Hintergrund

Der Krieg der Starköche

Zuerst lästerte Sternekoch Marco Pierre White über Jamie Oliver und seine Schulkantinen-Projekte, danach wollte er selber für das leibliche Wohl von englischen Kindern sorgen – und blitzte ab.

Viele Köche verderben den Brei: Michelin-Koch Marco Pierre White (l.) wollte sich Jamie Olivers Projekt für gesundes Essen an britischen Schulen unter den Nagel reissen.

Viele Köche verderben den Brei: Michelin-Koch Marco Pierre White (l.) wollte sich Jamie Olivers Projekt für gesundes Essen an britischen Schulen unter den Nagel reissen. Bild: Keystone

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Marco Pierre White, bekannt auch als «MPW», ist der erfolgreichste Koch Grossbritanniens und bekannt für seine legendären Wutausbrüche. So soll er als junger Koch regelmässig Schlägereien am Arbeitsplatz angezettelt haben und als Geschäftsführer seines ersten eigenen Restaurants, dem It-Lokal «Harveys», unliebsame Gäste auf die Strasse gesetzt haben: zum Beispiel eine Gruppe von 54 Citybankern, die dort ihr Weihnachtsfest feierten. Ihre Art zu feiern passte White nicht und so mussten sie das Restaurant verlassen. Nun hat es der Gourmet-Guru auf Englands beliebtesten Fernsehkoch Jamie Oliver (der ihm schon lange ein Dorn im Auge ist) abgesehen: Er soll versucht haben, Olivers Projekt für gesünderes Essen an britischen Schulen mit einem eigenen Projekt zu torpedieren.

Starkoch wetzt sein Messer

Seit Jahren engagiert sich Englands beliebtester Fernsehkoch, der «Naked Chef» Jamie Oliver für gesünderes Essen an den Schulen. 2005 startete Oliver eine erste Aktion, die Reality-Show «Jamie's School Dinners» zur Verbesserung der Qualität des Schulessens. Gleichzeitig sammelte der sozial engagierte Koch über 270'000 Unterschriften für die Petition «Feed me better!», die er Tony Blair angeblich mit der Erklärung überreichte, dass mit der aktuellen Ernährung «unsere Kinder zu fetten, kränkelnden Bastarden werden». Eine Aktion, die gut ankam: Die britische Regierung investierte daraufhin 280 Millionen Pfund in die Verbesserung der Verpflegung an Schulen.

Nun soll laut der Tageszeitung «The Guardian» ausgerechnet Olivers grösster Widersacher – das exzentrische enfant terrible der britischen Gourmetszene Marco Pierre White – versucht haben, das politische Territorium von Jamie Oliver zu stürmen. Während eines Treffens mit dem Bildungsminister Michael Gove wollte Michael Pierre White Gove von seinem Projekt überzeugen. Seine Idee: Profi-Köche an Schulkantinen zu verpflichten, die wiederum von Catering-Giganten mit Essen versorgt werden. White soll gehofft haben, einen gesamtbritischen Fünfjahresvertrag in Kraft setzen zu können. Doch laut verschiedenen Emails, die dem «Guardian» vorliegen, soll White mit seinem Vorhaben bei der Regierung abgeblitzt sein, weil seine Vorschläge anscheinend zu wenig innovativ gewesen seien. Ausser die Leidenschaft für gutes Essen bereits in jungen Jahren hervorzurufen und die Kinder in Sachen Ernährung zu inspirieren, sei wenig Konkretes aus Whites Plänen hervorgegangen.

«Ein dicker Chefkoch mit Schlagzeug»

Dass er nun ausgerechnet gegen Jamie Olivers Projekt keine Chance hatte, muss stark an Marco Pierre Whites Ego kratzen. Denn der beliebte Fernsehkoch und White stehen schon lange auf Kriegsfuss. Schon vor einigen Jahren nannte White Jamie Oliver einen «fat chef with drum kit» (als Anlehnung auf Olivers Tätigkeit als Schlagzeuger in der Band Scarlet Division), nachdem Oliver ihn in einem Radiointerview als einen «Psycho-Schläger» bezeichnet hatte. Und mit Kritik geht White bekanntlich sehr schlecht um. Als ihm ein Restaurantkritiker, seiner Meinung nach, zu wenig Respekt erwies, liess er ihn aus dem Lokal werfen und als ihm der Oskarpreisträger Michael Caine, mit dem er gemeinsam das «Canteen» besass, in die Menüplanung dreinredete und auf «Fish and Chips» bestand, ging die Freundschaft abrupt in die Brüche.

Als geschäftsschädigend erwies sich sein Verhalten jedoch nicht. Im Alter von 25 Jahren erhielt Marco Pierre White 1987 als jüngster Koch aller Zeiten den ersten Michelin-Stern. Später kamen noch zwei weitere dazu, die ihn zum erfolgreichsten britischen Koch auszeichneten. Um einen Tisch in seinem Restaurant zu erhalten, musste man teilweise monatelang warten. Jamie Oliver ist zwar einer der berühmtesten Köche Grossbritanniens, doch einen Michelin-Stern kann er nicht aufweisen. Ein weiterer Grund, um ihn zu verachten: Erst wenn dieser seinen ersten Michelin-Stern gewonnen habe, könne er beginnen, «ihn überhaupt ernst zu nehmen», gab White in einem Interview von sich, bei dem er auch Olivers Kampagne für gesunde Ernährung an Schulen nur «als Publicity-Kampagne in eigener Sache» bezeichnete. Dass es White selber nur um das Wohl der Kinder und ihre Liebe für gutes Essen geht, dürfte in Frage gestellt werden. Denn White, der seit 1999 nur noch als Restaurateur und nicht mehr als Koch tätig ist, ist heute unter anderem als Ambassador für den Fertiggerichthersteller Bernhard Matthews tätig – und ausgerechnet diesen wollte er an Bord seines Schulprojektes hieven.

Erstellt: 17.10.2011, 18:28 Uhr

Ein junger MPW in Aktion

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