Der «Rockstar» der Muslim-Gegner

Nach der Beil-Attacke von London mobilisiert die English Defence League gegen den Islam. Der ehemalige Hooligan Stephen Lennon ist der Kopf der Ultrarechten und sagt, er teile die Ideologie des Attentäters Anders Breivik.

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Nach der brutalen Ermordung eines britischen Soldaten in London kam es in Grossbritannien zu islamfeindlichen Aktionen und Demonstrationen. Bilder von vermummten Rechtsradikalen liefen über die Agenturen. Die Proteste waren keineswegs so spontan, wie sie auf den ersten Blick wirkten. Dahinter steckt die nationalistische English Defence League (EDL, englische Verteidigungsliga).

Die EDL entwickelte sich ursprünglich aus radikalen Flügeln der Hooligan-Szene und besteht erst seit wenigen Jahren als politische Organisation. Verlässliche Mitgliederzahlen sind nicht bekannt, die Gruppe organisiert sich vor allem über die sozialen Medien. Sie schaffte es jedoch wiederholt, tausende Sympathisanten für Märsche gegen den Islam zu mobilisieren. Anführer und wichtigste Identifikationsfigur ist der verurteilte ehemalige Hooligan Stephen Lennon.

Lee Rigby als Märtyrer gefeiert

Lennon tritt in der Öffentlichkeit stets unter seinem Pseudonym Tommy Robinson auf. Gestern Montag demonstrierte die EDL vor dem Regierungssitz des britischen Premiers, Lennon hatte seinen bislang grössten Auftritt. Seine Anhänger, vornehmlich arbeitslose junge Männer aus Arbeiterquartieren, skandierten rassistische Slogans und liessen den getöteten Soldaten Lee Rigby hochleben wie einen Märtyrer.

Der wegen Gewalt an Polizeibeamten verurteilte Lennon wandte sich an die Demonstranten und rief zu mehr Respekt für Armeeangehörige auf. Die Muslime hätten ihren arabischen Frühling gehabt, sagte Lennon. «Nun ist es Zeit für den englischen Frühling.»

So offen wie jetzt zeigte sich Lennon nicht immer. Jahrelang trat er nur maskiert auf, wie es ihm viele seiner Anhänger nun gleichtun. Als Autor soll sich der 30-Jährige einen Namen unter Gleichgesinnten gemacht haben: In zwei Büchern liess er die Hooligan-Szene in seiner Heimatstadt Luton nahe London hochleben. Medienberichten zufolge ist aber nicht klar, ob Lennon die Bücher tatsächlich selbst geschrieben hat.

Gleiche Ideologie wie Breivik

Erstmals in die nationalen Schlagzeilen schaffte es Lennon mittels eines Auftritts in einer TV-Dokumentation über den norwegischen Attentäter und Islamhasser Anders Behring Breivik. Nach den Anschlägen im Juli 2011 verurteilte Lennon Breivik als Monster, fügte jedoch an, dessen Ideologie zu teilen.

Brisanz erhielt die Aussage vor allem darum, weil englische Medien zu jener Zeit die engen Kontakte zwischen Breivik und der EDL aufdeckten. Laut Breiviks eigenen Aussagen hat er die Führer der EDL persönlich getroffen und Facebook-Kontakte zu 600 Mitgliedern gepflegt.

Wichtiger Teil der paneuropäischen neuen Rechten

Mittlerweile pflegt die EDL enge Kontakte zu verschiedenen rechten, islamophoben Gruppierungen in den USA und ganz Europa. In einer aktuellen Studie, die bei mehreren internationalen Universitäten in Auftrag gegeben wurde, wird die EDL explizit als wichtiger Teil der paneuropäischen neuen Rechten bezeichnet. Diese Strömung zeichnet sich durch einen kulturellen Nationalismus aus und betreibt vor allem Hetze gegen muslimische Einwanderer.

Die EDL habe viel zur Gründung von weiteren Verteidigungsligen in ganz Europa beigetragen, schreiben die Verfasser. Innerhalb dieser Bewegung, zu der auch der Attentäter Breivik gezählt wird, habe Stephen Lennon alias Tommy Robinson einen beinahe legendären Status und gelte unter vielen Sympathisanten als «Rockstar».

Abgesehen von seinen extremen Ansichten steht Lennon derzeit unter der Überwachung durch die Behörden. Mittels eines gefälschten Passes versuchte er im September 2012 in die USA einzureisen, um einen Vortrag zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September zu halten. Die Einreise scheiterte, Lennon wurde in Grossbritannien zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Die Polizei entliess ihn im Februar aus der Haft, stattete ihn jedoch zuvor mit einem elektronischen Ortungssystem aus. Mit diesem will sich Lennon bald zu einer langen Wanderung aufmachen. Ein Solidaritätsmarsch soll das Gedenken an Lee Rigby hochhalten – und Spendengelder in die Kasse der EDL fliessen lassen.

Erstellt: 28.05.2013, 17:06 Uhr

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