Der Tod ihres Vaters hat sie enthemmt

Leïla Slimani ist der Popstar der französischen Literatur und Beraterin Macrons. Zuhause in Marokko gilt sie als Verräterin. Wie geht sie damit um?

Mit offenem Blick und offenem Herzen: Leïla Slimani, 37. Foto: Getty Images

Mit offenem Blick und offenem Herzen: Leïla Slimani, 37. Foto: Getty Images

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Ende November, im Omotesando-Viertel von Tokio. Leïla Slimani sitzt im bestickten schwarzen Samtkleid in einem Privatraum eines traditionellen japanischen Restaurants und spielt reines Entzücken nach: Sie reisst ihre dunkelbraunen Augen weit auf, spitzt die roten Lippen, wedelt mit den Händen aufgeregt in der Luft herum und kreischt: «Ich liiiebe Ihre Bücher!»

Etwa so habe die Stewardess ihr vorhin ihre helle Begeisterung bekundet, sagt sie und nippt am Sake. Und dann habe die Dame auch noch eine Kollegin dazugeholt und auf sie gezeigt: «Das ist Leïla Slimani!!!»

Diese Aufmerksamkeit, wie sie normalerweise eher Schauspielerinnen, Sängerinnen oder TV-Moderatorinnen als Schriftstellerinnen zuteil wird, scheint die franko-marokkanische Schriftstellerin weder besonders zu verwundern noch sonderlich stolz zu machen. Sie wirkt schlicht amüsiert. So wie Slimani, die wesentlich sonniger ist, als es ihre von Leid und Tod und Schmerz erzählenden Bücher vermuten lassen, überhaupt sehr vieles zu amüsieren scheint: Erst vor ein paar Stunden ist sie in Japans Hauptstadt angekommen, doch von Müdigkeit oder Stress bemerkt man bei ihr, wie so oft, nichts. Sie sitzt da und strahlt und redet und trinkt und lacht.

Das erste Mal begegnete ich Leïla Slimani im Februar vor knapp vier Jahren in Berlin. Damals war sie dreiunddreissig, hatte gerade ihren ersten Roman veröffentlicht – den in Frankreich viel beachteten und im Mai endlich auf Deutsch erscheinenden «Dans le jardin de l’ogre» («All das zu verlieren»), die Geschichte einer Nymphomanin – und sagte, während sie in den verrauchten Raum der Traditionsbeiz «Diener Tattersall» schaute, so schöne Dinge wie: «Das Tolle am Schriftstellersein ist doch, dass man sich einfach nur irgendwo hinsetzen und Leute beobachten muss. Jede Geste erzählt eine Geschichte.» Nach ein paar kleinen Bieren beichtete sie auch, dass es sie manchmal ängstige, die Mutter des kleinen Émile zu sein, nur liess sie sich davon nicht lähmen.

Knapp eineinhalb Jahre später, da war sie gerade mit ihrem zweiten Kind, ihrer Tochter Selma, schwanger, gewann sie für ihren zweiten Roman – «Dann schlaf auch du», in dem sie all die Ängste des Mutterseins subtil verarbeitete – den berühmten Prix Goncourt als zwölfte Frau in der mittlerweile 115-jährigen Geschichte dieses wichtigsten französischen Literaturpreises. Und wurde damit quasi über Nacht ein Star.

Es ist kein Wunder, dass sich seit Slimanis Durchbruch nicht nur die Literaturwelt um sie reisst.

Ihre Geschichte des Kindermädchens Louise, das eines Tages die zwei Kinder, die es hüten soll, umbringt, verkaufte sich in Frankreich knapp 800'000 mal und wurde in circa vierzig Sprachen übersetzt. Zuletzt kam die amerikanische Version unter dem Titel «Lullaby» heraus und sicherte sich einen Platz auf der Bestsellerliste der «Washington Post», was wenigen nicht amerikanischen Werken gelingt. «Eine Seltenheit», bestätigte Penguin-Verleger John Siciliano in einem Interview: Seit Stieg Larsson und seiner Millennium-Trilogie habe man so etwas nicht mehr gesehen.

