Der Mann vor der Botschaft

Seit 1000 Tagen hofft Richard Ratcliffe, seine Frau dürfe das Gefängnis im Iran verlassen. Über den ohnmächtigen Kampf eines britischen Vaters.

Oft weint seine Frau am Telefon, dreissig Minuten lang, ohne Pause: Richard Ratcliffe vor der iranischen Botschaft in London. Foto: Keystone

Oft weint seine Frau am Telefon, dreissig Minuten lang, ohne Pause: Richard Ratcliffe vor der iranischen Botschaft in London. Foto: Keystone

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Dreimal in der Woche darf er genau fünf Minuten lang mit ihr telefonieren, und einmal in der Woche eine halbe Stunde. Oft gibt es nichts zu sagen ausser «ich liebe dich»; es geht ja so wenig voran, und es hört immer jemand mit. Aber oft, sagt Richard Ratcliffe, weint seine Frau nur, dreissig Minuten lang, ohne Pause.

Zurzeit erreicht sie ihren Mann nur am Handy. Er kampiert in einem winzigen, grünen Zelt auf dem Asphalt vor der iranischen Botschaft am Hyde Park, daneben hat er zwei Campingstühle und eine Batterie Wasserflaschen aufgebaut. Richard Ratcliffe ist im Hungerstreik; bis auf Weiteres trinkt er nur. Damit will er seine Frau, Nazanin Zaghari-Ratcliffe, unterstützen, die seit drei Jahren im Evin-Gefängnis in Teheran einsitzt und ebenfalls einen Hungerstreik begonnen hat. Sie will erreichen, dass sie endlich eine bessere medizinische Versorgung erhält. Und dass ihr Mann ein Visum bekommt. Und, ganz vielleicht, dass man sie freilässt. Aber das ist eine sehr vage Hoffnung; es gibt keine Indizien dafür, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht. Im Gegenteil.

Sie wollte ihre Grosseltern besuchen

Richard Ratcliffe, ein Buchhalter aus London, wartet seit mehr als tausend Tagen auf die Rückkehr seiner Frau und seiner Tochter Gabriella, die eigentlich nur aufgebrochen waren, um zum iranischen Neujahrsfest die Grosseltern zu besuchen. Er hofft, dass die britische Regierung wegen des öffentlichen Echos auf den doppelten Hungerstreik mehr Druck ausübt auf das Regime in Teheran. Seine Frau hat Herzprobleme, sie ist schwer depressiv, zeitweilig hatte sie grosse Sorgen wegen Knoten in der Brust.

Aber die britische Regierung ist in Auflösung begriffen und wegen des Wettbewerbs um den Premierministerposten vor allem mit sich selbst beschäftigt. Aussenminister Jeremy Hunt hatte den Fall im März zwar aufgewertet, indem er erklärte, die Britin, die in Iran geboren ist, stehe unter «diplomatischem Schutz». Sie sei unschuldig. Er forderte das Regime auf, «das Richtige zu tun». Aber Iran erkennt die britische Staatsbürgerschaft von Zaghari-Ratcliffe nicht an und ist auch ansonsten härter als hart in dieser Causa.

Zaghari-Ratcliffe und ihre Familie auf einer undatierten Aufnahme.

Zaghari-Ratcliffe ist derzeit wohl die bekannteste Gefangene aus Grossbritannien. Die junge Mutter aus dem Londoner Stadtteil West Hampstead hatte als Projektmanagerin bei der Thomson-Reuters-Stiftung gearbeitet und sich innerhalb des Medienkonzerns um Wohltätigkeitsprojekte kümmert. Sie war im April 2016 am Imam-Khomeini-Flughafen verhaftet worden. Der Vorwurf: staatsgefährdende Aktivitäten, Planung eines Umsturzes. Die 40 Jahre alte Frau habe, sagen die Revolutionären Garden, einen Online-Journalismus-Kurs auf Persisch geleitet, mit dem anti-iranische Propaganda verbreitet und ein «feindliches, ausländisches Netzwerk» aufgebaut werden sollte. Zaghari-Ratcliffe sagte, sie wusste nicht, wie ihr geschehen sei.

Seither sitzt sie im Gefängnis, war lange in Isolationshaft. Ihre Tochter lebt bei den Grosseltern und darf ihre Mutter nur ab und zu sehen. Ihr Mann Richard kämpft aus der Ferne um ihre Freilassung. Alles, was er weiss, weiss er aus den Telefonaten mit ihr, von seinen Schwiegereltern, von Unterstützergruppen, vom Aussenministerium, das erst nach vielen Monaten Zugang zu seiner Frau bekam. Amnesty International fordert ihre Freilassung; Zaghari-Ratcliffe sei unschuldig, ihr Verfahren nicht rechtsstaatlich gewesen. Vergeblich.

