Der Westen soll sich wieder fürchten

Russische Agenten waren was für Thriller und James-Bond-Filme. Aber nun merkt der Westen: Die Spione sind unter uns. Über die im Dunklen, die man nicht sieht.

Groteske Erklärungen im russischen Fernsehen: Die mutmasslichen Skripal-Attentäter Ruslan Boschirow und Alexander Petrow. Foto: Screenshot «Russia Today»

Groteske Erklärungen im russischen Fernsehen: Die mutmasslichen Skripal-Attentäter Ruslan Boschirow und Alexander Petrow. Foto: Screenshot «Russia Today»

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Zu den Zumutungen, die Russen seit Generationen ertragen müssen, gehört ihr Bild in der westlichen Popkultur. Als Stiefmutter alles Bösen gilt bis heute die unnachahmlich grobe Rosa Klebb, die den britischen Helden James Bond mit einer vergifteten Klinge in der Schuhspitze umbringen wollte. Auch die «Schwarze Witwe» aus den frühen Marvel-Comics, eine mit Hightech-Waffen ausgestattete Femme fatale, ist eine russische Agentin. Russinnen und Russen waren meist brutal, kalt und ohne Gewissen. Und wenn sie mal nett waren, wie der hilfsbereite Kosmonaut Lev Andropow in «Armageddon», dann trugen sie eine Fellmütze mit Ohrenklappen und waren betrunken.

In diesem Jahr musste man öfter an Rosa Klebb denken. Und das lag weniger am Kino als an der Wirklichkeit. Der ursprünglich russische, später britische Agent Sergej Skripal fiel im vergangenen Frühling in Salisbury (England) einem Giftanschlag zum Opfer, verübt mit einer in der Sowjetunion entwickelten Chemikalie mit dem Namen Nowitschok. Dieses Verbrechen könnte ebenso aus dem Kalten Krieg stammen wie die Geschichte des Vietnamesen Trinh Xuan Thanh, der letztes Jahr mitten in Berlin gekidnappt wurde – auf Geheiss der Sozialistischen Republik Vietnam, seiner Heimat. Kommunistische sowie autoritär geprägte Dienste, zu denen auch die russischen gehören, kennen so wenig Gnade mit ihren Opfern wie Respekt vor Rechtsstaaten. Im Westen hat sich denn auch ein schleichendes Unbehagen ausgebreitet.

Eine Zeitlang fürchtete sich niemand mehr vor den Russen

Lange Zeit waren russische Agenten aus dem Bewusstsein von Europäern und Amerikanern verschwunden. Es lag am Ende des Kalten Krieges und am islamistischen Terrorismus. Inbegriff des Bösen war nicht mehr ein greiser Politbürokrat am Atomknopf, sondern ein Prediger mit erhobenem Zeigefinger in einem afghanischen Zelt. Besser als die Kommunisten verstanden die Islamisten die Macht der Bilder: Nie hat die Wirklichkeit den Film so übertroffen wie am 11. September 2001 in New York, als al-Qaida den Massenmord am laufenden Bildschirm inszenierte. Amerikas Geheimdienste bekämpften die neue Gefahr dann mit Methoden, derer man im Westen eher die Sowjetunion verdächtigt hätte – mit Entführungen, Folter und Gefängnissen jenseits von Recht und Verfassung.

Legendäre Szene aus dem Film «Liebesgrüsse aus Moskau»: Die russische Agentin Rosa Klebb versucht mit einer Giftklinge in der Schuhspitze, James Bond umzubringen. Quelle: Youtube

Die postsowjetischen Russen hörten nach dem Ende des Kalten Krieges zwar nicht damit auf, den Westen auszuforschen, aber sie entfachten kein allzu grosses Unbehagen mehr. Im Jahr 2010 zum Beispiel flog in den USA ein Spionagering auf: Zehn Russinnen und Russen hatten sich jahrelang als biedere Vorortbewohner ausgegeben und dabei heimlich an Moskau berichtet. Wenn sie verschlüsselt miteinander redeten, sagten sie lustige Sachen wie: «Es ist wunderbar, ein Weihnachtsmann im Mai zu sein.» Die Amerikaner reagierten eher verblüfft und amüsiert denn alarmiert. Und die enttarnte Spionin Anna Chapman startete – auch das passte gut in die Zeit – eine erfolgreiche Zweitkarriere als Fernsehmoderatorin.

