«Der Vorwurf lautet ja nur auf leichte Vergewaltigung»

Vaughan Smith lässt Julian Assange seit gut einem Jahr in seinem Journalisten-Club in London wohnen. Jetzt spricht er zum ersten Mal über seinen Freund – und seinen osteuropäischen Groupies vor der Türe.

Julian Assange und Vaughan Smith an einer Pressekonferenz im Frontline Club (17. Januar 2011)

Julian Assange und Vaughan Smith an einer Pressekonferenz im Frontline Club (17. Januar 2011) Bild: AFP

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Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Vaughan Smith einen weisshaarigen jungen Mann begrüsste, auf den die ganze Welt blickte. Als Julian Assange an die Türe von Smiths Frontline Club klopfte, dem einzigen Londoner Exklusiv-Club für freie Journalisten, war der Wirbelsturm, den der Wikileaks-Gründer ausgelöst hatte, noch ganz frisch.

Die Enthüllungsplattform hatte die sogenannten Afghanistan-Tagebücher veröffentlicht und Zehntausende geheime Dokumente der US-Streitkräfte ans Tageslicht gebracht. Vaughan Smith wusste also, wen er da in seinem Journalisten-Asyl aufnahm. Assange gab eine Pressekonferenz im Frontline Club und gab danach Interviews, was einige Tage in Anspruch nahm. Er war für ein paar Tage nach London gekommen – und blieb bis heute. «Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet», sagt der ehemalige Offizier der British Army und spätere Kriegskameramann gegenüber der «Times» in seinem ersten Interview seit der Ankunft seines prominenten Gastes, «aber wir bringen es irgendwie fertig, und das macht mich stolz.»

Der «rechtschaffene» Freund

Selbstverständlich ist das nicht. Denn nach vier Monaten im Frontline Club, die der Geheimdienst-Schreck für die Enthüllung der Irak-Papiere nutzte, zog Assange gar bei Vaughan Smith ein – in dessen 10-Zimmer-Anwesen in Norfolk. Seit acht Monaten haben die beiden Männer also eine Art WG. Hier in Norfolk sollte Assange dann zu seinem bisher grössten Schlag ausholen: der Veröffentlichung Tausender US-Diplomaten-Depeschen.

Während des Auslieferungsverfahrens, das die schwedische Justiz wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen Assange anstrengte, erlaubte ein Londoner Gericht gar, dass der Australier in Smiths Schloss unter Hausarrest gestellt wurde, statt im Gefängnis auf den Entscheid warten zu müssen. «Ohne eine rechtschaffene Person, die für ihn bürgte, wäre das nicht gegangen», sagt Smith und meint damit natürlich sich selbst.

Groupies aus Osteuropa

Im geteilten Heim bekommt Smith auch Details über Assanges Privatleben mit. Zum Beispiel über die Groupies, die den berühmten Hacker bis nach Norfolk verfolgen: «Julian wird von einer bestimmten Art Frauen regelrecht gejagt», plaudert Smith aus dem Nähkästchen, «und die sind richtig penetrant. Es sind vor allem Frauen aus Osteuropa. Es ist wirklich aussergewöhnlich.»

Was angesichts der Nähe der beiden Männer verwundert, ist, dass Smith nie mit Assange über die Vergewaltigungsvorwürfe gesprochen haben will. Für ihn steht die Unschuld seines Freundes offenbar fest: «Ich war Soldat, verdammt noch mal. Ich kann sehr wohl unterscheiden zwischen einer gefährlichen Person und jemandem, der eine Gelegenheit wahrnimmt, wenn man sie ihm nachwirft.» Was er damit meint, präzisiert er auch gleich: «Die Anschuldigungen lauten lediglich auf leichte Vergewaltigung.» Der Straftatbestand ist eine Spezialität des schwedischen Strafrechts. «Auch ich war in meinen Zwanzigern oftmals ohne Erfolg aufdringlich gegenüber Frauen, und ich denke, viele Männer tun das», gibt Smith seine abschliessende Einschätzung der Dinge ab.

Dass sich Vaughan Smith gerade jetzt zum ersten Mal äussert, da der Entscheid über Assanges Auslieferung für die nächsten Wochen erwartet wird, muss kein Zufall sein.

Erstellt: 04.08.2011, 19:52 Uhr

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