Der Himmel ist geschlossen

Der Papst eröffnet heute das heilige Jahr. Es sollte Rom Millionen Gäste und Milliarden Euro bringen. Doch jetzt macht sich Terror­angst breit.

Es hätte ein Fest für die Kirche werden sollen: Papst Franziskus. Foto: Reuters

Es hätte ein Fest für die Kirche werden sollen: Papst Franziskus. Foto: Reuters

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«Roma blindata», gepanzertes Rom. Kein Bild trifft es besser als diese schwere Metapher auf die eingeigelte, verängstigte Stadt in Zeiten des Terrors. Dabei hätte Franziskus’ Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit ein Fest werden sollen. Ein Fest für die Kirche. Ein Fest für Rom auch. Die Römer hatten gehofft, sie könnten mit hübschen Bildern ihren ins Gerede geratenen Ruf wieder etwas kurieren, die unschönen Geschichten über «Mafia Capitale» und den grossen Verfall überstrahlen. Und nun das: «Roma blindata» – so steht es in den Zeitungen, so nehmen die Römer ihre Stadt wahr. Vor jeder Metrostation im Zentrum steht ­Militär in Tarnfarben. Auf den Strassen fährt so viel Polizei wie nie zuvor, nicht selten mit Blaulicht, damit ihre Präsenz auch von allen bemerkt wird. Niemandem steht der Kopf nach Fest und Be­sinnung. Nicht im Panzer.

Wenn Franziskus am Morgen dieses 8. Dezembers das heilige Tor im Dom öffnet, die Hauptpforte zum Sündenablass, die zwischen den Jubiläumsjahren jeweils zugemauert bleibt, werden Präzisionsschützen auf den Dächern rund um den Petersplatz sitzen, die Massen im Blick. Zwischen 50'000 und 100'000 Gläubige sollen dann auf der grossen Piazza und auf der Via della Conciliazione stehen, dem Zugangsboulevard. Das ist nicht viel: An solchen Tagen pilgern sonst fünfmal mehr Menschen über den Tiber. Es sind nur die mutigen.

Für den Abend ist eine dreistündige Lichtshow geplant mit dem sinnigen ­Titel «Fiat lux». Auf die Fassade der Basilika, die für einmal dunkel in der Stadt steht, werden dann Bilder berühmter Fotografen projiziert, deren Motive vom bedrohten Planeten handeln, vom Schutz der Umwelt und des Klimas, frei nach Franziskus’ Enzyklika «Laudato si’». Auch dieser Programmpunkt be­reitet den Organisatoren Sorgen. Und so hat die Polizei die Gegend rund um den Vatikan für den ganzen Tag zur «Zona rossa» erklärt, zur Hochsicherheitszone. Die parkierten Autos wurden abgeschleppt, alle gusseisernen Abfalleimer entfernt, die Hotels im Borgo Pio durchsucht. Damit möglichst auch keine Gefahr vom Himmel droht, liess Roms Präfekt Franco Gabrielli den Luftraum schliessen. Er spricht von einer «No Fly Zone», wie man sie aus Kriegen kennt. Ausserdem untersagte Gabrielli den Dreh von Filmen, in denen die Schauspieler Waffen tragen, damit es auch ja keine Verwirrung gibt.

Segen ohne Gewähr

Als Franziskus im letzten März sein ­«Giubileo» ankündigte, reagierte Rom zunächst überrascht und aufgeregt, auch ein bisschen besorgt. Niemand hatte mit einem ausserordentlichen Jubiläums­jahr gerechnet – so nennt man jene heiligen Jahre, die nicht dem üblichen 25-Jahre-Rhythmus folgen. Als Anlass wählte Franziskus den 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aufgeregt waren die Römer, weil der Ruf des Papstes jeweils Gäste in Massen nach Rom lockt, die das Geschäft mehren, die Hotels füllen, die Restaurants, Souvenirläden, auch die Kleiderboutiquen. Und wie immer war man auch besorgt, weil die vielen Wallfahrer im fröhlichen Halleluja-Modus die chaotischen, chronisch schlecht organisierten städtischen Dienste wieder an den Rand der Überforderung drängen, vor allem den öffentlichen Verkehr und die Abfallentsorgung.

Bald gab es abenteuerliche Schätzungen über mögliche Besucherzahlen. In den Köpfen setzte sich die Zahl 33 Millionen fest, errechnet von einem Forscherteam der römischen Universität La Sapienza, das auch den wirtschaftlichen ­Segen kalkulierte, der sich da über die Stadt ergiessen würde: 11 Milliarden Euro über fünf Jahre, 5000 Jobs. Im heiligen Jahr 2000 waren 25 Millionen nach Rom gereist. Diesmal, so hiess es, würden noch viel mehr kommen, weil die Preise für Flugreisen deutlich gesunken seien und weil dieser Papst aus dem Süden vielleicht noch populärer sei als damals der Pole, Johannes Paul II. Aus Argen­tinien würden sie kommen, aus Mexiko, von den Philippinen.

Mittlerweile sind die Prognosen korrigiert worden: Mehr als 10 bis 11 Millionen Besucher erwarte man nicht, heisst es jetzt, Touristen ohne spirituellen ­Antrieb einberechnet. Nach den Terror­anschlägen in Paris haben viele ihre bereits gebuchten Reisen wieder annulliert. Die Hotels melden einen Geschäftseinbruch um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die billigeren Bed & Breakfast klagen gar, über 50 Prozent ihrer Gäste hätten die Reisen storniert.

Eine konkrete Terrorgefahr, sagt Italiens Innenminister Angelino Alfano, gebe es nicht, obschon die Terrormiliz Islamischer Staat immer wieder drohe. Unlängst hoben die Carabinieri im norditalienischen Brescia eine Zelle mut­mass­licher Anhänger des IS aus, von denen ­einer in einem Chataustausch schrieb: «Denkt daran, es wird keinen weiteren Papst geben nach diesem, dies ist der letzte.» Nur Geschwätz? Alfano ist überzeugt, dass Italien besser gewappnet sei gegen den Terrorismus als andere europäische Länder, weil es in seiner jüngeren Geschichte im Kampf gegen inländische Terrorgruppen und gegen die Mafia seine Gesetze notgedrungen verschärft, Methoden und Reflexe verfeinert habe. Doch auch er nennt die Bedrohung «ernsthaft und schwer».

So schwindet alle Hoffnung auf ein gutes Geschäftsjahr. In manchen Pizzerien wehrt man sich gegen die allgemeine Trübsal und setzt die «Pizza Giubileo» wieder auf die Speisekarte, wie damals im Jahr 2000. Es waren bessere, leichtere, panzerlose Zeiten.

Erstellt: 07.12.2015, 19:12 Uhr

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