Kein Wunder daher, dass sich seit Slimanis Durchbruch nicht nur die Literaturwelt um sie reisst: Präsident Emmanuel Macron machte sie im Jahr nach dem Preis zu seiner persönlichen Beauftragten für die Frankophonie; Ex-First-Lady Michelle Obama wünsche sie sich, munkelt man, als Moderatorin für die Pariser Präsentation ihres eigenen Buchs, «Becoming»; sie ist im Gespräch mit Regisseuren wie Michael Haneke und mit Produktionsfirmen wie Netflix. Und Modehäuser wie Chanel und Dior kleiden sie für Events ein, denn Slimani ist überall – in Cannes, beim amerikanischen Filmfestival von Deauville, bei den Césars oder bei Literaturpreisverleihungen.

Wenn man mit ihr telefoniert, befindet sie sich meist in einem Taxi, im Hausflur nach draussen, auf dem Weg zum Flughafen oder zur Schule ihres Sohnes. Wenn man mit ihr SMS tauscht, ist sie in Dänemark, Armenien, Südamerika, in den USA, in Finnland. Oder in Tokio, wie jetzt. Und wenn sie nun so vor einem sitzt und in ihrem rasanten Rhythmus aus ihrem rasanten Leben erzählt, dann reist man mit ihr gedanklich einmal rund um die Welt.

Gerade zum Beispiel kurz nach Jerewan, wohin sie Macron einige Wochen zuvor als Frankophonie-Beauftragte begleitet hatte: Sie erzählt von einer präsidialen Tanzeinlage – Emmanuel und Brigitte und Justin Trudeau hätten wild das Tanzbein geschwungen –, ein lustiger Abend. Viel mehr darf sie von solchen Treffen aber nicht erzählen: Diplomatie verpflichtet. Nur so viel: Sie hält das, was sie da seit gut einem Jahr im Auftrag des Präsidenten tut, das heisst, das Image der französischen Sprache zu entstauben, quasi «sexy» zu machen, für sehr sinnvoll. Sie hat das Gefühl, damit etwas zu verändern. Und das ist ihr wichtig.

Die Sprache ist eine Macht

Eigentlich hatte Macron ihr kurz nach seinem Amtsantritt 2017 den Posten der Kulturministerin angeboten, doch Leïla Slimani sagte dankend ab. Warum? «Weil ich Schriftstellerin bin. Mir ist meine Freiheit heilig. Ausserdem wäre ich dafür wirklich nicht besonders qualifiziert gewesen.» Für die Frankophonie hingegen ist sie, die als Tochter eines Bankiers und einer HNO-Ärztin im marokkanischen Rabat aufwuchs, auf eine französische Schule ging und zu Hause nur Französisch sprach, bevor sie mit siebzehn zum Studieren nach Paris ging, sehr qualifiziert.

«In Marokko, überhaupt im Maghreb, geht die Beziehung zur französischen Sprache verloren. Sie wird politisch ausgelegt: Französisch ist heute für viele die Sprache der Elite, der Unterdrückung und der Kolonisierung», sagt Slimani. «Ich halte diese Ideologisierung für sehr gefährlich, zumal uns das Französische auch viel Gutes und Schönes gebracht hat. Deshalb möchte ich das wieder umdrehen, die anderen Aspekte herauskehren: Sprache ist auch Kultur, Freiheit, Traum, Liebe.»

Und, wie Slimani vor ein paar Monaten in der Rubrik «Lunch with» in der «Financial Times» erklärte: Sprache ist auch eine Waffe. «Sich ausdrücken zu können, ist eine Macht», sagte sie dem Journalisten Simon Kuper, der von ihrer Eleganz ganz betört schien. In ihrem Fall ist das sogar doppelt wahr. Denn mächtig ist sie.

Wenn sie etwas falsch oder ungerecht findet, dann sagt sie es – egal, wer ihr Gegenüber ist.

