Der Friedensnobelpreis und seine Wirkung

Viel Lärm, dann nichts? Was bringen die Friedensnobelpreise eigentlich - ausser viel Ehre für die Träger? Das Komitee, das sie verleiht, hofft jedenfalls auf mehr.

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Mit der Auszeichnung der Chemiewaffen-Kontrolleure blieb das Friedensnobelpreis-Komitee seiner Tradition treu. Ziel ist es demnach nicht nur, Errungenschaften der Vergangenheit zu würdigen, sondern auch, Anliegen, eine Bewegung oder einen Prozess zu fördern - in der Hoffnung, dass sie der Welt mehr Frieden bringen.

Aber hat es die erwünschte Signalwirkung durch die Preisverleihung auch gegeben? Manchmal. So sind viele Experten etwa davon überzeugt, dass die Auszeichnungen für Birmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi 1991 und für die Unabhängigkeitsführer Carlos Belo und José Ramos-Horta in Osttimor bedeutende politische Auswirkungen hatten. Aber in anderen Fällen erfüllten sich die Hoffnungen nicht - man denke nur an den Nobelpreis von 1994, den sich der palästinensische Führer Yassir Arafat und die israelischen Spitzenpolitiker Schimon Peres und Izchak Rabin teilten.

Der Einfluss der Entscheidungen des Nobelpreiskomitees in der jüngsten Vergangenheit lässt sich indessen nicht so klar ausmachen. Hier eine Analyse der Auswirkungen der fünf vorausgegangenen Preisverleihungen und was Geir Lundestad, Direktor des Nobelinstituts und Sekretär des Nobelpreiskomitees, dazu sagt.

2012 - EUROPÄISCHE UNION

Mit der Auszeichnung wurde der Beitrag der EU zur Umwandlung eines vom Krieg verwüsteten Europas in einen friedlichen, demokratischen Kontinent gewürdigt. Damit sollte der Staatengemeinschaft sozusagen eine Vitaminspritze gegeben werden - zu einem Zeitpunkt, da die Idee der europäischen Einigung im Zuge von finanziellem Chaos und sozialen Unruhen an Tritt zu verlieren drohte.

Auswirkungen: Es ist etwas früh für ein Urteil, aber bis jetzt sieht es nicht danach aus, als hätte der Preis geholfen, das Image der EU aufzufrischen. Zumindest nicht nach Ansicht der Einwohner. So ist nach einer jüngsten Umfrage die Unterstützung für den Euro als gemeinsamer Währung in diesem Jahr auf 51 Prozent gesunken, der tiefste Stand seit 2006. Nur 30 Prozent der Europäer haben ein positives Bild von der EU.

Lundestad: «Es ist viel zu früh für eine konkrete Schlussfolgerung... Aber es war offensichtlich, wie stolz die EU darauf gewesen ist und wie sie mit der Tatsache wirbt, dass sie den Preis erhalten hat. Man würde daher schon annehmen, dass der Preis eine bedeutende Auswirkung auf die EU selbst gehabt hat.»

2011 - PRÄSIDENTIN ELLEN JOHNSON-SIRLEAF, FRAUENRECHTLERIN LEYMAN GBOWEE (LIBERIA) sowie AKTIVISTIN TAWAKKUL KARMAN (JEMEN)

Das Komitee hoffte, dass die Auszeichnung der drei Frauen helfen würde, «ein Ende der Unterdrückung von Frauen zu bringen, die nach wie vor in vielen Ländern existiert».

Auswirkungen: Der Preis lenkte den Blick auf Karmans Ruf nach Reformen im Jemen und auf die von ihr mitorganisierten Strassenproteste gegen Präsident Ali Abdullah Saleh, der dann auch zurücktrat. Aber es gibt wenig Anzeichen für eine Verbesserung der Lage der weiblichen Bevölkerung im Land. In Afrika südlich der Sahara ist die politische Rolle der Frauen stärker geworden, was sich zum Beispiel darin widerspiegelt, dass Malawi jetzt eine Präsidentin hat.

Lundestad: «Wir sollten sehr vorsichtig damit sein, dem Nobelkomitee zu grossen Einfluss zuzuschreiben. Aber wenn wir die Entwicklungen in einem grösseren Bild betrachten, dann gibt es einfach keinen Zweifel daran, dass sich die Lage der Frauen rund um die Welt verbessert, am augenfälligsten ist das bei der Bildung.»

2010 - MENSCHENRECHTLER LIU XIAOBO(China)

Das Komitee wollte damit den Kampf für die Menschenrechte in China fördern und rief zur Freilassung des inhaftierten Dissidenten auf.

Auswirkungen: Liu ist nach wie vor inhaftiert, es gibt keinen Hinweis auf eine vorzeitige Entlassung. Seine Frau befindet sich seit der Verkündung des Preises unter Hausarrest. Insgesamt hat die Auszeichnung für Liu der Menschenrechtsbewegung in China nicht geholfen. Gegen Kritiker wird weiter mit aller Härte vorgegangen.

Lundestad: «Es lässt einen schon nachdenken, wenn man sieht, wie sehr sich mächtige Regierungen wie die chinesische vor den möglichen Auswirkungen eines Nobelpreises für einen Dissidenten fürchten. ... Vielleicht hat der Preis einen grösseren Effekt als wir manchmal denken. Wir müssen natürlich zugeben, dass die Auszeichnung für Liu kurzfristig zu nichts geführt hat. Aber die chinesische Antwort an sich war schon interessant.»

2009 - PRÄSIDENT BARACK OBAMA (USA)

Der Preis war als Aufmunterung der USA zu multilateraler Diplomatie gedacht. Viele sahen darin auch eine gezielte Kritik an der Aussenpolitik von Obamas Vorgänger George W. Bush.

Auswirkungen: Obama gibt klar diplomatischer Konfliktlösung den Vorrang, wie man jetzt auch im Atomstreit mit dem Iran sieht. Insofern hat er den Bestrebungen des Nobelkomitees entsprochen. Aber bisher hat er das Gefangenenlager Guantánamo nicht geschlossen, ein Thema, dem das Komitee bei der Verleihungszeremonie besondere Bedeutung beimass. Friedensaktivisten kritisieren auch den ausgeweiteten Drohneneinsatz im Ausland unter Obama.

Lundestad: «Es ist zu früh für ein Urteil... Aber ich meine, zwei Kriege zu beenden - im Irak und in Afghanistan - ist eine sehr bedeutende Errungenschaft.»

2008 - EX-PRÄSIDENT MARTTI AHTISAARI (FINNLAND)

Der Preis war im Kern eine Würdigung des lebenslangen Einsatzes Ahtisaaris als Friedensvermittler, von Namibia bis zum Kongo. Das Komitee verknüpfte die Vergabe lediglich mit der Hoffnung, «dass andere von seinen Bemühungen und Errungenschaften inspiriert werden».

Auswirkungen: Keine direkten, obwohl Ahtisaari in der Tat andere inspiriert haben mag.

Lundestad: «Es gibt immer die Hoffnung auf mehr, dass sich führende Politiker derartiger Anliegen annehmen und versuchen, Konflikte zu beenden und Frieden zu fördern.»

Erstellt: 12.10.2013, 15:59 Uhr

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