Der Querschläger erhebt sich gegen seine Tochter

Der Vater ist ein Antisemit, die Tochter ein Marketingprodukt: Im Moment des grössten Erfolgs zerreisst sich der französische Front National.

Die Tochter und der notorische Antisemit: Marine und Jean-Marie Le Pen. Foto: Reuters

Die Tochter und der notorische Antisemit: Marine und Jean-Marie Le Pen. Foto: Reuters

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Es war nur eine Frage der Zeit, bis es krachen würde. Einer wie Jean-Marie Le Pen lässt sich den Mund nicht verbieten. Nicht mit 85 Jahren, nicht nach einer langen Karriere als Querschläger und Tribun. «Ich bin ein freier Mann», sagt er jetzt trotzig. Er lasse sich nicht ins Korsett des «Einheitsdenkens» zwängen. Von niemandem, auch von seiner Tochter Marine nicht. Und schon gar nicht von deren Lebenspartner, Louis Aliot, Europaabgeordneter wie er, den er nebenbei als Idioten apostrophiert. Frankreich wohnt mit Erstaunen dem öffentlichen Zerwürfnis einer politischen Dynastie bei, die auf der Welle ihres grössten Triumphs reitet – und sich spaltet. Der rechtsextreme Front National, die Kreatur der Le Pens, bei den jüngsten Europawahlen mit 25 Prozent die grösste Partei der Republik, offenbart gerade seine internen Verwerfungen.

Aber zunächst zum Umstand der grossen Aufregung. Le Pen senior führt seit etlichen Jahren einen Videoblog auf der Website der Partei, eine Art Tagebuch. 366 Episoden haben sie schon gedreht. Der Gründer und Ehrenpräsident des FN wird da von Mitarbeitern der Partei interviewt – besser: Sie werfen ihm Stichworte zu und lassen ihn dann reden, ungebremst, über alles. Das Format ist «Teleblocher» mit Christoph Blocher nicht unähnlich. Im jüngsten Videoblog fragte man Le Pen, was er davon halte, dass der Sänger und Schauspieler Patrick Bruel, bürgerlich Patrick Benguigui, geboren in Algerien und jüdischen Glaubens, aus Protest gegen den FN Konzertdaten streiche. Darauf Le Pen, prustend: «Wissen Sie, beim nächsten Mal machen wir einfach eine Ofenladung.» – «Une fournée», sagte er, eine Anspielung auf die Vernichtungslager der Nazis.

Der unsägliche Alte

Eine Entgleisung war das nicht: Le Pen ist ein notorischer Antisemit. Mehrfach wurde er schon wegen Volksverhetzung, Rassismus oder Verharmlosung von Kriegsverbrechen verklagt. Berühmt ist seine Einschätzung, die Gaskammern seien «ein Detailpunkt» des Zweiten Weltkriegs gewesen. Als man ihn unlängst auf das schnelle demografische Wachstum in Afrika ansprach, sagte er: «Monseigneur Ebola könnte das Problem in drei Monaten regeln.» So redete er immer schon. Moralisch ist das Urteil längst gefällt.

Nun aber wird Jean-Marie Le Pen zur politischen Hypothek für seine Partei, die sich unter der Tochter krampfhaft und mit viel Marketing ein bekömmlicheres Image zulegen will. Nichts fürchtet man dort mehr als die Unsäglichkeiten des Alten. Gerade in diesen Tagen, da Marine Le Pen mühsam um Koalitionspartner für eine Fraktion im Europaparlament buhlt, wäre Ruhe besonders nötig. Manche, etwa Nigel Farage von der britischen Partei Ukip, lassen sich nicht einspannen, weil sie den FN nach wie vor für eine antisemitische Partei halten. Nun wurden sie in ihrer Meinung bestärkt.

Die Tochter müsste den Vater eigentlich ausschliessen, wie sie das mit allen subalternen Figuren der Partei tut, die der angestrebten «Entteufelung» mit Hitlergrüssen und rassistischen Sprüchen entgegenwirken. Doch das kann sie nicht. Erstens, weil er ihr Vater ist. Zweitens, weil ihr eigener Aufstieg ohne den markanten Familiennamen nie möglich gewesen wäre. Und drittens, weil Jean-Marie Le Pen trotz kosmetischer Aufpeppung der Partei und trotz Berufung junger Exponenten in die Führung noch immer eine starke Strömung des FN vertritt: Ohne die Nostalgiker, verhaftet in alten Kriegen und Denkschemen, schrumpfen Marine Le Pens Ambitionen beträchtlich. Viele von ihnen lachen, wenn Le Pen senior Witze reisst.

Und so relativierte die Tochter den Antisemitismus des Vaters, obschon ihr der Sinn wohl nach mehr stand. Sie sprach von einem «politischen Fehler»: Er habe die Folgen unterschätzt, die seine Aussage haben würde, sagte sie. Taktische Fehleinschätzung also, mehr nicht. Ihr Lebenspartner Aliot war deutlicher: «Ein weiterer mieser Satz, politisch dumm und inhaltlich bestürzend.» Florian Philippot, die Nummer 2 der Partei, sprach von einer «unangemessenen Brutalität». Und der Deputierte Gilbert Collard, einer von zwei Mitgliedern des FN in der Assemblée Nationale, riet der Überfigur der Partei, sich in den Ruhestand zu verabschieden. Doch Le Pen trotzt und poltert und prustet weiter.

Erstellt: 10.06.2014, 07:04 Uhr

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