Wie auch die jüngste Dezember-Ausgabe der französischen «Vanity Fair» feststellte: Unter den «fünfzig einflussreichsten Franzosen weltweit», darunter Unternehmer, Forscher, Politiker, Anwälte, belegt Leïla Slimani den zweiten Platz – nach ihrem Fast-Namensvetter Hedi Slimane, dem neuen Chefdesigner von Céline, und vor dem Fussballer Kylian Mbappé. Emmanuel Macron, der schon vor der für ihn desaströsen «Gelbwesten»-Krise ein ungeheures Popularitätstief verbucht hatte, rangiert in dieser Liste nur auf Platz fünf. Apropos, was denkt Slimani, die an der Pariser Eliteschule Sciences Po Politik studiert hat, über die Gelbwesten?

«Na ja», sagt sie, «mir scheint, bei den Gelbwesten finden sehr viele sehr unterschiedliche Anliegen zusammen. Manche davon sind legitim und absolut nachvollziehbar, andere zeigen rassistische Tendenzen, die ich verurteile.» Damals begannen die Proteste erst. Inzwischen hält Slimani, als wir uns Ende Dezember noch einmal treffen und über die Bewegung sprechen, einige Forderungen schlicht für unrealistisch. Etwa die «Macron démission» – «wen wollen sie denn stattdessen?», fragt sie.

Nähe zur Macht: Leïla Slimani mit First Lady Brigitte Macron und dem französischen Bildungsminister Jean Michel Blanquer. Foto: Getty Images

Nun könnte man meinen, hier spricht jemand, der seinem Vorgesetzten, in diesem Fall dem französischen Präsidenten, treu ergeben ist. Doch würde man Leïla Slimani mit dieser Einschätzung vollkommen verkennen: Wenn ihr etwas nicht passt, wenn sie etwas falsch oder ungerecht findet, dann sagt sie es – egal, wie staatstragend, berühmt oder gefährlich ihr Gegenüber ist. Oder, um es mit den Worten eines Freundes, des Schriftstellers Olivier Guez, zu sagen: «Leïla ist wahrscheinlich die freieste Person, die ich kenne. In diesem Milieu, dem von Paris, dem der Literatur, wo sich jeder zu schützen und zu positionieren versucht, ist das sehr selten. Sie sagt immer genau, was sie denkt. Selbst wenn es unbequem ist.»

So kritisierte sie den französischen Präsidenten zum Beispiel Anfang November öffentlich, als sie in «Le Monde» schrieb: «Emmanuel Macron hätte die Migranten mit mehr Nachdruck verteidigen können.» Es ging um einen Zwischenfall während der Gedenkfeier in Verdun: Ein Kriegsveteran fragte den Präsidenten, wann er die illegalen Einwanderer endlich aus dem Land schmeissen werde.

Macron hätte antworten müssen, man könne Menschen nicht mit einem Begriff abstempeln, hätte erklären müssen, dass die Frage der Immigration komplexer ist, befand Slimani. Und wies darauf hin, dass rassistische, xenophobe, islamfeindliche Äusserungen in Frankreich zunehmen und es Aufgabe des Präsidenten sei, entschlossen dagegenzuhalten. Diese Forderung vertritt sie, obwohl sie selbst, wie sie bei verschiedenen Gelegenheiten betonte, rassistische Anfeindungen nie erlebt hat: «Ich bin allerdings eine Privilegierte.»

«In Marokko bin ich für manche ein ‹Bounty›: aussen braun, innen weiss. Das ist mir egal.»Leïla Slimani

Solche Kritik ändere jedoch nichts an ihrem Respekt für den Präsidenten, sagt sie an dem Abend in Tokio, er wiederum nehme es ihr nicht übel. Er sei sich bei ihrer Ernennung im Klaren darüber gewesen, dass sie sich den Mund nicht verbieten lässt. Von niemandem. Schliesslich habe sie sich noch nie einen Maulkorb anlegen lassen. Als sie etwa vier Jahre alt war, so geht die Familienlegende, soll sie einmal verkündet haben: «Das ist mein Mund, ich sage damit, was ich will.» Und so hält sie das bis heute.

