Der Tod des Patriarchen

Die Trennung ist vollzogen, der Krieg erklärt: Der Front National will den Parteigründer Jean-Marie Le Pen ausschliessen. Es könnte aus ganz anderen Gründen der Anfang vom Ende des FN sein.

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«Marine Le Pen will mich tot sehen, aber auf meine Mitarbeit darf sie dabei nicht setzen.» So kennt man Jean-Marie Le Pen. Was wird die Parteivorsitzende Marine Le Pen unternehmen, zu welchen Mitteln greifen? Wird die Schlacht sehr unschön, ja blutig werden, oder wird sich die Tochter auf die Statuten der Partei beziehen und ganz legale Wege finden, ihren Vater aus dem Front National (FN) zu verbannen?

Es fühlt sich im Augenblick ein bisschen an wie «Dallas» in Frankreichs erster rechter Familie. Die Anhänger verfolgen ängstlich, die Gegner sichtlich amüsiert die politische Soap-Opera aus dem Hause Le Pen. Wobei das Haus ja eigentlich ein Schloss ist, Montretout genannt. Es befindet sich in Saint-Cloud, im Westen von Paris, recht hübsch auf einem Hügel gelegen, umgeben von einem halben Hektar Park. Jean-Marie Le Pen hat es Ende der 70er-Jahre von einem politischen Verehrer geerbt. Inzwischen hat es einen Schätzwert von über sechs Millionen Euro.

Marine Le Pens späte Abnabelung

Auch Marine Le Pen hat die meiste Zeit ihres Lebens auf diesem Anwesen verbracht, sie, die sich so gern als «Mädchen aus dem Volk» gibt. Zuletzt wohnte sie, alleinerziehend, in einem ausgebauten Pferdestall auf dem Anwesen. Doch dann kam letzten Herbst das Umzugsauto. Offiziell hiess es, Marine verlasse Montretout, um mit ihrem Lebensgefährten Louis Alliot, Vizepräsident des FN, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Die Dependenz sei zu dunkel und mit 380 Quadratmetern auch zu klein geworden. In Wahrheit hatte sich ein furchtbares Drama abgespielt: Einer von Jean-Marie Le Pens Dobermännern hat die Bengalkatze von Marines Tochter erst getötet und dann verspeist. Das war dann endgültig zu viel. Marine, 46, packte die Koffer. Man nennt das wohl eine späte Abnabelung.

Der gefrässige Dobermann war aber nur ein kinoreifer Vorwand für einen Bruch, der sich in Wahrheit schon Monate zuvor abgespielt hatte. Man kann ihn auf Juni vergangenen Jahres datieren. Da hatte Jean-Marie Le Pen gesagt, Künstler wie der Sänger Patrick Bruel, die ständig den FN kritisieren, könne man getrost «in den Ofen schieben». Bei seiner Verteidigung setzte er noch eins drauf, indem er sagte, man sehe Bruel schliesslich nicht an seiner Nase an, dass er Jude sei.

Schläge austeilen, Schläge einfangen

Marine Le Pen hat zu diesem Zeitpunkt ihren Vater erstmals öffentlich kritisiert und von einem «politischen Fehler» gesprochen. Der politische und vermutlich auch familiäre Bruch, der jetzt folgte, ist das Ende eines strategischen Grundkonflikts, der schon seit Jahren schwelt: Le Pen Vater und Le Pen Tochter wollen nicht dasselbe. Sie hatten noch nie dieselben Ambitionen. Ihr erklärtes Ziel ist es, eines Tages Präsidentin von Frankreich zu werden. Der Patriarch hat daran nie geglaubt, auch wenn es ihm 2002 gelang, den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin aus der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen zu kegeln.

Für die Franzosen war das damals ein Schock, für den alten Le Pen ein Überraschungscoup. Eigentlich hatte er sich mit der Rolle des Provokateurs begnügt, dem es immer wieder gelingt, mit steilen Thesen und politisch mehr als unkorrekten Äusserungen das Establishment gegen sich aufzubringen. Er gibt einfach gern den Boxer. Nach dem Motto «Schläge austeilen, Schläge einfangen». Als wäre alles nur ein grosses Spiel.

