Der Unterschätzte

Nett, kantenlos, uncharismatisch: Kann so einer französischer Präsident werden? François Hollande glaubt an seine Bestimmung – seit jungen Jahren. Ein Porträt.

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Da kommt einer von weit her. Einer, mit dem niemand gerechnet hat. Nur er selber. Schon immer. François Hollande wurde belächelt und verhöhnt: als «Flanby», ein Mann wie ein Caramelflan, als «Scherzkeks», als «Kapitän eines Pedalo» und ewige Nummer 2.

Weich sei er, hiess es in seiner Partei, dem Parti Socialiste. Man fand auch, die körperlichen Rundungen des Bonvivants passten ideal zu seinem Wesen: konfliktunfähig, chronisch konziliant, irgendwie nicht Mann genug für den Macho-Betrieb der französischen Politik. Und Hollande bestärkte seine Kritiker in ihrem Urteil, er schlug nur selten zurück. Nun sagt er: «Alle, die mir wehtaten, taten mir auch gut. Sie haben mich härter gemacht. Unverletzlich.» Und jetzt hören plötzlich alle genau hin, wenn er redet. Sogar im Ausland, in Europa, wo vier konservative Regierungschefs gegen ihn paktieren sollen. Alle nehmen ihn ernst, viele zum ersten Mal. Vor allem die Spötter von früher.

Gewissheit mit 15

Es ist gut möglich, dass der Mann, den sie Pudding riefen, bald Präsident der Republik sein wird und Posten zu vergeben haben wird. Viele Posten. 47 Tage sind es noch bis zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl – am 6. Mai ist dann Stichwahl. Und François Hollande, 57 Jahre alt, ist Favorit. Seine Popularitätswerte sind seit Monaten konstant hoch. Er gilt als solid und integer. Es gibt keine Dossiers, die ihn belasten, keine Gerüchte. Hollande scheint unangreifbar. Würde er gewinnen, wäre er nach François Mitterrand, seinem Vorbild in jungen Jahren, der zweite linke Staatschef der Fünften Republik, wie das seit 1958 geltende präsidialparlamentarische System genannt wird. Es wäre also ein historischer Sieg, und der Höhepunkt einer erstaunlichen Geschichte.

Er war 15 Jahre alt, als er seinen Mitgymnasiasten, ohne zu scherzen, erklärte: «Ich werde einmal Präsident der Republik.» Anderswo mag ein solches Bekenntnis bizarr und vermessen klingen. In Frankreich nicht. Hier gehört es für einen Politiker zum guten Ton, zu seiner Ambition aufs erhabenste Amt im Staat zu stehen. In der Wahrnehmung der Franzosen schwingt in der Ambition vor allem die Bereitschaft mit, sich in den Dienst dieser «Grande Nation» zu stellen. Und Hollande, so ist in der Biografie «François Hollande, itinéraire secret» von Serge Raffy zu lesen, war schon als Jugendlicher von diesem Gedanken beseelt, arbeitete als Klassensprecher an der Rhetorik, charmierte mit seinem Witz.

Ein rechtsextremer Vater

Er wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus in Rouen auf, in der Normandie. Sein Vater war Ohrenarzt, ein strenger Mann mit rechtsextremem Gedankengut, Nachfahre von protestantischen Holländern, die im 16. Jahrhundert nach Frankreich ausgewandert waren. Zu Hause war man froh, wenn er nicht da war. 1968, mitten in der Mai-Revolte, gab Georges Hollande seine Klinik auf, weil er dachte, die Kommunisten würden die Macht übernehmen und ihm alles nehmen. Eine Wahnvorstellung. Die Familie zog nach Paris um, das erschien ihm sicherer. François stand seiner Mutter Nicole sehr nah, einer liebevollen Krankenpflegerin mit einem Faible für Mitterrand.

