«Der Gedanke, die DDR könnte kollabieren, kam uns absurd vor»

Als die Berliner Mauer fiel, war Marianne Birthler Bürgerrechtlerin. Die spätere Hüterin der Stasi-Unterlagen blickt zurück – und sorgt sich um die Zukunft.

«Nach dem Mauerfall glaubten wir plötzlich, dass wir nun alles könnten»: Marianne Birthler im einstigen Stasi-Zentralarchiv in Berlin. Foto: Laif

«Nach dem Mauerfall glaubten wir plötzlich, dass wir nun alles könnten»: Marianne Birthler im einstigen Stasi-Zentralarchiv in Berlin. Foto: Laif

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Wenn Marianne Birthler vom 9. November 1989 erzählt, wird es schnell komisch. Die 71-Jährige lacht im Sessel, ihre hellen Augen flackern. Als die meisten Ostberliner längst zur offenen Mauer strömten, wartete sie auf ein amerikanisches Fernsehteam, das ihren damaligen Lebensgefährten Werner Fischer interviewen sollte. Die TV-Leute verspäteten sich, die beiden Dissidenten warteten und warteten – während sich um sie die Welt veränderte.

«Wir waren ziemlich preussisch drauf», wundert sich Birthler. Eigentlich hätten sie ja auch einen Zettel schreiben können: «Sind dann mal weg. Mauer gefallen!» Als sie nach dem Interview doch noch zur Mauer fuhren, gingen sie aus Vorsicht «erst mal nur gucken»: Sie wollten sicher sein, dass sie nicht nur raus, sondern auch wieder reinkämen. Schliesslich trauten sie sich über die Grenze und klingelten bei Westberliner Freunden an der Tür. Die schliefen bereits. Sie hatten gar nicht mitbekommen, dass die Mauer gefallen war. «Es wurde eine unvergessliche Nacht», erinnert sich Birthler und leuchtet.


30 Jahre Mauerfall – Serie zur Wende von 1989


«Wenn ich an den Herbst 1989 zurückdenke, ist es aber nicht der 9. November, an den ich zuerst denke, sondern der 9. Oktober.» Es war der Tag, als in Leipzig Zehntausende ungehindert demonstrierten, obwohl der Sicherheitsapparat der DDR bereitstand, um den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen. Die Bürgerrechtler fürchteten sich vor einer «chinesischen Lösung».

Im Juni hatten Chinas Kommunisten die Demokratiebewegung auf dem Platz des «Himmlischen Friedens» in Peking mit Panzern brutal niedergewalzt. Die DDR war eines der einzigen Länder, das sie dazu beglückwünschte. «Wir verstanden es auch als Warnung an uns. Und hatten es im Herbst noch nicht vergessen.» Entsprechend gross war am 9. Oktober die Anspannung.

Nach der Grossdemo in Leipzig war klar, dass die SED den Kampf gegen die Bürger aufgegeben hatte.

«Alles war bis ins Kleinste vorbereitet», erzählt Birthler, «die Lager standen bereit, die Listen der zu Internierenden waren geschrieben.» In den Spitälern stapelten sich Blutkonserven. Doch statt auf die Demonstranten zu schiessen, kapitulierte die Diktatur. «Von da an wussten wir: Die SED hatte den Kampf gegen uns aufgegeben. Wir waren über den Berg.» Euphorie breitete sich aus. «Wir glaubten plötzlich, dass wir nun alles könnten.» Wie ein Zustand kollektiver Verliebtheit habe es sich angefühlt, ein Überschuss an Energie und Hoffnung, wie ihn nur Revolutionen freisetzten.

Dennoch hielt die Vorstellungskraft mit dem realen Zusammenbruch der DDR nicht Schritt. «Der Gedanke, die Mauer könnte fallen und die DDR kollabieren, kam uns noch im Oktober völlig absurd vor.» Als Birthler am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz sprach, war die Wiedervereinigung bei keinem Redner ein Thema. Die Menschen wollten Freiheit, kein Plakat forderte die «Einheit».