Zum Beispiel, wenn sie sich nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 nicht scheut, einen Artikel mit dem Titel «Integristen, ich hasse euch!» zu schreiben. Oder wenn sie ein Buch, «Sex und Lügen», über die sexuelle Misere der Frauen in Marokko verfasst und sich damit für manche zu einer Verräterin macht: «In Marokko bin ich für manche ein ‹Bounty›: aussen braun, innen weiss. Sie meinen, ich verrate mein Land, um den Leuten in Frankreich zu gefallen. Sollen sie das ruhig denken, das ist mir vollkommen egal.»

Das Recht, nicht belästigt zu werden

Die Idee für diesen Essay, in dem sie Frauen, junge und alte, heterosexuelle und lesbische, zu Wort kommen lässt, um über ihr Verhältnis zu Sexualität und Liebe zu sprechen, kam ihr, als sie mit ihrem ersten Roman durch Marokko tourte: «Damals kamen die Frauen zu mir und erzählten mir spontan ihre Geschichten. Es war erschütternd. Natürlich wusste ich aus eigener Erfahrung, dass eine freie Sexualität in Marokko nicht möglich ist, das Ausmass des Leids, der Angst, der Scham und vor allem all dieser Lügen war mir aber damals nicht klar. Deshalb wollte ich diesen Frauen eine Stimme geben.»

Das Tolle an Leïla sei, sagt der algerische Schriftsteller Kamel Daoud, der mit ihr befreundet ist, am Telefon, dass sie sich nicht einsperren lasse: «Sie hat es geschafft, eine Form von Universalität zu erlangen. Sie lässt sich nicht mit einfachen Kategorien, etwa ‹maghrebinische Schriftstellerin› fassen. Kolonialismus, Postkolonialismus, all das spielt bei ihr im Grunde gar keine Rolle, sie ist davon vollkommen frei. Für Autoren aus dem Süden wie uns ist das extrem schwierig. Sie aber hat es geschafft, dafür bewundere ich sie sehr.»

Slimani interessiert sich für die dunklen Triebe der Menschen, ausserhalb der Normen und Regeln.

Tatsächlich ist es unmöglich, Leïla Slimani in eine Schublade zu stecken. Ihre Aufmerksamkeit, ihr Interesse gilt dem Heute, das ebenso die illegalen Einwanderer wie die Frauen aus Marokko wie die Frauen um sie herum in Paris umfasst. So war sie auch die Erste, die Anfang des vergangenen Jahres auf den viel diskutierten offenen Brief von Catherine Deneuve, Catherine Millet und 98 anderen Frauen antwortete, als diese als Reaktion auf die #MeToo-Debatte für das «Recht, belästigt zu werden» plädierten: «Ich bestehe auf mein Recht, nicht belästigt zu werden», schrieb Slimani im Januar 2018 in der Tageszeitung «Libération».

«Ich bin keine kleine, fragile Sache. Ich bitte nicht darum, beschützt zu werden, sondern poche auf mein Recht auf Sicherheit und Respekt.» Und weiter: «Mein Sohn wird, so hoffe ich, ein freier Mann werden. Nicht frei, aufdringlich zu sein, sondern frei, sich als etwas anderes als ein von unkontrollierbaren Trieben beherrschtes Raubtier zu definieren.» Man spreche sie bis heute darauf an, sagt sie, diesmal etwas erstaunt. Selbst als sie im Sommer in den USA durch die Universitäten tourte, seien immer wieder Frauen auf sie zugekommen, um über diesen Kommentar zu reden. «Komisch, oder?»

Eigentlich nicht. Schliesslich hat sich Leïla Slimani in letzter Zeit, auch durch Kommentare wie diesen, zu mehr als einer Schriftstellerin, auch zu mehr als einem Literatur-Popstar entwickelt. «Vanity Fair» erklärte sie zu einem neuen Typus der engagierten Frau. Und auch wenn der Gedanke, sie sei eine neue Marianne, das Zeichen für ein befriedetes Frankreich, in Anbetracht der Nachrichtenlage mehr nach Wunschdenken als nach Realität klingt, stimmt doch zumindest so viel: Sie füllt als Figur und durch das, was sie schreibt, eine in den letzten drei Jahren aufgebrochene Lücke.

