Analyse

Der Niedergang der Ségolène Royal

Sie war die Partei-Ikone der französischen Sozialisten und wollte den höchsten Sitz im französischen Parlament. Sie wird die Treppen des Palais Bourbon jedoch nicht emporsteigen. Was nun?

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Die Präsidentschaftskandidatin von 2007 schlittert von Enttäuschung zu Enttäuschung. Nachdem sie sich während ihrer Präsidentschaftskampagne von den Sozialisten im Stich gelassen fühlte, gibt sie nun der lokalen Partei die Schuld an ihrem Scheitern.

Der Wahlkreis um La Rochelle, indem sie erstmals antrat, hat Royal kein Glück gebracht: Sie wurde vom lokal verankerten Gegner Olivier Falorni mit 63 Prozent der Stimmen geschlagen, obwohl dieser in der Vorrunde nur den zweiten Rang belegt hatte. Ségolène Royal sprach gestern wiederholt von «politischem Verrat» durch ihre Partei, während die Parteivorsitzende Martine Aubry der ehemals «besten Feindin» ihre Sympathie aussprach und erklärte, Falorni sei «nur dank rechter Stimmen gewählt worden».

Der mächtige Altherrenclub

Es ist der grosse Widerspruch in ihrem Scheitern: eine Verteidigerin der partizipativen Demokratie wird von einem Parteiapparat voller Intrigen gebremst. Royal hat keine Wahl mehr, sie wird sich mit dem Altherrenclub ihrer Partei abfinden müssen.

Der berühmte Tweet von Valérie Trierweiler, Partnerin von Präsident François Hollande, die lieber Falorni unterstützen wollte als sich für die Mutter der Kinder ihres Partners einzusetzen, hatte keine Auswirkungen auf den Ausgang der Wahl und höchstens für Verwirrung gesorgt.

Fazit: Ségolène Royal muss sich erneut ganz klar geschlagen geben. Dennoch denkt die einstige Hoffnungsträgerin der Sozialisten nicht ans Aufgeben. «Ich werde innerhalb der Partei weiterhin eine wichtige Rolle spielen», erklärte Royal und könnte damit auf einen möglichen Parteivorsitz anspielen – dieses Amt wird Martine Aubry in den kommenden Monaten abgeben.

Niederlage auch für Bayrou

Verloren hat auch François Bayrou (61), Chef der zentristischen Partei Mo Dem – ein Urgestein – der bei der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren noch 6,8 Millionen Stimmen (18,6 Prozent) gewonnen hatte. Nun unterlag er in seiner Heimatstadt Pau einer Sozialistin.

Offenbar verziehen viele der Seinen nicht, dass sich Bayrou, der aus dem bürgerlichen Lager stammt, vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl hinter den Sozialisten Hollande stellte. Er war 24 Jahre lang Mitglied der Assemblée Nationale. Wegen seiner überlegten Art und seiner Volksnähe gehört er zu den beliebtesten Politikern Frankreichs.

Der Coup der kleinen Le Pen

Anders als Royal und Bayrou konnte Marion Maréchal-Le Pen (22) gestern jubeln. Die Nichte von Front-National-Chefin Marine und Enkelin von Parteigründer Jean-Marie, hat den Sprung in die Nationalversammlung geschafft. Die Jus-Studentin war im südfranzösischen Carpentras angetreten, einer Stadt, in der die Partei eine lange und bewegte Geschichte hat. Einige Wochen Kampagne reichten ihr, um sich gegen eine recht schwache bürgerliche Rechte durchzusetzen. Sie ist die jüngste Abgeordnete der 5. Republik, also seit 1958.

Marine Le Pen gescheitert

Ganz knapp verloren hat dagegen ihre Tante – so knapp, um 114 Stimmen, dass sie noch gestern Abend Rekurs eingelegt hat: Marine Le Pen wurde im nordfranzösischen Pas-de-Calais von ihrem sozialistischen Gegner geschlagen. Die Niederlage dürfte ihre Rolle innerhalb der Partei nicht beeinträchtigen. Ihre kosmetische Modernisierung des FN verhalf ihr selber zu einem starken Resultat bei den Präsidentschaftswahlen und der Partei zu einer neuen Salonfähigkeit. Die bürgerliche Rechte fühlt sich dermassen bedrängt, dass sie mit einer Allianz flirtet.

Le Pen rechnet damit, dass vor den nächsten Wahlen 2017, der Majorz mit etwas Proporz aufgemischt wird. Dann könnte der FN einige Dutzend Sitze gewinnen und als Powerbroker im ganzen rechten Lager auftreten.

Dieser Text wurde verfasst mit Inhalten aus «Tribune de Genève», «24 Heures» und «Tages-Anzeiger».

Erstellt: 18.06.2012, 11:55 Uhr

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