Initiative für Frieden und Menschenrechte: Marianne Birthler spricht an der Grossdemonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Foto: Screenshot, Youtube/HistoryChannelWolf55

Die von Ost-Berliner Theaterleuten initiierte Kundgebung wurde zur grössten politisch unabhängigen Demonstration in der Geschichte der DDR, mit Hunderttausenden von Teilnehmern. Schriftsteller wie Christa Wolf, Stefan Heym oder Heiner Müller sprachen, Schauspieler wie Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers, die nachmaligen Politiker Gregor Gysi oder Lothar Bisky, aber – unter Pfiffen – auch SED-Leute wie Günter Schabowski und Spionagechef Markus Wolf. Das DDR-Fernsehen übertrug die mehrstündige Veranstaltung live, weil sich die TV-Angestellten frech über ein Verbot hinwegsetzten.

Birthler, damals 41 Jahre alt, hatte in der Nacht zuvor kaum geschlafen. Sie hatte Angst, vor so vielen Menschen zu sprechen. Seit Mitte der 1980-er Jahre gehörte die Ost-Berlinerin zum kirchlichen Widerstand, im Prenzlauer Berg arbeitete sie mit Kindern und Jugendlichen. Auf dem Alexanderplatz sprach sie im Namen der «Initiative Frieden und Menschenrechte». «Als immer mehr Menschen auf den Alex strömten, kamen mir vor Rührung die Tränen.» So viel Fantasie und Energie hätte sie den DDR-Leuten nicht mehr zugetraut. Überglücklich sei sie gewesen, dass «wir nicht mehr nur kleine Oppositionsgruppen waren», sondern Hunderttausende.

Ein irres Tempo

Birthler stellte den Machtanspruch des Regimes in ihrer Rede offen in Frage: «Es ist gut, für Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, eine besser funktionierende Wirtschaft und ein neues Bildungssystem zu kämpfen. All das ist bitter notwendig, aber wir sollten bei alledem nicht vernachlässigen, dass diese Rechte gesichert werden müssen. Das heisst, wir müssen über die Fragen der Macht nachdenken und darüber, wie Macht kontrolliert werden kann.» Fünf Tage später fiel die Mauer.

Auch nach dem 9. November vollzog sich die Revolution in einem Tempo, das zu Beginn niemand für möglich hielt: Bundeskanzler Helmut Kohl sprach noch im Januar 1990 gegenüber Diplomaten davon, dass die Wiedervereinigung schneller kommen könnte, als viele denken: «Wer weiss, vielleicht schon 1995?» Tatsächlich war Deutschland zehn Monate später vereint.

Der Beitritt zur BRD war nach Ansicht von Birthler nicht der beste Weg aus der DDR-Diktatur.

«Druck und Tempo kamen aus dem Osten, nicht aus dem Westen», sagt Birthler. Die Ostdeutschen demonstrierten zu Tausenden mit Koffern in der Hand: „Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, gehn wir zu ihr.» Den meisten Dissidenten, selbst denen, die sich wie Birthler schnell mit der Idee der Einheit anfreundeten, ging das viel zu schnell. «Ich fand, dass die DDR erst ein souveränes politisches Subjekt hätte werden sollen, mit einer demokratischen Verfassung, um dann auf Augenhöhe mit der BRD zu verhandeln.» Aber sie verstand, dass ihre Landsleute nicht mehr warten mochten. «Wir wollen keine Experimente mehr, Frau Birthler», sagte ihr ein Mann im Wahlkampf 1990. «Wir haben gerade eines hinter uns.»

Was das erwünschte Tempo der Wiedervereinigung anging, hätten sie sich damals einfach geirrt, so Birthler. Dennoch wäre der nobelste Weg aus der DDR-Diktatur ihrer Ansicht nach nicht der Beitritt zur BRD gewesen: Die Einheit hätte im Herbst 1990 vielmehr mit einer gesamtdeutschen Debatte um eine neue, gemeinsame Verfassung beginnen sollen, gefolgt von einem Volksentscheid. «Das wäre mental, politisch und symbolisch wichtig gewesen.» Auch wenn es am enormen wirtschaftlichen Gefälle zwischen den Bruderstaaten natürlich nichts geändert hätte.