Der Autor Joseph Weisberg entwickelte aus dieser echten Begebenheit eine Fernsehserie über Spione, die «unter uns» leben, über Philip und Elizabeth, die am Rande Washingtons zwei Kinder grossziehen und nebenbei – oder eher hauptamtlich – für Moskau arbeiten. Sie verführen, foltern oder morden; einmal zerlegen sie die Leiche einer Frau, damit sie in einen Koffer passt. Weisberg hatte mit seinem Thema nur ein Problem: Es fehlte der Gruselfaktor, weil sich niemand mehr vor den Russen fürchtete. Der Autor behalf sich damit, dass er vor allem die Spannungen innerhalb der Agentenfamilie auslotete und die Handlung in die Achtzigerjahre zurückverlegte, als US-Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion «Reich des Bösen» nannte.

Heute traut man Putin so gut wie alles zu

Schriebe Weisberg seine Serie «The Americans» heute, könnte er die Handlung getrost wieder in der Gegenwart ansiedeln, in der vielleicht kein Kalter Krieg herrscht, mindestens aber kalter Frieden. Russlands Präsident Wladimir Putin sieht sein Land vom Westen belagert, vor allem wegen der Nato-Erweiterungen. Nun hat er sein erklärtes Ziel erreicht, dass Russland wieder ernst genommen oder vielleicht sogar gefürchtet wird. Seit der Annexion der Krim und seiner zur Schau gestellten Allianz mit dem syrischen Fassbombenwerfer Bashar al-Assad traut man Putin im Westen so gut wie alles zu. Die britische Regierung äusserte gar den Verdacht, er sei persönlich für den Mord an Skripal verantwortlich. Beweise fehlen zwar, aber die britischen Medien weisen gern darauf hin, dass Putin einst KGB-Agent war, wodurch sich ja jede weitere Beweisführung zu erübrigen scheint. Putin vollendet das Bild, indem er Verrätern «ein böses Ende» voraussagt oder droht, Terroristen in der Latrine zu ertränken.

Zweitkarriere als TV-Moderatorin: Die 2010 in den USA enttarnte russische Spionin Anna Chapman. Foto: Getty Images

Aber sind die Geheimdienste jener Länder, die östlich des Eisernen Vorhangs lagen, wirklich skrupelloser als westliche? Die Geschichte ist jedenfalls voller filmreifer Hinweise. Im Jahr 1959 starb der ukrainische Antikommunist Stefan Bandera in München, nachdem ihm ein Agent mit einer Spezialpistole Blausäure ins Gesicht geschossen hatte. Im Jahr 1978 brachten der KGB und der bulgarische Geheimdienst den Dissidenten Georgi Markow um: Jemand stiess ihm auf einer Londoner Brücke mit der Regenschirmspitze in die Haut und verabreichte tödliches Rizin. Im Jahr 1981 versuchte die Stasi, den Fluchthelfer Wolfgang Welsch zu beseitigen, indem sie seine Frikadellen mit Thallium präparierte.

Auch nicht-russische Geheimdienste sind skrupellos

Allerdings greifen auch viele andere Geheimdienste zum Äussersten. Der israelische Mossad hat Tausende echte oder angebliche Terroristen umgebracht. Im Jahr 2010 töteten israelische Agenten den Hamas-Anführer Mahmud al-Mabhuh in einem Hotel in Dubai. Sie agierten so geschickt, dass es zunächst so aussah, als sei al-Mabhuh im Bett eines natürlichen Todes gestorben. In den Lehrbüchern wird auch die Kommandoaktion bleiben, mit der US-Agenten den al-Qaida-Führer Osama bin Laden in Pakistan töteten, später wurde daraus der Film «Zero Dark Thirty». Wirklichkeit und Fiktion stehen im ewigen Wettlauf miteinander. Dass oftmals die Wirklichkeit gewinnt, liegt mitnichten an den Russen allein.

Mehr als im Westen aber werden im Osten Dienste auch gegen Dissidenten und Kritiker eingesetzt. Nach der Erfahrung des Stalinismus achtete die sowjetische Führung immerhin darauf, dass nicht mehr ein Einzelner willkürlich die Agenten einsetzen konnte: Partei und Politbüro kontrollierten die Geheimdienstführung. Unter Putin hingegen herrscht wieder ein Mann aus den Diensten mit den Diensten, und es ist keinerlei politische Kraft in Sicht, die ihn beaufsichtigt.

«Honigfallen» als Kinothema: Trailer des Films «Red Sparrow» («Roter Spatz»). Quelle: Youtube

Doch auch in den USA waren es nicht so sehr rechtsstaatliche Prinzipien, die Geheimdienstmethoden diktierten, sondern vielmehr die Weltlage und das jeweilige Bedrohungsgefühl. In den Fünfzigerjahren entwarf die CIA groteske Pläne, um den kubanischen Revolutionär Fidel Castro umzubringen. Später distanzierte sich die Organisation von solchen Methoden, bis mit dem Terror von 2001 wieder alle Skrupel verschwanden. US-Präsident Barack Obama weitete seinen Drohnenkrieg zunächst aus, setzte ihm später aber auch neue Grenzen, indem er gezielte Tötungen auf Fälle beschränkte, in denen Terroristen eine «unmittelbare» Gefahr darstellten. Die Öffentlichkeit hatte bei alledem kaum Möglichkeiten, den Staat zu kontrollieren.

