Der Tag, an dem Genuas Stolz zerbröselte

Die Ermittlungen stocken in Sachen Ponte Morandi. Doch es wird nun an der neuen Brücke gebaut.

Ein 240 Meter langes Stück der Brücke löste sich und stürzte in die Tiefe: Überreste des Ponte Morandi am Tag nach dem Einsturz. Foto: Antonio Calanni (AP Photo)

Ein 240 Meter langes Stück der Brücke löste sich und stürzte in die Tiefe: Überreste des Ponte Morandi am Tag nach dem Einsturz. Foto: Antonio Calanni (AP Photo)

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In Genua, Stadtteil Certosa, haben Künstler Fassaden bemalt. Sehr grossflächig, bunt und fröhlich. Die Aktion nennt sich «La gioia», die Freude. Auf einem der Graffiti sieht man ein junges Paar in einem roten Cabriolet mit genuesischem Nummernschild auf dem Weg in die Welt. Die Frau wirft die Europakarte aus dem Wagen. Dazu die Losung: «Frei, uns zu verlieren». Es ist eine Hymne auf die Leichtigkeit. In Certosa, dem Viertel unter der eingestürzten Brücke, dem Ponte Morandi, ist das Leben vor einem Jahr, am 14. August 2018, dem Tag vor Ferragosto, um 11.36 Uhr für viele stehen geblieben. Läden sollten bald schliessen, weil der Durchgangsverkehr versiegte. Viele zogen weg. Die Street-Art ist eine Aufmunterung für die Dagebliebenen, ein Augenzwinkern fürs Weitermachen.

14 Sekunden

Genua begeht den ersten Jahrestag seit der Katastrophe. 43 Menschen hat sie in den Tod gerissen, Gewissheiten zerstört. Es gibt ja Bilder, die brennen sich so stark ins Gedächtnis, dass sie nicht mehr weggehen. In Genua werden sie wohl nie vergessen, wie sich im Sommerregen des Unglückstags ein 240 Meter langes Stück aus der Brücke über das Tal der Polcevera löste und in die Tiefe krachte. Es gibt Videos davon, sie wurden millionenfach abgespielt im Netz.

14 Sekunden dauert die Sequenz nur. Der Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci, verglich den Schock über den Einsturz des Morandi am Tag danach mit dem Entsetzen, das die New Yorker am 11. September 2001 befiel, als ihre Zwillingstürme zu Staub und Schutt zerfielen. Natürlich war der Vergleich unpassend: dort der Terrorismus, da die Nachlässigkeit. Doch die Macht der Bilder spielte in beiden Fällen. Der Stolz von einst, dieses angebliche Meisterwerk italienischer Ingenieurskunst aus Stahlbeton: einfach zerbröselt.

Und Pfeiler 9?

Heute geht man davon aus, dass die Arme, die stramm von den Pfeilern herabhingen und die Brücke trugen, innerlich zerfressen waren. Schon lange wahrscheinlich. Wie die «Financial Times» herausfand, suchen die Ermittler nach Beweisen für eine ungeheuerliche These. Manager und Aufsichtsräte der Betreibergesellschaft Autostrade haben womöglich bereits viele Jahre vor dem Unfall von der unbedingten Baufälligkeit der Struktur gewusst. Pfeiler 11 wurde dann einmal gefestigt. Auch Pfeiler 9 und 10 galten offenbar als hochgradig gefährdet. Doch die Renovierungsarbeiten wurden ständig verschoben. Der letzte Umbautermin für Pfeiler 9 war für Ende August 2018 angesetzt gewesen. Es war Pfeiler 9, der nachgab.

Wieder einmal haben wir es geschafft, eine Beerdigung als Taufe zu inszenieren, ein schändliches Versagen als nationalen Stolz.Schriftsteller Salvatore Merlo

Mittlerweile wird gegen 71 Personen ermittelt, die meisten von ihnen arbeiteten oder arbeiten noch immer bei Autostrade oder im Ministerium für Infrastruktur, das die Betreibergesellschaft überwachen sollte. Und immer kommen neue Hinweise und Expertenberichte hinzu. Doch die Frage, warum die Brücke genau an jenem Tag mit jener Dynamik kollabierte, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft vermutet die Folge mangelhaften Unterhalts; die Verteidigung verweist auf eine tragische Kette unglücklicher Geschehnisse, vor allem meteorologischer: der Starkregen, die Blitze, der Wind.

Die Regierungspartei Cinque Stelle, die auch den Transportminister stellt, forderte dennoch schon kurz nach dem Einsturz, dass man der Familie Benetton, die über ihre Holding Atlantia auch Autostrade führt, die Lizenz für das von ihr verantwortete Autobahnnetz entziehe. Bisher blieb es bei Drohungen.