Rascher politischer Aufstieg: Marianne Birthler bei der Vereidigung als Bildungsministerin des Landes Brandenburg im November 1990. Foto: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

Die Bürgerrechtler setzten sich 1990 mit ihren Ideen nur selten durch, dennoch wurden viele von ihnen erfolgreiche Politiker. Birthler, redegewandt, aufrecht, charismatisch, nahm innert Monaten für das «Bündnis 90» in drei Parlamenten Einsitz: in der letzten Volkskammer, im Bundestag und im brandenburgischen Landtag. Im November war sie schon Ministerin: Sie hatte die Aufgabe, das brandenburgische Bildungssystem neu aufzubauen. 1992 gab sie das Amt schweren Herzens wieder auf – aus Protest gegen Regierungschef Manfred Stolpe (SPD), der es ablehnte, wegen seiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit der DDR-Staatssicherheit (Stasi) zurückzutreten.

1993 half Birthler mit, das «Bündnis 90» mit den westdeutschen Grünen zu verschmelzen, eine Zeitlang war sie sogar Co-Vorsitzende der neuen Partei. Im Jahr 2000 übernahm sie als Nachfolgerin des früheren Dissidenten Joachim Gauck für zehn Jahre die Leitung der Behörde, die die Unterlagen der Stasi aufarbeitet. Statt von der Gauck- sprach man schon bald von der «Birthler-Behörde. 2017 wäre sie dem Rostocker Pfarrer fast noch einmal in ein Amt nachgefolgt – in das des Bundespräsidenten. Doch Birthler, damals knapp 70 Jahre alt, lehnte Angela Merkels Anfrage ab. Sie wäre die erste Frau im höchsten Staatsamt gewesen.

Wie weiter mit der Demokratie?

Marianne Birthler hat schon viele Jahrestage des Mauerfalls erlebt. Aber diesmal, sagt sie, reiche es nicht mehr, einfach die alten Reden zu aktualisieren: «Der Grundton hat sich verändert.» Die Gewissheit, dass dereinst auch ihre Enkel noch in Sicherheit, Freiheit und Demokratie leben könnten, sei auf einmal brüchig geworden. Überall werde die liberale Gesellschaft von rechten, antidemokratischen Kräften angegriffen: in Ungarn, Polen, Russland oder der Türkei, aber auch in Deutschland – beileibe nicht nur im Osten.

Sie sei eigentlich ein zuversichtlicher Mensch, aber nun blicke sie mit Sorge in die Zukunft: «Bleiben unsere Gesellschaften liberal? Tun wir genug, um sie zu verteidigen?» Am Anfang, meint sie, müsste die Einsicht von Bürgerinnen und Bürgern stehen, dass Freiheit und Demokratie die Aufgabe aller sei. Und dass diese nie für immer errungen seien, sondern immer neuer, gemeinsamer Anstrengung bedürften. Auch dies ist eine Lehre des Herbstes 1989.

Erstellt: 31.10.2019, 08:44 Uhr

Serie zur Wende von 1989, Teil 2

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. 28 Jahre lang hatte sie Berlin in Ost und West geteilt, die Mauer war Brennpunkt und Symbol des Kalten Kriegs. Ihr Fall markierte dessen Ende. Inzwischen ist die damalige Euphorie Ernüchterung gewichen, erneut ist die Rede von einem Kalten Krieg.

Wir blicken zurück auf die Wende. Heute stellen wir die DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler vor. Es folgen die Porträts eines sowjetischen Doppelagenten, des Stabschefs des damaligen US-Präsidenten sowie des Architekten der deutschen Wiedervereinigung. Ein Interview mit einer Historikerin schliesst die sechsteilige Serie ab. (chm)

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