Der P-Day

Gesten, Gesichtsausdrücke, Posen: Zum Gedenktag des D-Day in der Normandie interessiert fast nur der diplomatische Umgang des Westens mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

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Man könnte leicht etwas Mitleid empfinden für die hochbetagten und teils erstaunlich rüstigen Herren in ihren alten Uniformen und Hüten, die da vorab aus Grossbritannien und Amerika an die Küsten der Normandie gereist sind: Die Veteranen wären ja die grossen Helden dieses Tages, des 70. Jahrestags des D-Day. Wahrscheinlich ist das für die meisten von ihnen, alle um die 90 Jahre alt, der letzte runde Gedenktag anlässlich ihrer heroisch gefährlichen Landung in der Normandie zur Befreiung Europas von den Nazis, an dem sie teilnehmen können. Das Wetter ist schön, die Verdienste sind unbestritten.

Und doch stehen an diesem 6. Juni 2014 nicht sie im Fokus des Weltinteresses, sondern ein vergleichsweise junger Herr aus Moskau, den viele der geladenen Staats- und Regierungschefs wegen seines grossmächtigen Handelns und Gebarens in der Ukraine für eine Persona non grata halten: Wladimir Putin, Russlands Präsident.

«Eine Deeskalation tut not»

Alle fragen sich in diesen Stunden, wie man ihm bei diesen Feierlichkeiten begegnen wird: mit welchen Posen, welchen Gesichtsausdrücken. Als Putin am Donnerstagabend in Paris zu seiner ersten offiziellen Reise in den Westen seit der Annektierung der Krim landete, traf er sich zunächst im Zollbereich des Flughafens Charles de Gaulle mit dem britischen Premier David Cameron. Und der verweigerte ihm den Händedruck – zumindest in Gegenwart der Kameras. Danach sagte Cameron, er habe Putin gesagt, dass der Status quo in der Ukraine nicht akzeptabel sei: «Russland muss den neuen ukrainischen Präsidenten anerkennen und mit ihm arbeiten – eine Deeskalation tut not: Wir müssen die Lieferung von Waffen und die Verlegung von Männern über die Grenze stoppen.»

Barack Obama wiederum, der US-Präsident, mied Putin in Paris, wird aber in einigen Stunden im Calvados am selben Tisch sitzen wie der Russe – im Schloss von Bénouville, wo alle 19 hohen Gäste gemeinsam tafeln sollen. Grüsst er ihn? Oder ignoriert er ihn? Im Vorfeld hatte Obama erklärt, Russland riskiere neue Sanktionen, wenn es nicht einlenke. Doch kümmert das Putin? In einem Interview mit dem französischen Fernsehen hatte er gesagt, er meide niemanden, er werde mit allen Gästen reden, die das wünschen, es seien ja genügend da. Mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel soll es ein bilaterales Gespräch geben. Mit Gastgeber François Hollande, Frankreichs Präsidenten, hat er schon gestern gesprochen und ausgiebig diniert, ohne Kameras, im engen Rahmen des Elysée.

Grüssen sich Putin und Poroschenko?

Zum diplomatischen Clou des Tages sollte aber die Begegnung zwischen Putin und dem gewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko werden – wenn sie denn zustande kommt. Poroschenko soll morgen in Kiew in sein neues Amt eingeführt werden. Grüssen sich die beiden? Und wie grüssen sie einander: vor Kameras oder hinter den Kulissen? Gut möglich, dass Hollande auf Putin eingewirkt hat, dass er eine klare Geste der Anerkennung offenbare, gewissermassen als Basis für etwas Wärme in den abgekühlten Beziehungen zwischen dem Westen und Moskau, diesem schemenhaft angedeuteten Revival des Kalten Krieges. Eine solche Geste könnte das Klima zum Fest des D-Day gleich merklich verbessern und andere versöhnliche Gesten nach sich ziehen, inklusive freundlicherer Gesichter.

Erstellt: 06.06.2014, 13:03 Uhr

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