Der Fluch der Sozialisten

Frankreichs Linke hat den Ruf einer «Verlierermaschine». Die Sexaffäre um ihren Favoriten Dominique Strauss-Kahn kompromittiert ihre Wahlchancen 2012 nur bedingt.

Das bittere Bild für Frankreichs Sozialisten: Ihr Hoffnungsträger Dominique Strauss-Kahn alias DSK in Handschellen zwischen zwei New Yorker Polizisten.

Das bittere Bild für Frankreichs Sozialisten: Ihr Hoffnungsträger Dominique Strauss-Kahn alias DSK in Handschellen zwischen zwei New Yorker Polizisten. Bild: Keystone

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Die immergleichen Bilder liefen am Montag in einer Endlosschlaufe auf allen Sendern: Dominique Strauss-Kahn mit dunkler, versteinerter Miene im schwarzen Mantel, eskortiert von New Yorker Polizisten. Man sieht auf diesen Bildern nicht, dass der Franzose hinter dem Rücken Handschellen trägt. Aber als Symbolbild ist es schon so stark genug – und bitter für Frankreichs Sozialisten. DSK war ihr Favorit gewesen für die Präsidentschaftswahlen im April 2012. Er schien alle Trümpfe in seiner Person zu vereinen, die es brauchen würde für einen Sieg über den unpopulären Amtsinhaber Nicolas Sarkozy: einen brillanten Kopf, Charisma, internationales Renommee als Chef des Währungsfonds. Kein Anwärter vor ihm in der gesamten Zeit der V. Republik, also seit 1958, hatte je so gute Umfragewerte. Weder links noch rechts. Die Medien hatten schon gefragt: «Kann die Linke denn überhaupt noch verlieren?»

Nur Mitterrand konnte siegen

Sie kann. Wie sie ausser mit François Mitterrand 1981 und 1988 die Mutter aller Wahlen ja immer verlor. Es ist ein Fluch. Vom Parti Socialiste (PS) sagt man in Frankreich auch, er sei eine «machine à perdre» – eine Verlierermaschine. Oft stand sich die Partei selber im Weg: Ideologische Zwiste zwischen tiefroten Sozialisten und rosaroten Sozialdemokraten sowie Animositäten und Intrigen unter den Leadern verhinderten einen geeinten Auftritt. Andererseits muss man auch sagen, dass Frankreichs Wähler traditionell mehrheitlich bürgerlich sind. Ein Linker kann in Frankreich nur Präsident werden, wenn es ihm gelingt, auch im Garten der rechten Mitte zu grasen. Mitterrand konnte das. Und der pragmatische, wirtschaftsfreundliche DSK hätte das auch gekonnt.

Und dennoch scheint nach dem Sturz des Favoriten nicht alles verloren. Die Tenöre der Sozialisten wurden denn auch nicht müde, den «Donnerschlag» aus New York als persönliche Tragödie zu beschreiben und damit politisch zu relativieren. «Das ist eine Affäre DSK und keine Affäre PS», sagte einer von ihnen. Ein anderer beteuerte: «Der PS ist weder kopflos noch geschwächt.» Prekärer wäre es gewesen, wenn ein solcher Skandal kurz vor der Wahl aufgeflogen wäre. Oder nach den Primärwahlen, der erstmaligen Kür eines sozialistischen Spitzenkandidaten durch die Basis. Die Primärwahl ist auf den Herbst angesetzt; das Wahlprogramm ist verabschiedet und erntete Lob. Doch nun fragt man sich im PS, ob es gescheit sei, die Primärwahl tatsächlich durchzuführen. Die Sorge ist gross, dass nach DSKs Ausscheiden noch mehr Aspiranten eine Chance wittern könnten. Und dass den Franzosen während einiger Monate das alte Bild einer chronisch zerstrittenen Partei geboten würde. Drei Figuren stehen im Vordergrund – ein Mann und zwei Frauen, hier aufgeführt nach ihren Popularitätswerten:

Der Aufsteiger: François Hollande, 56, langjähriger Parteivorsitzender. Er verbirgt seine Ambitionen nicht, gilt als volksnah, wird von den Gegnern wegen seiner Höflichkeit geschätzt, ist politisch verwandt mit DSK. Mit seinem bescheidenen Stil wirkt er aber wie eine wandelnde Antithese zu DSK und Sarkozy. Im letzten Jahr hat Hollande rund 15 Kilo abgenommen, was er als Teil seiner Vorbereitung für das hohe Amt sieht. Seine Schwächen: wenig Charisma, keine Regierungserfahrung. Laut Umfragen würde Hollande heute Sarkozy in einem allfälligen zweiten Wahlgang klar und deutlich schlagen: 60 zu 40.
Die Chefin: Martine Aubry, 60, erste Sekretärin des PS. Die Tochter des früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors, Bürgermeisterin von Lille und einst Arbeitsministerin, ist bekannt für die Einführung der 35-Stunden-Woche und gilt als stramme Linke. Ihr gelang es, die Partei zusammenzuhalten. Mit DSK soll sie ausgemacht haben, dass sie sich nicht um die Spitzenkandidatur bemühen würde, wenn er sich bewerben sollte. Tritt sie nun an? Ihr Vater hätte 1995 beste Chancen gehabt, Präsident zu werden, mochte aber nicht kandidieren. Stichwahl Aubry vs. Sarkozy gemäss Umfragen: 56 zu 44.
Die Rückkehrerin: Ségolène Royal, 57, Präsidentin der Region Poitou-Charentes, mehrfache Ex-Ministerin und ehemalige Präsidentschaftskandidatin. 2007 hatte sie Sarkozy herausgefordert und versprach nach ihrer nicht unerwarteten Niederlage, sie werde es wieder versuchen. An Charisma mangelt es der Ex-Ehefrau von Hollande nicht, dafür an einer Hausmacht in der Partei: Sie gefällt sich in der Rolle der Querschlägerin. In den letzten Jahren verlor sie an nationaler Aura und versuchte, dieses Manko mit spektakulären Medienauftritten wettzumachen. Stünde sie Sarkozy heute gegenüber, fiele das Rennen unentschieden aus: 50 zu 50.

Neben diesen drei Exponenten testen zwei jüngere Sozialisten ihre Chancen: Manuel Valls am rechten Rand der Partei und Arnaud Montebourg auf dem linken Flügel – beide 48, beide ambitioniert. «DSKs Out», wie die linke «Libération» auf der Frontseite titelte, könnte auch zwei Promotoren des gefallenen Stars zu einer Teilnahme an den Primärwahlen bewegen: Ex-Premierminister Laurent Fabius und Ex-Europaminister Pierre Moscovici. Sie gehören zu den «Elefanten» des PS, wie die politischen Schwergewichte genannt werden. Im linken Lager könnte es also wieder ein hässliches Gedränge geben. Pessimisten hören deshalb schon das Dröhnen der Verlierermaschine.

Erstellt: 16.05.2011, 22:46 Uhr

Ségolène Royal

Martine Aubry

François Hollande

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