Er rettete seine Gemeinde und verlor seine Freiheit

Der gefeierte Bürgermeister des kalabrischen Riace steht unter Hausarrest, weil er Migranten half. Der Entscheid spaltet Italien.

Domenico Lucano bei einer Gewerkschaftskundgebung in Reggio Calabria. Foto: Alamy Stock Photo

Domenico Lucano bei einer Gewerkschaftskundgebung in Reggio Calabria. Foto: Alamy Stock Photo

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Daheim in Riace nennen sie ihn «Mimmo u curdu», Mimmo der Kurde. Liebevoll und mit einer sanften Spitze Ironie. Domenico «Mimmo» Lucano, Bürgermeister der kleinen Stadt an der ionischen Küste Kalabriens, 60 Jahre alt, ist kein Kurde, er ist Calabrese durch und durch. Doch seine Geschichte begann einst mit einem Boot kurdischer Flüchtlinge, die in Riace eine neue Heimat fanden.

1998 war das, es sollten viele weitere Zuwanderer folgen. Alles harmonisch, zur Freude und zum Nutzen aller, dank Lucano. Der Papst sagte einmal, er bewundere den Bürgermeister für sein Werk. Das Magazin «Fortune» setzte Lucano auf seine Liste der 50 einflussreichsten Menschen der Welt. Ausländische Medien feierten Riace mit seinen 2300 Einwohnern, von denen 600 Einwanderer sind, als Modell für eine gelungene Integration, unbedingt imitierwürdig.

Nun ist «Mimmo u curdu» verhaftet worden. In einer Operation im Morgengrauen, wie sie das sonst mit Mafiosi aus der Region machen, den Leuten von der mächtigen ’Ndrangheta. Die Guardia di Finanza, Italiens Finanzpolizei, verlas ihm die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Darin heisst es, Lucano habe sich der Begünstigung der illegalen Einwanderung schuldig gemacht. So soll er bei der Schliessung von Scheinehen geholfen haben, die dazu dienten, Familiennachzüge zu ermöglichen.

Vorgeworfen wird ihm ausserdem, dass er die Abfallentsorgung in Riace ohne öffentliche Ausschreibungen an zwei Kooperativen vergab, die mit Migranten arbeiteten. Fast noch wichtiger als diese Vorwürfe ist aber eine andere Erkenntnis aus den Ermittlungen: Es gibt keine Indizien dafür, dass Lucano staatliche Gelder unterschlagen hat. Lucano nahm nichts für sich.

Dass der gefeierte Mann nun dennoch unter Hausarrest steht, spaltet die italienische Öffentlichkeit. Über allem schwebt der Verdacht, Lucano sei ein Opfer des neuen politischen Windes, der da durch Italien zieht, steif und kalt.

Salvini nennt ihn «eine totale Null»

In den sozialen Medien formt sich eine Solidaritätswelle mit dem Hashtag: #iostoconmimmo, ich stehe hinter Mimmo. Der wortgewaltigste Exponent dieses Lagers ist Schriftsteller Roberto Saviano, Autor unter anderem des Bestsellers «Gomorrha». In einem Video sagt Saviano, die Festnahme Lucanos sei ein weiterer Beweis dafür, dass sich Italien unter der neuen Regierung in ein «autoritäres Regime» verwandle. Innenminister Matteo Salvini, den er «Minister der Unterwelt» nennt, schlachte diese Ermittlungen politisch aus.

Noch bevor Savianos Video online war, hatte Salvini bereits getwittert: «Donnerwetter, was sagen jetzt wohl Saviano und all die Gutmenschen, die Italien gerne mit Immigranten vollstopfen würden?» Vor einigen Monaten hatte er den Bürgermeister von Riace einmal «eine totale Null» genannt. Aus dem rechten Lager gab es nun auch Kritik an der staatlichen Fernsehanstalt Rai, die gerade dabei ist, eine Dokufiktion über den Modellfall Riace zu drehen.

Die Kurden von damals, 1998, waren 184. 66 Männer, 46 Frauen, 72 Kinder. Sie stammten aus dem Irak, aus Syrien und der Türkei. Lucano, der in jener Zeit noch nicht Bürgermeister war, nahm elf von ihnen auf. Das Schicksal der Migranten bewegte ihn, weil er selber lange weg war. Als er dann zurückkehrte nach Riace, war das Dorf fast ganz verwaist. Die Trattorie schlossen, die Läden, sogar die Schule.

«Wir haben den Migranten Würde gegeben und uns selbst Reichtum.»Domenico «Mimmo» Lucano, Bürgermeister von Riace

Viele Riacesi waren ausgewandert, nach Australien, Argentinien und Kanada vor allem, weil sie keine Zukunft mehr sahen in ihrer Heimat. Ihre Häuser standen leer, feucht und baufällig. Als dann Lucano, der Aktivist, 2004 Bürgermeister wurde, rief er die Weggezogenen in Sydney, Toronto und Buenos Aires an, einen nach dem anderen, und fragte, ob sie bereit wären, ihre verfallenden Häuser den Einwanderern zu überlassen. Und alle sagten Ja.

So besiedelte Lucano sein verlassenes Kaff neu, es wäre sonst gestorben. Der Staat sprach Geld für die Instandsetzung der Häuser. Statt das Taggeld von 35 Euro direkt an die Asylbewerber zu verteilen, sorgte Lucano dafür, dass die Einwanderer arbeiteten, Berufslehren absolvierten, Läden eröffneten. Sie erhielten dafür einen Lohn und Bons für den Einkauf von Lebensmitteln an ausgewählten Orten.

So entstanden Ateliers für Schneider und Töpfer, eine Kinderkrippe, eine Bar, eine Bäckerei, ein Mülltransport mit zwei Eseln. Und die Bevölkerungen, die einheimische und die zugewanderte, wuchsen zusammen. Die Betagten des Dorfes, deren Enkel weggezogen waren, kümmerten sich fortan auch mal um die Kleinen der Immigranten aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, Eritrea, Äthiopien.

«Wir haben den Migranten Würde gegeben», sagte Lucano, «und uns selbst Reichtum.» Riace ist wiedergeboren, wundersam. Sein Wiedergeburtshelfer steht unter Hausarrest.

Erstellt: 02.10.2018, 18:48 Uhr

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