Der Marschall und die Mörder

Der jugoslawische Geheimdienst hat Dutzende kroatische Dissidenten in Deutschland hingerichtet: im Auftrag von Staatschef Josip Broz Tito. Zwei der Agenten kommen jetzt in München vor Gericht – 31 Jahre danach.

Josip Broz Tito mit 86 Jahren. Der ehemalige Partisanenführer regierte die Volksrepublik Jugoslawien von 1945 bis zu seinem Tod 1980. Foto: Keystone

Josip Broz Tito mit 86 Jahren. Der ehemalige Partisanenführer regierte die Volksrepublik Jugoslawien von 1945 bis zu seinem Tod 1980. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt Bilder, die mehr als tausend Worte sagen. Zwei Herren sitzen an einem runden Tisch, beide adrett gekleidet, rechts ist Willy Brandt zu sehen, die Pfeife auf einem riesigen Aschenbecher, ein Glas Wasser vor sich (oder ist es Schnaps?), links sitzt Josip Broz Tito, er trinkt vermutlich Whiskey. Der jugoslawische Staatschef hat seinen Kopf ein wenig nach vorne geneigt, weil der deutsche Bundeskanzler ihm gerade ehrerbietig eine Zigarre anzündet.

Das Bild der beiden Männer ist Anfang der 70er-Jahre entstanden, als Willy Brandt, der «wundersame Teutone mit dem Olivenzweig», wie eine jugoslawische Zeitschrift damals schrieb, Tito besuchte – und nach offiziellen Gesprächen in Belgrad auch zu Gast auf Titos Adria-Insel Brioni war.

Der legendenumwobene ehemalige Partisanenführer stand der Bewegung der blockfreien Staaten vor, die sich in den Ost-West-Konflikt nicht einmischen wollte. Deshalb wurde Tito von der Regierung in Bonn als Partner und Vermittler geschätzt. Und für den kommunistischen Marschall waren die Beziehungen zu Deutschland wichtig: Etwa eine halbe Million jugoslawische Gastarbeiter überwiesen jährlich fast zwei Milliarden D-Mark in die Heimat. Diese Devisen hielten – neben ausländischen Krediten – die Wirtschaft des sozialistischen Balkanstaats am Laufen.

Ein schmutziger Krieg

Die deutsch-jugoslawische Freundschaft im Kalten Krieg hatte eine blutige Schattenseite. Titos Regime führte auf deutschem Boden im Untergrund einen Krieg gegen Exilkroaten, die den Vielvölkerstaat Jugoslawien bekämpften und ein unabhängiges Kroatien forderten. Die Dissidenten organisierten Protestzüge, druckten Flugblätter und nationalistische Broschüren, einige schmuggelten sogar Waffen in die Heimat. In Frankfurt wurde der jugoslawische Vizekonsul erschossen, in Bonn die Handelsmission gestürmt. Und auch in anderen westlichen Staaten verübten gewalttätige Kroaten Anschläge auf jugoslawische Einrichtungen.

Das Regime in Belgrad schlug brutal zurück. Geheimdienstagenten und Profi­killer streckten seit Ende der 60er-Jahre über 30 kroatische Emigranten nieder. Es ist die längste unaufgeklärte Mordserie der deutschen Nachkriegs­geschichte. Die Medien in Deutschland schrieben von Titos geheimen Mördern, die Politiker in Bonn schwiegen, weil sie den jugoslawischen Diktator nicht verärgern wollten, er wurde sogar mit dem höchsten deutschen Orden geehrt.

Die deutsche Justiz ist mittlerweile überzeugt, dass Tito höchstpersönlich die Befehle erteilte, politische Gegner zu ermorden. Ein früherer Staatsminister im Bonner Auswärtigen Amt sagt achselzuckend: «Es gibt Dinge in der Politik, die so sind, wie sie sind. Unser überragendes Interesse war, einen Weg zu finden, um die Entspannung mit der Sowjetunion in Europa voranzutreiben.».

Erst nach Titos Tod im Mai 1980 war Bonn bereit, das unangenehme Thema anzusprechen. Im Sommer 1983 reiste Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) nach Jugoslawien, um seinen Amtskollegen Stane Dolanc zu drängen, die blutige Jagd auf kroatische Exilanten einzustellen. Das Gespräch auf der grünen Insel Korcula hatte kaum begonnen, als eine Schreckensmeldung aus dem bayerischen Wolfratshausen eintraf: Stjepan Djurekovic war in einer Garage, wo er Propagandamaterial gedruckt hatte, mit mehreren Schüssen und wahrscheinlich mit einem Beil bestialisch exekutiert worden. Das war das Ende des Treffens, die deutsche Delegation reiste umgehend ab.