Sie will alle in ihr Boot bekommen

Marine Le Pen hat nicht nur gezielt die Entdämonisierung ihrer Partei betrieben, sie hat auch politisch eine deutlich neue Ausrichtung gewählt. Ziel war es, nicht nur die rechtsextremen Schichten der Bevölkerung anzusprechen, sondern auch diejenigen, die traditionell links gewählt und gedacht haben. Sie hat damit vor allem im Norden Frankreichs grossen Erfolg, in Regionen also, die Opfer der Deindustrialisierung sind und hohe Arbeitslosigkeit beklagen. Mit anderen Worten: Marine Le Pen will alle in ihr Boot bekommen. Die wohlhabenden Rentner von der Côte d'Azur, die das Identitätsgeraune ihres Vaters begeistert, wie auch die von Kommunisten und Sozialisten Enttäuschten, «das kleine Volk», wie sie es nennt.

Die Wende kam vor zehn Jahren, als Marine Le Pen den Kampf gegen die Globalisierung in den Mittelpunkt der Parteistrategie stellte. Sie traf sich dabei fast mit den Ideen der Globalisierungsgegner, mit einem wesentlichen Unterschied allerdings: Der FN will keine globale Umverteilung, sondern argumentiert immer nur mit dem Schutz der Nation und der Identität. Im Mittelpunkt steht Frankreich, um das ein Schutzwall errichtet wird. Man schafft den Euro ab und bleibt unter sich. Das klingt irrational und hält keiner nüchternen Betrachtung stand. Aber die Vorstellung, Frankreich könne zum Franc zurückkehren, mag manche Globalisierungsopfer gedanklich eine Zeit lang gewärmt haben.

Jean-Marie Le Pen war diese wirtschaftspolitische Wende ein Dorn im Auge. Aber statt auf den Vater zu hören, hat sich Marine Le Pen gezielt mit Ökonomen umgeben, deren Aufgabe es ist, die politischen Überzeugungen mit Zahlen zu untermauern. «Wir geben die wissenschaftliche Bürgschaft», sagt Bernard Monot, einer der wirtschaftlichen Spin-Doctors des FN.

Die erste deutliche Niederlage seit Jahren

Die Trennung vom unkontrollierbaren Gründungsvater war deshalb nur eine Frage der Zeit. Umfragen zeigten schon vor dem grossen Eklat, dass nicht nur die Mehrzahl der Franzosen, sondern dass selbst 86 Prozent der Mitglieder Jean-Marie als Handicap für den FN wahrnahmen. Die Partei wird Marine Le Pen also nicht um die Ohren fliegen. Ihr grösstes Problem wird sein, den Vatermord so zu kommunizieren, dass es der Partei, die konservative Werte wie Familie immer noch hochhält, langfristig keinen Imageschaden zufügt.

Es könnte indes sein, dass der Aufstieg des FN zu einer dritten etablierten, regierungsfähigen Partei aus ganz anderen Gründen beendet ist. Der Ausgang der Départementswahlen vor bald drei Wochen wurde von Marine Le Pen zwar neuerlich als Erfolg verkauft; tatsächlich markierte er aber die erste deutliche Niederlage der rechten Bewegung seit Jahren. Das Wahlziel, stärkste Partei in den Kommunen zu werden, wurde dramatisch verfehlt.

Im Dilemma

Eine Ursache dafür liegt zweifellos im lächerlichen Nachspiel, das der FN nach den Terroranschlägen von Paris bot. Offenkundig unsicher darüber, wie aus der islamistischen Terrortat politisches Kapital zu schlagen wäre, verpasste die Partei den nationalen Moment, den für einige Tage alle Franzosen teilten. Statt sich irgendwie einzureihen in die kollektive Trauer, scherte Marine Le Pen aus und verstieg sich gar dazu, parallel zur Millionenkundgebung in Paris eine Sonderveranstaltung in der Provinz zu veranstalten – ein politischer Fehler.

Die Partei, die sich stets als die eine verbliebene Gegenstimme gegen die verfilzte Pariser Machtclique inszeniert hat, ist selbst zur etablierten Kraft geworden – was in ihrem Fall kein Fortschritt, sondern eine Gefahr ist. Es ist das Dilemma aller rechtspopulistischen Parteien in Europa, die so gerne die Macht übernähmen: Rücken sie beim Werben um neue Wählerschichten zu weit in die politische Mitte, verlieren sie ihre angestammte Basis am äussersten rechten Rand. Tun sie es aber nicht, bleiben sie die unsympathische Minderheit in der schmuddeligen Ecke.

Von der «blauen Welle», auf der sich Marine Le Pen so gern surfen sieht, ist jedenfalls nichts zu spüren. Die Partei kann, bei voller Mobilisierung, offenkundig nicht viel mehr als 25 Prozent gewinnen. Das ist viel, aber nicht genug für den Sprung in den Elysée-Palast, der für den FN nach allem menschlichen Ermessen ein Traum bleiben wird.

Erstellt: 09.04.2015, 18:53 Uhr

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