Einen besonderen Beleg für die Rücksichtslosigkeit autoritärer Sicherheitsapparate sehen Experten in «Honigfallen»: Das sind Agentinnen oder Agenten, die andere verführen oder sich sexuell mit ihnen einlassen. Zwar haben auch westliche Dienste mit diesem Trick gearbeitet. Die Sowjetunion aber war darin nicht zu schlagen, was aus westlicher Sicht mit deren Rücksichtslosigkeit zusammenhing. Der frühere CIA-Generalinspekteur Frederick Hitz erklärt es so: «Nur wenige westliche Dienste konnten ihren Bürgern diktieren, dass deren Körper dem Staat gehörte.»

Dass zum «Honigfallen»-Thema in diesem Jahr ein Film in die Kinos kam, war gewiss kein Zufall. «Red Sparrow» («Roter Spatz»), ein Film über eine russische Agentin, die andere verführen soll, hätte noch 2010 kaum ein Publikum erreicht. Heute fügt er sich ein in die lange Liste westlicher Filme, in denen Russen menschenverachtend und gewaltbereit sind. «Red Sparrow» ist ein Film, der so auch 1988 hätte laufen können.

Technologie ist längst wichtiger als Agenten

Aber muss man noch mit dem Feind schlafen, um ihn auszuforschen? Für Geheimdienste haben die grössten Umwälzungen heute mehr mit Technologie denn mit Ideologie zu tun. Warum soll man jemandem Geheimnisse im Bett entlocken, wenn man dessen Telefon auslesen kann? Warum soll man das Leben eines Agenten riskieren, wenn man den Feind auch mit einer Drohne töten kann?

Vom Spionagefilm hiess es immer, es sei ein unkaputtbares Genre: Regime und Ideologien mögen kommen und gehen, aber es wird immer den Einzelkämpfer geben, der sich allein und für ein hehres Ziel grössten Gefahren aussetzt. Aber für zwei zentrale Geheimdienstaufgaben, ausforschen und töten, braucht man Menschen immer weniger. Wenn es so weitergeht mit den Bots und Drohnen, könnte dem Spionagefilm bald sein wichtigster Darsteller abhandenkommen: der Agent selbst. Für einen der grössten Skandale der letzten Jahre sorgte der US-Geheimdienst NSA, der wahllos Telefondaten speicherte und sogar Regierungspolitiker verbündeter Staaten ausspionierte.

Russlands Agenten verhalten sich so wie in den Hollywood-Filmen: Wladimir Putin, Präsident mit KGB-Vergangenheit. Foto: Reuters

Seit der Krim-Annexion Anfang 2014 ist es wieder Moskau, das unter verschärfter Beobachtung steht. Seitdem beklagen die USA russische Hackerangriffe und das gezielte Durchstechen von E-Mails der US-Demokraten, um die Präsidentschaftswahl 2016 zu beeinflussen. Der Sonderermittler Robert Mueller hat rekonstruiert, wie russische Agenten die USA ausforschten und dann von St. Petersburg aus mit automatisierten Social-Media-Accounts versuchten, die Stimmung anzuheizen, Wähler zu steuern, das Vertrauen in den Staat zu zersetzen. Sieht so die neue Kriegsführung aus? Hetze, Destabilisierung, Verwirrung – so raffiniert gemacht, dass es Moskau stets plausibel bestreiten kann?

Der frühere FBI-Mann Clint Watts sagte einmal im US-Kongress: «Russland hofft, den zweiten Kalten Krieg mit der Stärke der Politik zu gewinnen, nicht mehr mit der Politik der Stärke.» Ironischerweise haben die Amerikaner als Erfinder von Facebook und Twitter den Russen die notwendigen Werkzeuge selbst geliefert. Andererseits: Ist die Lage so dramatisch, wie es Politiker und Dienste im Westen darstellen? Schliesslich ist Politik in den USA seit Langem toxisch. Und ihrem Staat misstrauen die Amerikaner schon qua Verfassung. Was genau haben die Russen da eigentlich verändert?

Putin scheint die Vorwürfe aus dem Westen nie sonderlich ernst zu nehmen, als geniesse er es, dass sich Europäer und Amerikaner unsicher fühlen. Die New Yorker Politik-Professorin Nina Chrustschowa hat einmal die Theorie aufgestellt, dass Putin sich genau angesehen habe, wie Russen in Hollywood-Filmen wirken. Und dass er dann entschieden habe, sich genauso zu benehmen, um den Westen das Fürchten zu lehren. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 26.12.2018, 12:12 Uhr

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