Ein Geheimnisträger

31 Jahre nach dem Mord an dem Dissidenten Djurekovic beginnt am Freitag in München ein spektakulärer Prozess gegen die mutmasslichen Drahtzieher. 50 Verhandlungstage sind angesetzt, über 130 Journalisten haben sich akkreditieren lassen. Die beiden Angeklagten: Josip Perkovic (69) und Zdravko Mustac (72) waren Topagenten des Tito-Regimes, einflussreiche Männer, die viel wissen über den schmutzigen Krieg gegen die Exilkroaten.

Die deutsche Bundesanwaltschaft wirft den beiden Beihilfe zum Mord vor. Perkovic und sein Vorgesetzter Mustac bauten ein weitverzweigtes Agentennetz in Deutschland, der Schweiz und Österreich auf – überall dort, wo grosse Diasporagemeinden lebten. Die Waffen für Mordanschläge wurden oft von westeuropäischen Händlern gekauft und über eine Tarnfirma in Vaduz bezahlt. So steht es in den Akten deutscher Behörden.

Stjepan Djurekovic, das Opfer von Wolfratshausen, war kein gewöhnlicher Dissident wie viele andere in Deutschland lebende Exilkroaten. Nein, der schnauzbärtige Mann galt als Staatsfeind, weil er zu viel über Machenschaften und Korruptionsaffären im jugoslawischen Erdöl­unternehmen INA wusste. Djurekovic hatte dort die Marketingabteilung geleitet, als die jugoslawische Justiz Ermittlungen gegen Vanja Spiljak aufgenommen hatte. Dem INA-Manager wurde vorgeworfen, in illegale Ölgeschäfte verwickelt gewesen zu sein. Offenbar drohte Djurekovic, belastendes Material weiterzugeben.

Es war ein Spiel mit dem Feuer, denn Vanja Spiljak hatte einen mächtigen Beschützer: Sein Vater Mika, ein jugoslawischer Ex-Premierminister, war nach Titos Tod turnusmässig Staatschef geworden. Ehemalige Geheimdienstler vermuten, dass der Befehl, Djurekovic zu beseitigen, von «höchster Stelle» kam. Offensichtlich ahnte der Endfünfziger die Gefahr, denn im April 1982 setzte er sich nach München ab. Es bewahrte ihn nicht vor dem Hinterhalt und der Ermordung gut ein Jahr später.

Geschäfte über die Schweiz

Vanja Spiljak konnte seine Karriere ungehindert fortsetzen. Nach dem Zerfall Jugoslawiens gründete er in den 90er-Jahren in Zürich die Ölhandelsgesellschaft Mitan Handels AG. Kroatische Medien bezeichnen ihn als «Ölkönig des Balkans». Er sagt, sein Vater habe mit dem Mord an Djurekovic nichts zu tun.

Die jugoslawischen Behörden fürchteten, der geflüchtete INA-Marketingchef könnte Geheimnisse an die Deutschen verraten – zum Beispiel über unterirdische Treibstofflager der jugoslawischen Armee oder Bestechungs­skandale in der Parteispitze. Djurekovic, das ist inzwischen bekannt, arbeitete auch für den Bundesnachrichtendienst, er schrieb Manifeste wie «Der Kommunismus, ein einziger Betrug» und «Die roten Manager» – und einen Roman, in dem er Tito als dekadenten Schürzenjäger verspottete.

Der Regimekritiker wollte seine Pamphlete auch im Münchner Exil drucken und nahm dafür Kontakt zu anderen kroatischen Aktivisten auf. Hier lernte er auch Krunoslav P. kennen, der für eine Exilzeitung arbeitete. Ihm gehörte die Garage in Wolfratshausen, in der die Druckerei untergebracht war. Was Djurekovic nicht wusste: P. war inoffizieller Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdienstoffiziers Josip Perkovic. Und P. war es auch, der Perkovic den Nachschlüssel gab, mit dem sich die Mörder Zutritt zur Garage verschafften. Zu diesem Schluss gelangte ein Münchner Gericht im Jahr 2008, weshalb es P., den Komplizen der Täter, zu lebenslanger Haft verurteilte.

Seine Aussagen werden jetzt im Prozess gegen die einstigen jugoslawischen Geheimdienstgrössen Perkovic und Mus­tac mit Spannung erwartet. Mustac war zu Beginn der 80er-Jahre Chef des Geheimdienstes SDS und soll seinen Untergebenen Perkovic beauftragt haben, den Anschlag in Wolfratshausen zu planen.

Kroatien weigerte sich lange, die beiden Männer an die deutsche Justiz auszuliefern. Kurz vor dem EU-Beitritt am 1. Juli 2013 verabschiedete das Parlament in der Hauptstadt Zagreb noch ein Gesetz, das die Gültigkeit europäischer Haftbefehle auf nach 2002 begangene Straftaten begrenzte. Es war ein Affront gegen die Europäische Union und ein durchsichtiger, ehemalige jugoslawische Geheimdienstler, deren mutmassliche Verbrechen mehr als drei Jahrzehnte zurücklagen, vor Strafverfolgung zu schützen.