Sie fasst mit ihren Romanen und Essays Dinge in Worte, die wir bis dahin höchstens diffus spürten.

Eine, die von bisherigen französischen Literaturstars wie Michel Houellebecq, der im amerikanischen Magazin «Harper’s» erst neulich wieder genüsslich seinen Nihilismus ausbreitete, nicht gefüllt werden kann. Weil sie von Immigration, von Anderssein, vom Frausein, vom Muttersein, von Kosmopolitismus handelt. Alles Themen, die Slimani auf ganz natürliche Weise anspricht. Denn zumindest das hat sie, vom Talent einmal abgesehen, mit einem Schriftsteller wie Houellebecq gemein: Sie fasst mit ihren Romanen und Essays Dinge in Worte, die wir bis dahin höchstens diffus spürten, benennt Probleme der Gegenwart, noch bevor sie allen klar erscheinen. So erklärte die Jury im November 2016, als man ihr den Prix Goncourt überreichte, der Preis zeichne normalerweise Bücher über die Vergangenheit aus, diesmal aber ziele er auf die absolute Gegenwart.

Denn selbstverständlich geht es in «Dann schlaf auch du» – dem Roman, dem ein realer Fall in Uptown New York zugrunde liegt – nicht einfach um eine Nanny, die zwei Kinder ermordet, auch wenn einige Länder, darunter Japan und die USA, ihn der Einfachheit halber als Thriller vermarkten. Nach dem Knalleffekt des ersten Satzes «Das Baby ist tot», den Slimani bewusst setzte, geht es um soziale Ungerechtigkeit, um Fehler, die privilegierte Menschen wie das Elternpaar im Kontakt mit Angestellten machen, und vor allem, wie immer bei dieser Autorin, die sich explizit als Feministin versteht, um die Situation der Frau.

«Ich wollte dafür bezahlt werden zu denken. Heute darf ich genau das machen»: Leïla Slimani. Foto: AFP

«Mich hat die Ökonomie der weiblichen Arbeit interessiert: Damit eine Frau arbeiten kann, muss eine andere, eine schlechter bezahlte, meist immigrierte, auf ihre Kinder aufpassen, sonst funktioniert das System nicht mehr.» Die Last, die auf den Müttern liegt, auch sie wird in diesem Roman immer wieder zwischen den Zeilen angesprochen: Wäre die Mutter nicht so egoistisch gewesen und arbeiten gegangen, wäre das alles nicht passiert, sagen die Nachbarn, wogegen es keinen stört, dass der Vater arbeiten geht. Es ist ein Druck, den Slimani selbst kennt, auch wenn sie das Glück hat, einen Mann zu haben, der nach der Geburt ihrer Tochter Selma den Job kündigte, um sich um sie zu kümmern, während Leïla durch die Welt tourt.

Trotzdem: «Sobald man Mutter wird, fühlt man sich permanent schuldig. Wenn man zu viel arbeitet, ist man eine schlechte Mutter, wenn man zu wenig arbeitet, eine schlechte Angestellte. Man kann es nicht richtig machen, es ist furchtbar. Plötzlich sagen dir alle, was du zu tun hast. Selbst meine Mutter, die mich dazu erzogen hat, frei und unabhängig zu sein, machte mir auf einmal Stress.»

Slimanis Trauma

Über ihre Eltern, besonders über ihren Vater Othman Slimani, spricht sie erst seit kurzem. Seine Geschichte ist ihr Trauma, das alles bestimmt: Als sie dreizehn Jahre alt war, wurde er, der ehemalige Wirtschaftsminister und Präsident der CIH Bank, in einen Finanzskandal verwickelt und wartete jahrelang auf ein Urteil. Er habe nie darüber gesprochen, sagt sie, nur still und mit viel Würde darauf gewartet, dass die Sache geklärt und er freigesprochen würde. Doch dann warf man ihn 2001 ins Gefängnis. Drei Jahre später, als Slimani schon in Paris studierte, starb er an Lungenkrebs – sie glaubt, an Trauer: «Marokko hat noch sechs Jahre nach seinem Tod gewartet, bis 2010, um ihn endlich von den Anschuldigungen freizusprechen und sich öffentlich zu entschuldigen.»