Vor eineinhalb Monaten wurden nun die Reste der alten Brücke weggesprengt, um Platz für die neue zu machen. Die Sprengoperation war eine grosse Show, alle Spitzenvertreter der römischen Regierung waren dabei. Manche fanden das befremdlich, etwa der Publizist und Schriftsteller Salvatore Merlo. «Wieder einmal haben wir es geschafft, eine Beerdigung als Taufe zu inszenieren, ein schändliches Versagen als nationalen Stolz», schrieb er in der Zeitung «La Repubblica». Schon hatte man vergessen, dass die Morandi-Brücke eigentlich schon lange hätte weggeräumt sein müssen.

Die Schwadroneure

Was war nicht schwadroniert worden nach dem Einsturz. Politiker versprachen einen Neubau in Rekordzeit. Kein Jahr würde vergehen, dann stehe eine neue Brücke. Der Transportminister sagte gar, das Projekt würde so toll werden, dass die Genuesen in Zukunft unter der Brücke spielen, sich vergnügen, essen würden, ein Paradies. Die Populisten sind nun mal wunderbare Märchenerzähler.

Es gab dann Proteste gegen das lange Warten. Proteste auch gegen die Unannehmlichkeiten im Nah- und im grossen Transitverkehr. Und Proteste für die Bewohner der lachsfarbenen Sozialbauten an der Via Fillak und der Via Porro. Die Wohnhäuser, einst erstellt für die Angestellten der Staatsbahnen, standen ein halbes Jahrhundert lang im Schatten von Pfeiler 9.

Bis die Segel wehen

Nun soll die neue Brücke ganz schnell Form annehmen, damit die alten Bilder vielleicht doch bald verblassen. Gezeichnet hat sie Stararchitekt Renzo Piano, einer der berühmtesten Söhne der Stadt, und wenn nichts dazwischenkommt, sollte sie bis zum Frühjahr 2020 fertig sein. Das erste Fundament wurde in den Tagen vor der Sprengung gelegt, symbolisch gut getimt. Aus dem Werk des grossen staatlichen Werftunternehmens Fincantieri in Castellammare di Stabia bei Neapel haben sie schon einzelne Teile geliefert.

Der Viadotto Genova, wie der Viadukt zunächst einmal heisst, weil er für die ganze Stadt steht, wird aus Stahl gefertigt. Auf Simulationen wirkt die neue Brücke fein und leicht. «Einfach, aber nicht banal», sagte Piano, als er sie vorstellte. Tausend Jahre soll sie halten. 1100 Meter lang wird sie sein und auf 19 Pfeilern liegen. An Pfeiler 9 bauen sie schon, an der Basis findet die Gedenkmesse zum Jahrestag der Tragödie statt. Für 11.36 Uhr ist eine Gedenkminute geplant.

In der Nacht wird die neue Brücke dann einmal hell leuchten. Dafür sorgen 43 Kandelaber. Sie haben die Form von Segeln, eines für jedes Todesopfer. In Genua heisst es, die Brücke sehe wie ein Kahn aus und werde mit dem Leuchtturm am Hafen duettieren, dem Wahrzeichen der Stadt. In einer schönen, heilenden Symbiose.

Erstellt: 13.08.2019, 17:59 Uhr

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In Rom streiten sie auch über den Abstimmungstermin im Senat

Die Fraktionschefs im italienischen Senat haben sich am Montag nicht auf einen Termin einigen können, an dem sich Premier Giuseppe Conte einem Misstrauensantrag stellen muss. Lega, Forza Italia und die postfaschistischen Fratelli d’Italia sollen bei den Gesprächen auf eine möglichst baldige Einberufung der kleineren Kammer bestanden haben, noch vor Ferragosto – am 14. August. Alle anderen Parteien schlugen ein späteres Datum vor – den 20. August. Nun soll das Plenum am Dienstagabend entscheiden. Der frühere Termin ist aus zwei Gründen unmöglich: Erstens sind noch viele Senatoren in den Ferien; zweitens werden am 14. August alle hohen Amtsträger der Republik in Genua erwartet für den Gedenktag zum Brückeneinsturz, so auch Premier Conte und seine Vizes Matteo Salvini und Luigi Di Maio von den Cinque Stelle.
Eingebracht hatte den Misstrauensantrag Salvinis rechte Lega. Der Innenminister will nach dem Bruch mit seinen Koalitionspartnern möglichst bald vorzeitige Neuwahlen. Die Lega hätte Aussicht, sie hoch zu gewinnen: Alle Umfragen sehen sie zwischen 35 und 40 Prozent. Übersteht Conte die Abstimmung nicht, wird Staatspräsident Sergio Mattarella die Parteien für Konsultationen einberufen und sich dann entscheiden, ob er die Parlamentskammern auflöst und Neuwahlen anberaumt. (om)

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