. Er sass am Sechseläutenplatz, trank ein Rivella wie zu Kinderzeiten und hörte einer Mutter zu, die mit ihrem Kind Italienisch sprach. «Da kam alles wieder hoch, die ganze Erinnerung an meine eigene Kindheit.» Seine Mutter habe damals oft gesagt: «Concetto, red leise, sonst kommt der Schwarzenbach.»

Der Schwarzenbach! Und so begann er zu recherchieren. Das Feuer in ihm drinnen wuchs mit jedem Aspekt, jeder Anekdote, die ihn an Salvini erinnerte. Er schaute sich Dokumentarfilme an mit Reden Schwarzenbachs in verrauchten Sälen und mit Interviews auf der Strasse, in denen Schweizer alle kolportierten Klischees über die «Tschinggen» wiederholten. Dass sie stinken und stehlen, dass sie faul sind und laut, dass sie den Mädchen nachstellen, die Spitalbetten besetzen und den Schweizern die Arbeit wegnehmen. «Hassgfüül sind das gsi», sagt Vecchio jetzt in Schweizerdeutsch, völlig akzentfrei, bis dahin hatte er nur Italienisch gesprochen. Das Buch entstand dann in nur drei Monaten. «Es musste raus.»

«Ich kämpfe gegen das Vergessen», sagt Concetto Vecchio. Foto: PD

In «Cacciateli!» zeichnet Vecchio auch ein feines Porträt von James Schwarzenbach, der als Sohn einer reichen, liberalen Industriellenfamilie aufwuchs und sich zum Hetzer im Massanzug wandelte. Mit Einstecktuch und Brillantine im Haar gab er den Verteidiger des kleinen Volkes, das er von den Italienern zu befreien versprach. Er war ein Vorläufer der Rechtspopulisten.

Viele Italiener hören diesen Namen zum ersten Mal. Die anderen zerrt er auf eine Reise in die Vergangenheit. Er erhalte viele Briefe, sagt Vecchio, und alle wüssten noch Geschichten aus jener Zeit. Unlängst war er im Tessin für eine Lesung. «Da gab es Leute im Saal, die einfach weinten.» Bald soll er auch in Lenzburg auftreten, in seinem anderen Daheim.

«Die Wähler der Lega irritiert diese Geschichte», sagt Vecchio. Sie passt nicht ins Bild, nicht zu den beschworenen Mythen. Darum, glaubt er, haben die rechten Zeitungen das Buch nicht aufgenommen. «Die Geschichte zerstört ihre Argumente.» Es ist jetzt Fragestunde in der Galleria Sordi. Ein Zuhörer, um die 70, wirft ein, man könne doch damals nicht mit heute vergleichen. «Wir waren willkommen», sagt er. Man sei mit Arbeitsverträgen in der Tasche ausgewandert.

Dieselbe seelische Not

Für die, die in die Schweiz zogen, stimmte das ja auch. Die italienische Regierung hatte 1948 ein Abkommen mit der Schweiz geschlossen, es wurden Kontingente definiert. Die Schweizer brauchten Arbeiterarme, die ihr Wachstum am Laufen hielten, und von denen hatte das damals übervölkerte Italien mehr, als es Rom lieb war. Sie bauten Strassen in der Fremde, Tunnels und Häuser. Sie arbeiteten in den Konservenfabriken oder als Plattenleger, als Strassenfeger. Viele waren nur Gastarbeiter, Status A, ihre Kinder durften sie nicht mit in die Schweiz nehmen. Wenn sie es trotzdem taten, mussten sie sie verstecken, oder sie brachten sie in Waisenhäuser an der Grenze.

«Die seelische Not», sagt Vecchio jeweils, wenn der Vergleich kommt, «die war dieselbe wie die der Migranten von heute. Sie erleben die gleiche Entwurzelung.» Und dieselben Vorurteile, denselben Hass. Er kämpfe gegen das Vergessen, sagt Vecchio. Die Italiener hätten noch nie einen sehr ausgeprägten Erinnerungssinn gehabt. «Erinnerung ist etwas Schweres, es belastet. Wir aber mögen es gerne leicht und seicht.» Die Populisten, die Italien regieren, würden diese allgemeine Leichtherzigkeit mit ihrer simplen Propaganda zusätzlich fördern, sagt Vecchio. Sehr raffiniert.

Als Concetto Vecchio seinen Eltern sagte, dass er dieses Buch schreiben würde, sagte seine Mutter: «Mach die Schweiz nicht schlecht.» Er habe gefragt, warum ihr das so wichtig sei. «Im Alter», sagte sie, «bleibt das Gute, diese Jahre haben aus mir gemacht, wer ich bin. Wenn ich im Dorf geblieben wäre, dann hätte ich jetzt eine mickrige Rente – das ist dir schon klar, oder?»

Am Ende, erzählt Vecchio, sei eben alles gut gekommen. Die Integration, sie hat funktioniert. Gegen alle Widerstände und Vorurteile. Und trotz Schwarzenbach. Es ist sogar eine besonders erfolgreiche Integration geworden. Alles Italienische ist beliebt, es ist überall, man ist verschmolzen. Die Geschichte gehe eben ihren Weg, sagt Vecchio. Und auch Salvini wird vergehen.

Erstellt: 12.07.2019, 11:50 Uhr

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