Männer wie Perkovic und Mustac waren zu Beginn der 90er-Jahre, als Jugoslawien zerfiel, plötzlich kroatische Patrioten geworden. Sie unterstützten die neue politische Führung im Kampf für die Unabhängigkeit, organisierten den Widerstand gegen die grossserbische Aggression, fädelten Waffenkäufe über alte Verbindungen ein. Perkovic leitete zeitweise auch den militärischen Geheimdienst des jungen Adriastaates.

Sein Sohn arbeitet seit zehn Jahren als Sicherheitsberater der kroatischen Staatspräsidenten. Hochrangige Politiker in Zagreb fürchteten, Perkovic senior könnte nach seiner Auslieferung nach Deutschland Geheimnisse ausplaudern – über Waffenschmuggel im jüngsten Krieg und über unzählige Korruptionsaffären, die Kroatien seit der Staatsgründung erschüttern.

Erst als die EU mit Sanktionen drohte, knickte Zagreb ein. Perkovic wurde im Januar ausgeliefert, Mustac folgte im April. Die mutmasslichen Drahtzieher des Mordes in Bayern kommen also endlich vor Gericht, aber es fehlen immer noch die Mörder. Drei sollen es gewesen sein, die Djurekovic in der Garage exekutierten. Das behauptet jedenfalls ein ehemaliger Agent und Killer des jugoslawischen Geheimdienstes, der als Zeuge im Münchner Prozess auftreten wird. Sein Name: Vinko Sindicic. Die Richter halten seine Aussagen im Mordfall Djurekovic für «werthaltig und authentisch».

Geübte Lügner

Kroatische Medien veröffentlichten allerdings einen Brief des Ex-Spitzels, in dem er behauptet, die deutschen Ermittler hätten ihn gezwungen, falsche Beschuldigungen gegen die zwei Angeklagten zu machen. Sindicic ist ein mit allen Wassern gewaschener Agent und wird mit mehreren Mordanschlägen in Westeuropa in Verbindung gebracht. Zeitweise war er, der «rote James Bond» des Balkans, mit einem Schweizer Pass unterwegs. Das Dokument war auf Rudolf Lehotzky ausgestellt, einen Handelsreisenden, und war diesem während eines Aufenthalts im berühmten Zagreber Hotel Esplanade Ende der 80er-Jahre gestohlen worden – vermutlich vom jugoslawischen Geheimdienst.

Die Richter in München stehen vor einer grossen Herausforderung: Sowohl die Angeklagten als auch die meisten Zeugen sind geübte, ja professionelle Lügner, die in der Heimat als Patrioten erscheinen wollen. Ihr oberstes Ziel ist es, Blutspuren zu verwischen, denn die deutschen Behörden ermitteln in 13 weiteren Mord­fällen.

Ein Bild wird im Prozess vermutlich mehr als tausend Worte sagen: Es zeigt die Leiche des erschossenen Dissidenten Stjepan Djurekovic in einer Blutlache. Eine verstörende Erinnerung an die dunklen Kapitel des von Josip Broz Tito beherrschten Vielvölkerstaats.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2014, 19:06 Uhr

Stjepan Djurekovic
Getötet am 28. 7. 1983

Artikel zum Thema

Hohe Gefängnisstrafen für Karadzic-Vertraute

Das Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien hat zwei ehemals hochrangige bosnische Serben schuldig gesprochen. Sie seien in Morde, Folter und Verfolgung gegen Muslime und Kroaten verwickelt gewesen. Mehr...

«Er sah nicht mehr wie er selbst aus»

Nach jahrelanger Flucht: Der Serbenführer Goran Hadzic wurde heute verhaftet. Er war der noch letzte Kriegsverbrecher aus Ex-Jugoslawien auf freiem Fuss. Bei seiner Festnahme war er bewaffnet. Es gibt erste Bilder. Mehr...

Den Haag spricht drei UCK-Mitglieder frei

«Nicht schuldig in allen Anklagepunkten»: So lautet das Verdikt des UNO-Tribunals für Ex-Jugoslawien. Der ehemalige kosovarische Premier Ramush Haradinaj und zwei Mitangeklagte wurden sofort freigelassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Bis zu 20 Prozent Krankenkassenprämie sparen

Mit dem neuen Grundversicherungsmodell KPTwin.easy sparen Sie bis zu 20 Prozent Prämie und eine Menge Zeit.

Kommentare

Blogs

Mamablog Wir Eltern sind mitschuldig
Stadtblog Der Espresso kostet hier 1.50 Franken

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...