Der Mahner, der Deutschland einen «Ruck» verschrieb

Roman Herzog ist 82-jährig gestorben. Der frühere deutsche Bundespräsident bleibt vor allem mit einer Rede in Erinnerung. Ein Nachruf.

Bodenständig, aber niemals grimmig: Der frühere deutsche Bundespräsident Roman Herzog, hier bei der Abdankungsfeier für den verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt im November 2015. Foto: Focke Strangmann (Getty Images)

Bodenständig, aber niemals grimmig: Der frühere deutsche Bundespräsident Roman Herzog, hier bei der Abdankungsfeier für den verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt im November 2015. Foto: Focke Strangmann (Getty Images)

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Es kommt selten vor, dass ein einzelnes gesagtes Wort wie eine Chiffre für eine Persönlichkeit stehen bleibt, aber bei Roman Herzog war es der Fall. Er war der Mann des «Rucks»: «Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.» So mahnte der damalige Bundespräsident 1997 in einer Rede, die er mit den Worten einleitete, er werde heute kein Blatt vor den Mund nehmen.

Die Probleme, die Herzog beim Namen nannte, waren Mutlosigkeit, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stillstand, erdrückender Bürokratismus. Der Reformstau sei unübersehbar. Dabei fehle es nicht an Wissen, sondern einzig an Tatkraft. «Ich vermisse bei unseren Eliten (...) die Fähigkeit und den Willen, das als richtig Erkannte auch durchzusetzen.»

Vor 20 Jahren galt Deutschland als «kranker Mann Europas». Die Euphorie der Wiedervereinigung war verflogen, die Kosten der Einheit begannen das Land zu drücken, mehr als vier Millionen Menschen waren arbeitslos. Die Kanzlerschaft Helmut Kohls war längst erstarrt und zerfiel in langsamer Agonie. Herzogs Mutrede gab ein verbreitetes Verlangen im Land wieder und löste jene Bewegung mit aus, in der Deutschland sich in den folgenden Jahren erneuern sollte. Kohl verlor 1998 die Wahl, der Sozialdemokrat Gerhard Schröder bildete mit den Grünen die neue Regierung und leitete jene Reformen des Arbeitsmarkts ein, die Deutschland in wenigen Jahren zur wirtschaftlichen Vormacht in Europa formen würden.

Bemerkenswert an Herzogs Aufruf zur Erneuerung war vor allem, dass er von einem Repräsentanten der alten Bundesrepublik kam, einem Politiker überdies, den Kohl selber einst für die CDU entdeckt hatte. Da hatte Herzog als Professor der Rechtslehre bereits eine steile Karriere gemacht. Der Niederbayer wurde Bildungs- und Innenminister in Baden-Württemberg, bevor er als Richter ans Bundesverfassungsgericht gewählt wurde; zwischen 1987 und 1994 war er auch dessen Präsident. Bundespräsident wurde er 1994 als Nachfolger von Richard von Weizsäcker. Der damals 60-jährige Herzog sagte schon beim Antritt, dass er auf eine zweite Amtszeit verzichten werde.

Nach seinem Rückzug 1999 prägte er mehrere Reformkommissionen und leitete den ersten europäischen Grundrechtekonvent. Herzog blieb auch nach seiner Zeit als Bundespräsident ein Mahner, dennoch ging ihm alles Grimmige ab. Er war vielmehr eine heitere, oft auch selbstironische Persönlichkeit, intellektuell und dennoch ausgesprochen bodenständig. Eine seltene Kombination.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 18:27 Uhr

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