Hintergrund

Der Gejagte schweigt

Seit Dominique Strauss-Kahn in seiner Heimat gelandet ist, wird er rund um die Uhr von Paparazzi gejagt. Ganz Frankreich spekuliert, wie und wann sich der ehemalige IWF-Chef zur New Yorker Sex-Affäre äussern wird.

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Der Medienauflauf war enorm, als Dominique Strauss-Kahn und seine Frau Anne Sinclair gestern früh um 7.05 in Paris landeten. Sie hätten zwar einen Hinterausgang benutzen können, doch das Ehepaar zog es vor, sich den Kameras aus aller Welt zu stellen – lächelnd und gut gelaunt. Denn schliesslich kehrte der monatelang in den USA festgehaltene ehemalige IWF-Chef nicht als Verlierer, sondern als Sieger zurück.
Vom Flughafen Charles de Gaulle aus wurde das Ehepaar von einer Polizeieskorte zu seinem Haus an der Place des Vosges im 4. Arrondissement in Paris begleitet. Dicht gefolgt von einer Karawane Paparazzi, die von ihren Motorrädern aus ins Innere des Autos blitzten. Vor dem Haus erwartete bereits eine weitere Gruppe von Journalisten und Fotografen den zurückgekehrten Ex-Politiker. Französische Fernsehsender berichteten live über die Ankunft Strauss-Kahns, als ob es sich um ein Staatsereignis handle – oder die Rückkehr eines Helden. Strauss-Kahn winkte lächelnd in die Kameras, zeigte sich sichtlich erfreut über die ihm geschenkte mediale Aufmerksamkeit. Auf ein Statement warteten die Medienvertreter allerdings vergebens.

Zurückhaltend, aber wohlwollend

Doch nicht nur DSK gibt sich zurückhaltend, auch französische Politiker versuchen, das Thema, so gut es geht, zu umschiffen. Der Präsidentschaftskandidat François Hollande gab in der gestrigen Fernsehsendung «Le Grand Jury» nur zögerlich Antworten bezüglich DSK: «Jeder kann seine eigene Meinung bezüglich DSK haben, aber eine Sache ist sicher: Seine Kompetenz in finanziellen sowie internationalen Angelegenheiten ist äusserst gesucht und anerkannt.» Hollande schloss jedoch nicht aus, dass DSK – im Fall seiner Wahl zum Präsidenten – Teil seiner Regierung werden könnte: «Dominique Strauss-Kahn ist eine jener Stimmen, die man hören will».

Ähnlich vorsichtig äusserte sich Segolène Royal, eine weitere Präsidentschaftskandidatin, gegenüber dem Fernsehsender BFMTV, sie wolle nicht auch noch einen Kommentar zu diesem medialen Gewitter um DSK geben, alles, was geschehen sei, «stellt seine Kompetenz nicht infrage». Bedeutend wohlwollendere Worte fand die Politikerin Michèle Sabban auf Itéle: «Wir sind erleichtert, ihn wieder auf französischem Terrain zu sehen. Ich bin sehr bewegt. Es ist jetzt wichtig, dass man ihn in Ruhe lässt. Es liegt nun an ihm zu entscheiden, wann er uns sagen wird, was er zu sagen hat.» Damit wies Sabban auf den in Medien mehrfach geäusserten Wunsch hin, DSK möge nun endlich seine Version der Affäre darstellen.

Dies könnte schon bald der Fall sein. Wie Anne Hommel, eine Sprecherin Strauss-Kahns, heute verlauten liess, «werde sich Strauss-Kahn innerhalb von zwei Wochen äussern». Zugleich bat die Sprecherin die Reporter, die seit gestern Morgen vor der Wohnung von Dominique Strauss-Kahn und Anne Sinclair ausharren, «ihn und seine Familie in Ruhe zu lassen». Ein konkreter Termin für eine Pressekonferenz nannte Hommel nicht, und ein angeblicher TV-Auftritt DSKs ist auch nicht bestätigt, sondern bisher nur ein Gerücht. Doch auch wenn sich DSK «äussern werde», kann nicht damit gerechnet werden, dass er auch zur Sex-Affäre etwas sagen wird. Denn seine Anwälte haben ihm geraten, sich nicht zur Affäre im New Yorker Sofitel zu äussern, solange der Zivilprozess (die Hotelangestellte verlangt Schadenersatz) nicht abgeschlossen ist. Ausserdem ist da noch Tristane Banon: Die 32-jährige Schriftstellerin hatte im Juli Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung eingereicht. Die französische Justiz hat nun die Vorermittlungen im Fall Tristane Banon aufgenommen.

Anne Mansouret ist schockiert

DSK der Medienstar. Anne Mansouret, Politikerin und Mutter der Anklägerin, ist schockiert über das mediale Interesse an DSK, vor allem über die Art und Weise, wie der ehemalige IWF-Chef in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Sie sei aber vor allem in ihrer Funktion als Mitglied des PS empört und nicht als Mutter von Tristane Banon, sagte sie auf Anfrage des Fernsehsender BFMTV. Es sei unverschämt, ihn als Helden zu feiern. «Wie schon vor ihm Polanski ist nun auch DSK vor der amerikanischen Justiz geflüchtet. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass er sich nicht nach Marokko absetzt, sondern sich den Befragungen im Fall meiner Tochter stellt.» Auf die Frage, wie ihre Tochter auf die Rückkehr Strauss-Kahns nach Frankreich reagiert habe, sagte sie, dass Tristane und ihr Anwalt David Koubbi erleichtert seien. Denn dies bedeute, dass er sich den Fragen der Staatsanwaltschaft stellen und endlich Antworten geben müsse.

Erstellt: 05.09.2011, 15:02 Uhr

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