Während der Verhandlung, die etwa 15 Minuten gedauert habe, durfte Zaghari-Ratcliffe nicht sprechen.

Zaghari-Ratcliffe durfte, berichtet ihr Mann, vor ihrem Prozess im September 2016 keinen Anwalt sehen. Sie wusste nicht, was ihr vorgeworfen wird. Während der Verhandlung, die etwa fünfzehn Minuten gedauert habe, durfte sie nicht sprechen. Als sie danach zu ihrem Anwalt geführt wurde, habe man ihr die Augen verbunden und sie angebrüllt, sie komme nie mehr frei. Das Urteil: fünf Jahre. Sie protestierte mit einem Hungerstreik. Mit einem zweiten. Vergeblich. Ihr Gesundheitszustand wurde immer schlechter.

Dass der damalige britische Aussenminister Boris Johnson, derzeit Favorit für das Amt des Premierministers, sich über ihren Fall äusserte, machte die Sache nicht besser. Johnson hatte sich, schlecht vorbereitet oder schlicht ignorant, mit dem Argument für sie eingesetzt, sie habe in Iran «ja nur Journalismus unterrichtet» – genau das, was Zaghari-Ratcliffe vehement bestreitet. Ihr Arbeitgeber, die Thomson-Reuters-Foundation, veröffentlichte umgehend ein Statement, sie habe eben nicht unterrichtet, sondern in Iran Urlaub gemacht. Das iranische Staatsfernsehen übernahm die Diktion von Johnson aber umgehend: Seine Äusserung sei ein «unfreiwilliges Geständnis» gewesen, dass Zaghari-Ratcliffe schuldig sei.

Ihre Berufung wurde verworfen. Für ein paar Tage durfte sie das Gefängnis verlassen, durfte ihre Tochter in die Arme schliessen. Hoffnung kam auf; aber sie musste zurück in die Zelle. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, war zeitweilig suizidal. Nach einer Weile wurde ein zweites Verfahren gegen sie mit der Begründung eröffnet, es gebe neue Belege für ihre staatsfeindlichen Aktivitäten. Richard Ratcliffe ist überzeugt, dass damit eine Freilassung nach Verbüssung der ursprünglichen Zeit verhindert werden soll.

Am Dienstagabend rechtfertigte sich Boris Johnson in der TV-Debatte um die Nachfolge von Premierministerin Theresa May, seine Bemerkung habe «keinen Unterschied gemacht».

Richard Ratcliffe sieht seine Frau als Spielball im Poker der Grossmächte, als Faustpfand Irans. «Da gibt es so vieles, was nicht mit uns zu tun hat: die aktuellen Spannungen im Golf von Oman und die Angriffe auf Öltanker, der von den USA aufgekündigte Atomdeal, die Sanktionen – da ist meine Frau nur ein weiches Ziel, ein kleines Opfer im grossen Plan.»

Paar und Tochter an drei verschiedenen Orten

Und so hat er sein Zelt ein paar Zentimeter weg von der Bürgersteigkante gerückt, gerade so viel, dass es auf öffentlichem Raum steht und nicht das Hoheitsgebiet der iranischen Botschaft berührt – damit der Botschafter nicht wieder die Polizei holt und sich beschwert, dass Ratcliffe den Zugang blockiere. Die Stimmung wird mit dem wachsenden Medieninteresse immer angespannter, Botschaftsangehörige versuchen, Sympathisanten zu vertreiben. Richard Ratcliffe kann das nur recht sein. So wird er, so wird seine Frau gesehen.

Seit mehr als tausend Tagen sitzt sie nun ein. Ratcliffe formuliert diplomatisch, er will seiner Frau nicht schaden. Die katastrophale Äusserung des womöglich nächsten Regierungschefs Boris Johnson kann er nicht zurückholen. Nun wünscht er sich, dass sich Jeremy Hunt mehr einsetzt. Aber die politische Grosswetterlage rund um Iran kann keine weitere, noch so kleine private Krise brauchen.

Ratcliffe hat seine Frau bei Freunden kennengelernt, zwei Jahre später heirateten sie. Fünf Jahre später kam Gabriella auf die Welt. Eigentlich wollte das Paar noch ein zweites Kind. Stattdessen leiden Paar und Tochter an drei verschiedenen Orten. Nur der Hungerstreik verbindet sie.

Erstellt: 19.06.2019, 19:32 Uhr

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