Seine Studienlaufbahn richtete er ganz auf die Bestimmung aus: Sciences Po, École Nationale d’Administration (ENA), École des Hautes Études Commerciales (HEC) – er hat sie alle absolviert, die Eliteschulen der Nation. Den Aufstieg von Mitterrand verfolgte er mit der Passion eines Jüngers, wie er das später auch bei seinen beiden anderen ideologischen Vätern tat: Jacques Delors und Lionel Jospin. Er war immer Anhänger, nie Präger einer Linie. Theoretische Diskussionen in verrauchten Lokalen langweilten ihn. Er selbst beschreibt sich als Pragmatiker: «Ich war nie Kommunist, nie ein Revoluzzer», sagt Hollande. «Ich suchte nach einem realisierbaren Sozialismus.» Wenn man ihm eine Etikette geben müsste, dann könnte man ihn einen liberalen Sozialisten nennen, den deutschen Sozialdemokraten nahe.

An der École Nationale d’Administration lernte er einige jener Leute kennen, die bis heute den Kern seines Freundeskreises bilden. Und seine erste Frau: Ségolène Royal. Zu Beginn nannte er sie «Miss Eiswürfel». Vier Kinder sollten sie miteinander haben, heiraten aber wollten sie nie. Das war ihnen zu bürgerlich. Die beiden waren ein modernes Paar, interpretierten ihre Rollen progressiv. Er war ein kumpelhafter Vater, der Gegenentwurf seines eigenen Vaters. Den gestrengeren Erzieherpart übernahm Ségolène. Ein Foto, das kürzlich durch die Presse ging, zeigt François Hollande mit seinem Ältesten: Thomas (27) Informatiker mit wildem Wuschelhaar. In der festen Umarmung der beiden Männer ist alles drin: alle Liebe. Hollande ist kein autoritärer Mensch. Er mag es harmonisch. Das junge Paar war Mitterrand in der Kampagne gegen Valéry Giscard d’Estaing zu Diensten. Er honorierte es, indem er die beiden nach dem Wahlsieg mit ins Elysée nahm – als Juniorberater. Mit 27 hatte Hollande also schon einmal ein Büro im Palais. Ein Präludium?

Im Schatten der «Elefanten»

Später wäre er gerne Minister geworden. Als geschulter Ökonom und leidenschaftlicher Sezierer von Budgettabellen wäre er gern ins Wirtschaftsministerium eingezogen. Oder im Budgetministerium. Doch er sollte nie Minister werden. Royal schon. In jener Zeit nannte man Hollande auch «Monsieur Royal». Er hielt sich zurück, überliess ihr das Rampenlicht. 1997 übernahm er die Spitze der Partei. Elf Jahre lang war er deren Erster Sekretär. Er kannte bald jede Sektion und jedes lokale Wahlresultat der letzten Jahrzehnte.

In den Verbänden mochte man ihn, weil er allen zuhörte, weil er nicht so pariserisch, so überheblich daherkam wie die anderen. Auch die Presse liebte ihn, weil er nicht hölzern war und ständig Sprüche riss, druckreife. Und die alteingesessenen Barone des Parti Socialiste, wegen ihrer grossen Egos auch «Elefanten» genannt, waren ganz froh über diesen Verwalter und Vermittler, weil sie ihn für ungefährlich hielten: Laurent Fabius, Dominique Strauss-Kahn, Martine Aubry – sie dachten alle, dass es Hollande nie nach ganz oben schaffen würde. Zu uncharismatisch und zu nett dünkte er sie, schlicht zu wenig Chef.

Sie unterschätzten ihn, wie ihn immer alle unterschätzten. Nach jeder Schmach richtete er sich auf. Und feierte spektakuläre Wahlsiege. Er setzte sich sogar in der Wahlheimat des Gaullisten Jacques Chirac durch, in der ländlichen Corrèze im Zentrum des Landes – als Mann aus der Pariser Elite. Anfangs verhöhnte auch Chirac ihn: Er nannte ihn «Mitterrands Labrador». Hollande war damals nur Anhängsel.

Vor den Präsidentschaftswahlen 2007, die schon seine hätten sein können, überraschte ihn dann seine eigene Frau. «Ségo», wie die Franzosen sie zu nennen begannen, überholte ihn. Sie hatte die besten Popularitätswerte aller Sozialisten. Und frischte ihren Look auf, erblühte regelrecht, war frech und offen, behauptete sich intern gegen die «Elefanten», die auch sie belächelten. Im Hintergrund lief die private Trennung des Paars. Hollande hatte sich in eine Journalistin der Illustrierten «Paris Match» verliebt, behielt das aber für sich. Um «Ségo» nicht zu schaden. Sie verlor trotzdem.

