Der Krater im Herzen Siziliens

Italien gedenkt Giovanni Falcones. Doch 25 Jahre nach dem Attentat auf den Richter droht das zivilgesellschaftliche Engagement gegen die Mafia zu erlahmen.

Die Autobahn A 29 nach dem Anschlag auf Richter Falcone. Foto: Labruzzo (AP, Keystone)

Die Autobahn A 29 nach dem Anschlag auf Richter Falcone. Foto: Labruzzo (AP, Keystone)

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In Palermo montieren sie Grossbildschirme für eine besondere Nacht. Vor der Oper, am Strand, vor dem Justizpalast. Möglichst viele Leute sollen die Sendung sehen, die der staatliche Sender Rai Uno morgen zeigen wird. Live, mit vielen prominenten Teilnehmern. Mit Reden, Gesang, Theater, wahrscheinlich auch mit bedeutungsschwerem Schweigen. Die Italiener begehen den 25. Jahrestag der «Strage di Capaci», des Massakers von Capaci, wie sie den Mordanschlag der Mafia auf Richter Giovanni Falcone nennen. Das Gedenken ist über die Jahre zum Ritual geworden, für manche zur dürren Routine.

Rai Uno möchte diesen Trott brechen, weil niemand stärker von der Gleichgültigkeit profitiere als die sizilianische Mafia, die Cosa Nostra. Auftreten werden unter anderem Roberto Saviano, der Autor von «Gomorrha», und Don Luigi Ciotti, der Vorsitzende der Anti-Mafia-Bewegung Libera. Sie werden Falcone als einen furchtlosen Helden feiern. Er und Paolo Borsellino, sein Richterkollege und Freund, den die Mafia zwei Monate später umbringen sollte, sind zu Mythenfiguren der italienischen Gesellschaft geworden. Ihre Fotos hängen in jedem Gericht des Landes. Jede Stadt hat einen Platz oder eine Strasse nach ihnen benannt. In Zeiten unsicherer Helden sind sie sichere Werte.

Dabei geht leicht vergessen, dass den beiden Männern erst nach ihrem Tod ungeteilter Respekt zuteil wurde. Während sie lebten, fühlten sie sich oft alleingelassen: von den Institutionen, der Politik, den Intellektuellen. Für den Eifer, den sie in den Kampf gegen die Mafia legten, wurden sie offen kritisiert.

Ein böser Text

Der berühmte sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia schrieb 1987 im «Corriere della Sera», Leute wie Borsellino nutzten ihre Rolle, um berühmt zu werden. Sie seien «Profis der Anti-Mafia». Es war ein böser Text, der das Land spaltete und die Stimmung vergiftete. Nach dem Tod seines Freundes sagte Borsellino, Falcone habe schon viel früher begonnen zu sterben – am Tag, als der «Corriere» den Artikel publizierte. Sciascia stellte die moralische Integrität der Richter infrage. Er isolierte sie.

Das Foto vom Tatort kurz nach dem Attentat brannte sich in die Köpfe der Italiener. Man sieht ein Stück der Autobahn A 29 bei der Ausfahrt Capaci, den Krater im Asphalt. An jenem 23. Mai 1992 war Falcone, der zwischenzeitlich in Rom im Justizministerium an neuen Gesetzen gegen die Mafia arbeitete, nach Palermo gereist. Ein gepanzerter Wagen holte ihn am Flughafen ab. Im Auto sassen auch Falcones Frau und drei Bodyguards. Die Mafia hatte erfahren, dass der Richter für das Wochenende in seine Heimatstadt kommen würde. Alles war vorbereitet. In einem Abwasserkanal unter der Strasse hatte die Mafia 400 Kilogramm Sprengstoff platziert. Giovanni Brusca, einer der brutalsten Bosse jener Zeit, sass auf einem Hügel hoch über dem Tatort. Er zündete die Ladung, als Falcone die Stelle passierte. Um 17.58 Uhr.

Es war ein Racheakt. Falcone und Borsellino hatten in den Achtzigern den grössten Mafiaprozess geführt, den Italien je erlebte. Ermöglicht hatte ihn Tommaso Buscetta, «Don Masino», mit seinen Aussagen als Kronzeuge. 707 Mafiosi wurden angeklagt, ganze Familienclans. Dutzende Bosse wurden vorgeladen – und verurteilt. Doch lange Zeit war nicht klar, ob die Haftstrafen, die sie in erster Instanz auferlegt erhielten, auch nach der letzten Instanz noch Bestand haben würden.

Als das Kassationsgericht die Urteile dann Anfang 1992 bestätigte, war der Triumph der Richter von Palermo endlich gewiss. Falcone und Borsellino hatten zum ersten Mal beweisen können, mit Dokumenten und Zeugenaussagen, woran zwar niemand gezweifelt hatte, was von vielen aber still geduldet wurde: Dass es die Mafia tatsächlich gibt, mit einer Kuppel und einer hierarchischen Struktur. Dafür sollten die Richter bezahlen müssen. Falcone hatte oft von den Gefahren gesprochen, denen er sich aussetzte. Einmal sagte er: «Meine Frau und ich haben beschlossen, keine Kinder zu bekommen – die Liste der Waisen ist lang genug.» Falcone wurde 53.

Der Schock im Volk verwandelte sich schnell in Zorn. Nach den Morden an den Richtern entstanden Bürgerbewegungen, die sich offen dem Kampf gegen die Mafia verschrieben. Es war, als habe Brusca auch die Angst der Menschen weggesprengt. 1995 gründete der katholische Priester Don Luigi Ciotti Libera. Obschon die Anti-Mafia-Organisation seither kleinere Skandale und interne Zwiste erlebt hat, zieht sie bis heute auch junge Menschen an. Sie haben die Zeiten, als Cosa Nostra Krieg führte gegen den Staat, gar nicht erlebt.

Unter Verdacht

Doch andere Vereinigungen missbrauchten die Etikette «Anti-Mafia» zur Tarnung für unlautere Geschäfte. Eine Reihe vermeintlicher Vorkämpfer geriet ins Zwielicht, auch prominente. Richterin Silvana Saguto etwa, die sich um die gemeinnützige Verwendung von beschlagnahmten Gütern der Mafia kümmern sollte, führte sich auf, als gehörte das alles ihr. Gegen den früheren Präsidenten des sizilianischen Arbeitgeberverbandes, Antonello Montante, laufen Ermittlungen wegen Korruption und Erpressung; der Chef der Handelskammer, Roberto Helg, wurde zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

Und so erinnert man sich zum 25. Jahrestag von Giovanni Falcones Tod auch wieder an Leonardo Sciascias Pamphlet gegen die «Profis der Anti-Mafia». Es hatte prophetische Züge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2017, 20:49 Uhr

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