Hintergrund

«Der Wille der Katalanen kann nicht unterdrückt werden»

Die spanische Region Katalonien macht am heutigen Nationalfeiertag mobil für ihre Unabhängigkeit – mit einer Grossdemonstration in Barcelona und einer 400 Kilometer langen Menschenkette.

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Rund 22o Katalanen demonstrierten vor zehn Tagen mit einer Menschenkette in der Zürcher Innenstadt. Wie in über hundert anderen Städten Europas und anderen Teilen der Welt gingen sie für ein Anliegen auf die Strasse, das in Katalonien immer mehr Anhänger findet – die Unabhängigkeit von Spanien. All diese Menschenketten im Ausland waren der Auftakt zur Grossdemonstration, die heute Nachmittag entlang der katalanischen Mittelmeerküste stattfand. Über 300'000 Menschen reichten sich um Punkt 17.14 Uhr die Hand und bildeten damit eine 400 Kilometer lange Menschenkette. Neben dem traditionellen Marsch in Barcelona, zu dem über eine Million Menschen erwartet wurden, soll die Menschenkette zwischen El Pertús und Alcanar eine imposante Demonstration für ein unabhängiges Katalonien sein. «Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert sein, in dem Katalonien seine Freiheit zurückgewinnen wird», sagt der katalanische Regierungschef Artur Mas.

Identitätsgefühl und handfeste ökonomische Gründe

Die katalanische Nationalversammlung, die auch in der Schweiz einen Ableger hat, ist der Ansicht, dass ein eigener Staat es ermöglichen würde, eine bessere Gesellschaft in Katalonien aufzubauen. Zudem wollen die Katalanen ihre eigene Sprache und Kultur fördern, sie möchten als Katalanen anerkannt werden. Katalonien habe alle Eigenschaften eines Nationalstaates und wolle endlich ein Selbstbestimmungsrecht haben. «Der Wille der Katalanen kann nicht unterdrückt werden», sagt Joana Verdera von der katalanischen Nationalversammlung Schweiz. Nicht zuletzt sei die Unabhängigkeit die Voraussetzung für ein wirtschaftlich stärkeres Katalonien.

Die Sehnsucht der Katalanen nach Unabhängigkeit hat also nicht nur mit ihrem Identitätsgefühl zu tun. Sie hat auch handfeste ökonomische Gründe, vor allem seit Spanien eine tiefe Wirtschaftskrise durchmacht. Die Katalanen beklagen, dass sie im Rahmen des Länderfinanzausgleichs zu viel Geld an die Zentralregierung in Madrid überweisen müssen. So flossen beispielsweise im Jahr 2010 über 16 Milliarden Euro an den Zentralstaat, der das Geld an ärmere Regionen verteilte. Dabei kämpft Katalonien, das der Wirtschaftsmotor Spaniens ist, selber mit ökonomischen Problemen. Die Arbeitslosigkeit beträgt 24 Prozent, die Verschuldung liegt bei 51 Milliarden Euro.

11. September 1714 – Symbol des katalanischen Nationalismus

Dass die Menschenkette der katalanischen Separatisten am heutigen Tag, an einem 11. September, um punkt 17.14 Uhr stattfand, ist kein Zufall. Die Zahl 1714 ist ein Symbol des katalanischen Nationalismus. Es war am 11. September 1714, als Bourbonenkönig Philipp V. im Spanischen Erbfolgekrieg in Barcelona einmarschierte. An diesem Tag verlor Katalonien seinen hunderte Jahre langen Status als freier, selbstbestimmter Staat mit eigener Sprache und Kultur. Die katalanische Kultur und die Sprache lebten nur im Untergrund weiter. Mit dem Ende der Franco-Diktatur und dem Übergang zur Demokratie ab 1975 konnte sich Katalonien einige Sonderrechte zurück erkämpfen, nicht aber die Unabhängigkeit. Seit 1980 begehen die Katalanen jeweils am 11. September ihren Nationalfeiertag, zuletzt mit immer grösseren Massenkundgebungen.

Vor einem Jahr hatte die separatistische Initiative ANC in Barcelona etwa 1,5 Millionen Demonstranten auf die Strasse gebracht. Der 11. September 2012 machte deutlich, dass ein erheblicher Teil der Katalanen nicht mehr zu Spanien gehören will. Umfragen in der Provinz mit 7,5 Millionen Einwohnern zeigen eine Zustimmung von über 50 Prozent für eine Loslösung von Spanien. Der Zuspruch dafür schwindet aber, wenn eine Unabhängigkeit auch einen Austritt aus der Europäischen Union bedeuten würde.

Referendum über Selbstbestimmung im nächsten Jahr

Zum ihrem Ziel haben es die Katalanen aber noch weit. Zwar hat Kataloniens Regierungschef Artur Mas für nächstes Jahr – 300 Jahre nach dem mythischen 1714 – ein Referendum über die Selbstbestimmung versprochen, nachdem das Regionalparlament eine entsprechende Resolution verabschiedet hatte. Doch die Zentralregierung in Madrid ist strikt gegen die Abspaltung. Sie beruft sich auf die Verfassung, die die «Einheit» Spaniens garantiert.

Eine Analyse zu den Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien lesen Sie in der Donnerstagsausgabe des «Tages-Anzeiger». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.09.2013, 20:38 Uhr

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