Bald darauf gab er die Parteiführung ab. Und es schien, als sei die Karriere des François Hollande zu Ende. Ein flacher Abgang, einer ohne Wellen. Etwa so, wie ihn alle erwartet hatten – alle, die ihn unterschätzten.

Er wirkt äusserlich wie ausgewechselt

Operation Elysée 2012 begann vor etwas mehr als einem Jahr, aus dem Nichts, mit einer Metamorphose. Hollande sagt heute, er sei sich bewusst geworden, dass sein Look nicht zu seiner Ambition passte. Er begann eine Diät, verlor 15 Kilogramm, wechselte seine Brille, tönte die Haare, liess sich Anzüge massschneidern. Er gab sich Kanten, äusserlich. In den Umfragen lag er zunächst weit zurück, weit hinter den «Elefanten». Er liess sich dadurch nicht beirren.

Der Rest ist Gegenwartsgeschichte – mit barocken Episoden. Als Strauss-Kahn in einer New Yorker Hotelsuite über sich selber stolperte, war Hollande über Nacht der neue Favorit. Er gewann die Primärwahlen der Partei klar und rollte das Programm seines Lebenstraums aus. Von aussen wirkte er wie ausgewechselt, wie neu. Er hat nun diese bestimmte Schwere in seiner Stimme. Er macht weniger Witze als früher. Vor allem aber spult er seinen Wahlkampf ab, als habe er ihn schon seit vielen Jahren genau im Kopf – wie ein Skript: mit Paukenschlägen, Redepausen und auch mit Demagogie. Den Superreichen droht er mit superhohen Steuersätzen, während er den Armen mehr soziale Gerechtigkeit verspricht. Den Jungen will er ein Förderer sein und die Senioren an einem Generationenvertrag beteiligen.

Es klingt alles sehr schön und richtig, wie immer im Wahlkampf. Manchmal ist es gar, als habe er Charisma. Nicht viel, aber mehr, als man ihm je zugetraut hätte. Eine Vision ist er den Franzosen zwar noch immer schuldig, aber in der Krise wären Ausflüge ins Visionäre ohnehin abenteuerlich. François Hollande will dem Land ein «normaler Präsident» sein, eine Antithese zu Nicolas Sarkozy. Und das ist schon viel, wahrscheinlich schon genug für den Wahlsieg.

Und dann? Ist das System der Fünften Republik, das den Staatschef mit der Macht eines Königs ausstattet, überhaupt gemacht für einen normalen Präsidenten ohne Gepluster?

Wider die Egomanie

Das Elysée beherbergte bisher fast nur Männer mit egomanischem Habitus. Charles de Gaulle war bis zuletzt «Le Général». Der Bourgeois Valéry Giscard d’Estaing kaufte sich seinen Adelstitel. François Mitterrand gab gern den zynischen Patriarchen. Jacques Chirac spielte den Landesvater, bediente aber vor allem seinen Hofstaat. Und Nicolas Sarkozy, der eine epochale «rupture» versprach, einen Bruch mit dem Gehabe, degradierte stattdessen seinen Premier und seine Minister zu simplen Bediensteten.

François Hollande wäre wohl anders. Kein General, kein kleiner Napoleon, kein Hyperpräsident. Vielleicht hätte das Elysée mit ihm zum ersten Mal einen Bewohner, der sich wirklich nur als Mieter von Volkes Gnaden sähe, der sich dem süssen Fluch, der Verlockung des Palasts entziehen könnte und Bürger bliebe. Alles, seine ganze Geschichte und sein Stil, lassen es vermuten. Das wäre das Revolutionäre an seiner Wahl. Aber vielleicht überschätzt man ihn jetzt auch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2012, 17:37 Uhr

Unschöne Szene im Wahlkampf: Hollande wird mit Mehl attackiert.

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