Der «Grüne Baron»

Wie der Ex-IRA-Befehlshaber Gerry Adams zu einem britischen Adelstitel kam.

Adliger wider Willen: Sinn-Fein Führer Gerry Adams.

Adliger wider Willen: Sinn-Fein Führer Gerry Adams. Bild: Keystone

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Da staunten die Iren und die Briten. Ihnen allen war Gerry Adams schliesslich als Sinn-Fein-Präsident, als ehemaliger Belfaster IRA-Befehlshaber bekannt – als einer, der seine Heimat vom Joch der Krone befreien wollte. Und nun: Baron Adams, königlicher Haushofmeister und Gutsverwalter des Anwesens von Northstead, im Solde Ihrer Britannischen Majestät? War der Mann nach Jahrzehnten des Kampfs zur Gegenseite übergelaufen? Hatte er die Waffen gestreckt?

Adams selbst traute seinen Ohren nicht, als Londons Premierminister David Cameron die Nachricht von seiner Erhebung in den britischen Adelsstand in aller Form – und übers ganze Gesicht grinsend – im House of Commons bekannt gab. Dabei hatte der Sinn-Fein-Boss nichts anderes getan, als dem Speaker des Hauses in einem kurzen Brief seinen Verzicht auf sein Unterhausmandat mitzuteilen.

Boykottierung des Parlamentes

Den Wahlkreis West-Belfast hielt Adams nämlich fast ununterbrochen seit 1983. Wie andere Sinn-Fein-Repräsentanten hatte er sich immer wieder an Unterhauswahlen beteiligt, um «den Briten» republikanischen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung zu demonstrieren. Die gewonnenen Sitze nahmen die Sinn-Feiner freilich nicht ein. Sie boykottierten das britische Parlament, weil sie die Hoheit Grossbritanniens über Nordirland ablehnen. Den geforderten Eid auf die Queen in Westminster hätten sie nie schwören können. Ihnen reichte es, ihre Wahltriumphe zu feiern – und Spesengelder in Anspruch zu nehmen.

In diesem Jahr aber hat Adams etwas Neues geplant. Bei den irischen Parlamentswahlen in diesem Februar will sich der SinnFein-Präsident erstmals als Kandidat beteiligen. Ob er tatsächlich den Einzug ins Dail – ins Parlament in Dublin – schafft, ist einstweilen noch ungewiss. Um aber seinen Ernst zu dokumentieren, wollte Adams sich aus seinem Belfaster Wahlkreis abmelden. Also liess er den Speaker in London wissen, dass er vom dortigen (nie ausgeübten) Amt zurücktrete: «Mein guter Mann, hiermit trete ich als Abgeordneter für den Wahlkreis West-Belfast zurück. Danke. Gerry Adams.»

Baron für einige Minuten

Die Empfänger des Schreibens waren nicht gewillt, Adams so leicht davonkommen zu lassen. Was der Ire nicht wusste, war, dass ein Abgeordneter des britischen Unterhauses nicht einfach abtreten kann. Westminster-sus ist seit Hunderten von Jahren, dass dem Abtrittswilligen vom Schatzkanzler kurzfristig ein bestimmter Adelstitel verliehen wird, der ihn alsdann vom Zugang zum House of Commons disqualifiziert. Einer dieser Titel ist der des Barons von Northstead. Der Titel erlischt, sobald der Rücktritt bestätigt ist. Er ist reine Formsache. Sein Inhaber gehört der Nobilität manchmal nur wenige Minuten lang an.

Die Regierenden in London wollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den bärtigen Unterhaus-Boykotteur ein wenig zu adeln. Parlamentarier aller Parteien schüttelten sich vor Lachen, als Cameron – selbst ein entfernter Cousin der Königin – die unverhoffte Ehre für Adams enthüllte. Adams, drüben in Irland, wehrte sich empört gegen den administrativen Streich: Er habe einen solchen Titel nie beantragt. Da hätte er sich eben besser informieren müssen, hielt man ihm in London entgegen. Die Adelung sei automatisch erfolgt, so sei das eben. Nur dafür, dass man ihm nicht rechtzeitig Bescheid gesagt hatte, entschuldigte sich der Privatsekretär des Premierministers.

Nicht bloss die Briten fanden das eine lustige Sache. Auch in Irland, Nord und Süd, schmunzelten die Leute über den unfreiwilligen «Grünen Baron». Was sich in diesem Lachen offenbarte, war wohl auch Dankbarkeit dafür, dass man mit derart ernsten Fragen mittlerweile seinen Spass haben kann. In den Jahren, bevor ein unerschrockener Stratege namens Gerry Adams seine Truppen in den Nordirland-Frieden einband, hätte ein Streit um Krone und verletzten irischen Stolz leicht noch zu ganz anderen Ergebnissen führen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2011, 13:26 Uhr

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