Der Stehaufmann knickt ein

Alle Angriffe schien er an sich abprallen zu lassen – nun begräbt François Hollande völlig unerwartet seine Ambitionen auf eine zweite Amtszeit. Was brachte ihn ins Straucheln?

François Hollande während einer Zeremonie auf dem Platz vor dem Invalidendom. (27. November 2015)

François Hollande während einer Zeremonie auf dem Platz vor dem Invalidendom. (27. November 2015) Bild: François Mori/Keystone

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So selbstzufrieden sprach François Hollande in den ersten Minuten seines Auftritts, dass so mancher Zuschauer vor dem Fernseher sicher gern Eier Richtung Bildschirm geworfen hätte. Seelenruhig breitete Frankreichs Präsident zur besten Sendezeit aus, was er Grosses geleistet habe: das Sozialmodell gerettet, die Schule reformiert, Frankreich demokratischer gemacht, Griechenland vor dem Ausscheiden aus der EU bewahrt, die Anti-Terrorgesetze verschärft, ohne die Freiheit der Bürger aufs Spiel gesetzt zu haben, ja am Ende sei es ihm sogar gelungen, auch noch die Arbeitslosigkeit zu senken, wie versprochen. Dann jedoch kam der Satz, der zu dieser Vorrede nicht passte, und mit dem niemand gerechnet hatte: «Ich habe aber beschlossen, nicht bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren.»

«J'ai décidé de ne pas être candidat à l'élection présidentielle»: François Hollandes Verzichtserklärung am Donnerstagabend.

Auch eine gute Nachricht kann sich wie ein Schock anfühlen: François Hollande wird nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Damit hatten weder Feinde noch Freunde gerechnet. Seine Entscheidung ist so mutig wie unerwartet. Aber vermutlich hat Frankreichs Präsident am Donnerstagabend kurz nach 20 Uhr bei seinen Landsleuten genau die Glaubwürdigkeit wiedergewonnen, die er in den Jahren zuvor verspielt hatte. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Er will doch als «normaler Präsident» in die Annalen eingehen, weil er nicht machttrunken handelt, sondern die persönlichen Interessen hinter die der Nation zurückstellt. Hollande sprach über die Gefahr des Rechtspopulismus und die Wahlen in den USA: «Mehr als jeder andere weiss ich einzuschätzen, was in der Zeit, die jetzt beginnt, auf dem Spiel steht.»

Umfrage

Wem hilft der Abgang von François Hollande?






Ein Leben lang habe er sich als Sozialist engagiert, versicherte Hollande, und als solcher werde er sich mit der Zersprengung der französischen Linken nicht einfach abfinden, weil das «jegliche Hoffnung darauf, den Konservatismus oder schlimmer noch den Extremismus zu besiegen», zerstöre. Die Riten der Macht hätten nicht dafür gesorgt, dass er seine Klarsicht verloren habe. Er, Hollande, sei sich des Risikos bewusst, wenn er als Kandidat die Linke nicht ausreichend hinter sich versammeln könnte.

Die Absage ist für Frankreich ein historischer Moment: Noch nie hat ein Präsident nach nur einer Amtszeit auf die erneute Kandidatur verzichtet. Die Karten für die Präsidentschaftswahlen im kommenden April werden damit vollständig neu gemischt. Zwei der zentralen Figuren der letzten Jahrzehnte, Hollande wie auch der konservative Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, sind aus dem Spiel. Letzterer hatte vor zwei Wochen eine demütigende Niederlage erlebt, als er nicht in die zweite Runde der Vorwahlen der Republikaner kam, und nur auf dem dritten Platz landete.

Man mag Hollande unterstellen, dass er nicht nur an das Wohlergehen Frankreichs denkt, sondern sich auch Demütigungen ersparen will. Jüngste Umfragen sagten ihm katastrophale Ergebnisse für die erste Wahlrunde im April voraus, er wurde weit hinter dem konservativen Kandidaten François Fillon eingestuft, aber auch hinter der Rechtspopulistin Marine Le Pen, dem sozialliberalen Emmanuel Macron und dem linksextremen Jean-Luc Mélenchon. Gerade Mal sieben Prozent der Stimmen, so die jüngste Prognose, hätte er auf sich versammeln können. Jetzt überlässt Hollande, wie es aussieht, seinem Premierminister Manuel Valls das Feld.

Positive Reaktionen

Als klug und mutig wurde Hollandes Entscheidung von Parteifreunden bezeichnet. Der lange Zeit als «Vatermörder» titulierte Emmanuel Macron wirkte regelrecht betreten, als er die Entscheidung Hollandes kommentierte. Für den konservativen Präsidentschaftskandidaten Fillon ist es das «Eingeständnis seines Versagens».

Alles hatte in den vergangenen Wochen darauf hingedeutet, dass Hollande wider besseren Wissens antreten wird. Anfang September hatte er eine flammende Rede in einem alten Ballsaal gehalten, die alle als Beginn seiner Wahlkampagne interpretierten. Nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen, nicht einmal die Tatsache, dass er der unbeliebteste Präsident seit Beginn der Meinungsforschung ist. Er wirkte wie ein Stehaufmännchen, das sich nicht umwerfen lässt. Weder Umfragen noch die immer gnadenloseren Angriffe aus den eigenen Reihen schienen ihn von der Überzeugung abbringen zu können, der beste aller vorstellbaren Präsidenten für sein Land zu sein. Diese Haltung sprach auch aus diversen Büchern, die in jüngster Zeit erschienen, deren Autoren Hollande ausführlich für Gespräche zur Verfügung gestanden hatte.

Wirklich wackelig wurde seine Situation erst Mitte Oktober, als zwei Journalisten der Tageszeitung «Le Monde» ihr Buch «Ein Präsident darf so nicht reden» herausbrachten. Wenige, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze genügten, um Hollandes Image zu beschädigen, darunter Injurien gegen Fussballnationalspieler und flotte Sprüche über Parteiangelegenheiten. Viele Abgeordnete des Parti Socialiste sprachen sich öffentlich gegen eine erneute Kandidatur des Präsidenten aus. Selbst die letzten Vertrauten wichen von seiner Seite, und sogar sein Premierminister Manuel Valls fiel ihm in den Rücken. «Ich bereite mich vor», liess sich Valls am vergangenen Sonntag im Interview mit einer Sonntagszeitung zitieren. Als beide Politiker am Montag nach einem gemeinsamen Mittagessen lächelnd vor die Fotografen traten, hätte man eigentlich ahnen müssen, was seit Donnerstag offiziell ist: Der nächste Präsident Frankreichs wird nicht François Hollande heissen.

Erstellt: 01.12.2016, 23:20 Uhr

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