Der Tod ihres Vaters, so denkt Jean-Marie Laclavetine, ihr Mentor und Lektor beim Verlag Gallimard, sei ein Grundmotor ihres Schreibens: Der Schock über das plötzliche Ende der Kindheit, das Gefühl der Ungerechtigkeit und der Machtlosigkeit sei für diese Schwärze, die Dunkelheit, die in all ihren Büchern hinter der Einfachheit ihres Tons liege, verantwortlich. Slimani selbst sagte im März 2018 in «Le Monde», der frühe Tod ihres Vaters habe sie vollkommen enthemmt: Nie hätte sie geschrieben, was sie geschrieben hat, würde er noch leben.

Der erste Roman war sehr schlecht, wie Slimani selber sagt. Dann absolvierte sie einen Schreibkurs.

Ihr erster veröffentlichter Roman etwa – «Dans le jardin de l’ogre», in dem sie vom Leben und Leiden der Nymphomanin Adèle erzählt – würde sonst wahrscheinlich nicht existieren. Slimani sagt, was sie interessiere, seien die dunklen Triebe der Menschen, ausserhalb der gesellschaftlichen Normen und Regeln. Anfangs habe sie nicht gewusst, unter welcher Sucht ihre Protagonistin leiden soll, sie habe es mit Alkohol, Drogen, Spiel versucht, aber so wirklich klappen wollte es nicht, immer habe daran etwas falsch geklungen: «Dann sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über Dominique Strauss-Kahn, und da wusste ich, das muss es sein: dass die Heldin eine Sexsucht haben muss.»

Es sei sehr schwer, über Sex zu schreiben, sagt sie, man müsse sehr ehrlich und sehr genau sein, damit es nicht lächerlich wird und zu einem Klischee verkommt. Geholfen hat ihr dabei ihr Lektor Laclavetine. Denn im Gegensatz zu vielen anderen französischen Autoren, die – anders als Amerikaner – niemals einen Schreibkurs besuchen würden und gerne tun, als sei das Schreiben gottgegeben, gibt Slimani gern zu, dass sie Starthilfe brauchte. «Ich habe immer gesagt: Irgendwann schreibe ich einen Roman, irgendwann schreibe ich einen Roman. Mit dreissig habe ich mich dann hingesetzt und einen geschrieben, nur war der leider sehr schlecht.» Nachdem dieser erste Versuch von allen Verlagen abgelehnt wurde, schenkten ihr Mann und ihre Mutter ihr einen Schreibkurs bei Gallimard. Dort entdeckte Laclavetine Slimanis Talent und ermutigte sie dazu, den Text zu schreiben, der «Dans le jardin de l’ogre» werden sollte.

Zwei Jahre später warf man sie mit diesem Buch in die sogenannte «Rentrée littéraire», den Löwenkäfig der französischen Literatur, in dem jährlich Hunderte Debütanten zerfleischt werden. Doch das Buch hatte Erfolg, man bemerkte sie, darauf folgte «Chanson douce». Und der Rest ist Geschichte.

Heute fliegt Slimani mit drei kleinen Notizbüchern durch die Welt: eines für den nächsten Roman, eines für ihre Filmprojekte, eines für Essays und Gedanken. Ob sie, die 37-jährige Frau, die zweifache Mutter, die Macron-Beraterin, der Popstar der französischen Literatur, heute das Leben lebt, von dem sie als Kind träumte, das möchte ich noch wissen, bevor ich sie in die neonblinkende Nacht von Tokio entlasse. «Als ich ein kleines Mädchen war, fragte mich mein Vater einmal, was ich werden möchte, wenn ich gross bin. Ich sagte: Ich will dafür bezahlt werden zu denken. Heute darf ich genau das machen. Also natürlich, ganz eindeutig: Ja!»

(Das Magazin)

Erstellt: 14.01.2019, 16:05 Uhr

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