Der andere Matteo geht auf die Strasse

Matteo Salvini, Chef der Lega Nord, verehrt Putin und trachtet nach der Leadership der italienischen Rechten. Heute versammelt er seine Anhänger in Rom.

Matteo Salvini wettert bei jeder Gelegenheit gegen Euro, Europa, Ausländer und Islamisten. Foto: Riccardo Antimiani (MAXPPP, Keystone)

Matteo Salvini wettert bei jeder Gelegenheit gegen Euro, Europa, Ausländer und Islamisten. Foto: Riccardo Antimiani (MAXPPP, Keystone)

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Keine Stunde ohne neue Botschaft. Das Mitteilungsbedürfnis des Mailänders Matteo Salvini ist so gross, dass er nicht nur viel redet – überall, auf allen Radio- und Fernsehkanälen, wo er mit Vorliebe laut gegen den Euro und Europa, gegen Immigranten und den Islam lärmt –, sondern auch noch Zeit findet, rund um die Uhr zu posten und zu tweeten, Politisches und Banales, oft auch Denkwürdiges.

Den Euro nennt er ein «Verbrechen gegen die Menschheit» oder eine «kriminelle Währung». Bootsflüchtlinge, findet er, liesse man am besten einfach auf hoher See in ihren Booten sitzen: «In Italien ist kein Platz mehr für Immigranten, für keinen einzigen: Basta!» Um seinen politischen Diskurs greifbarer zu machen, ­bemüht er gerne Verweise auf seine Geschlechtsmerkmale: «Ich hab’ sie voll.»

50'000 Anhänger werden erwartet

Wenn man wollte, könnte man den ganzen Tag damit verbringen, Matteo Salvini zuzuhören, zu folgen, zu liken. Oder ihn eben nicht zu mögen. Und das tut bei allem Erfolg, den der 41-jährige Rechtspopulist und Provokateur in diesen Krisenzeiten hat, noch immer ein Grossteil der Italiener. Nur ignorieren kann man ihn nicht, an diesem Samstag schon gar nicht. Da hat sich der Parteichef der Lega Nord für seinen Auftritt gegen die Regierung eine der schönsten Bühnen im Land herrichten lassen: ­Piazza del Popolo, Rom, 15 Uhr.

50'000 Anhänger werden erwartet. Die meisten kommen aus dem Norden, dem Heimterrain der Lega, einige aber auch aus dem Süden, den neuen Jagdgründen der Partei. Nicht weit haben es die Nostalgiker Mussolinis, Salvinis Freunde von der Casa Pound, einer ­Römer Vereinigung von Neofaschisten. Die Polizei befürchtet Ausschreitungen, wüste Zusammenstösse zwischen Faschisten und Antifaschisten, die gleichzeitig durch Rom marschieren werden. Für Salvini kann es nicht genug Schlagzeilen geben.

Matteo vs. Matteo

Auf der Bühne wird er wahrscheinlich wieder das T-Shirt tragen, mit dem er sich nun schon seit Wochen allenthalben zeigt: «Renzi a casa!», steht da drauf, «Renzi nach Hause!». Gemeint ist Matteo Renzi, der Ministerpräsident. Denn ja, Salvini stanzt und druckt seine Vorstellungen gerne auch auf die Kleidung, wie eine wandelnde Litfasssäule, als dünkte es ihn, das viele Reden, Posten und Tweeten reiche nicht aus für das grosse Duell.

Matteo vs. Matteo. Der Wettbewerb zwischen diesen beiden fast gleich­altrigen Aufsteigern, zwischen dem linksliberalen Renzi und dem rechtsradikalen Salvini, wird Italiens Politik in den kommenden Jahren prägen. Zunächst in der Propaganda. Beide sind sie in den Berlu­sconi-Jahren aufgewachsen und politisch sozialisiert worden. Geprägt von der seichten Fernsehkultur aus Cologno Monzese bei Mailand, wo Silvio Berlusconis Konzern Mediaset seine Studios hat. Beide traten sie, als sie noch jünger waren, in dessen Quizsendungen auf. Es gibt Archivmaterial davon. Beide lernten sie von Berlusconi, wie man die Italiener für Politik gewinnt: mit Slogans, mit Show, mit Metaphern aus dem Fussball. Beide sind Meister darin.

Der Po und sein Mythos

Doch Renzi ist schon oben angekommen und stark. «Der andere Matteo», wie sie Salvini nennen, muss sich erst noch als Leader der Rechten und als Oppositionschef durchsetzen. Vielen Bürgerlichen ist er zu extrem. Die jüngsten Umfragen zu den Wahlabsichten der Italiener zeigen aber, dass seine neu positionierte Lega Nord Berlusconis Forza Italia abhängt – 16 zu 11 Prozent. Viele Politinterpreten deuten das als Zeichen für eine Trendwende. Es ist gerade besonders leicht, das rechte Lager Italiens aufzumischen. Fragmentierung und Konfusion sind weit fortgeschritten, die Figuren verbraucht. Und Berlusconis Ära dämmert nach mehr als zwanzig Jahren wohl unweigerlich dem Ende entgegen, gezeichnet von Skandalen, politischen Verirrungen und natürlicher Abnützung. Salvini möchte ihn beerben.

Ideologisch kommt er aber aus einer anderen Ecke. Mit 17 Jahren trat Salvini, Sohn aus gutem Haus, klassisches Gymnasium, der Lega Nord bei. Er war fasziniert vom Gründer und Tribun der Partei, von Umberto Bossi, der mit Lokalfolklore und mittelalterlichen Riten das Narrativ für eine neu zu gründende Nation schusterte: Padanien, das Fantasieland entlang des Flusses Po, vom Piemont über die Lombardei ins Veneto, diente ihm als Antithese zu Italien – geschäftig, verlässlich, angeblich frei von Mafia und Korruption. Sehr ernsthaft war das Projekt der Sezession zwar nie, doch es befeuerte in vielen Norditalienern den Stolz auf ihre Scholle.

Mit 20 war Salvini schon Mailänder Gemeinderat, arbeitete für «La Padania», die Parteizeitung, dann war er Direktor von Radio Padania, dem Parteiradio. Sein Geschichtsstudium vollendete er nie. Es gab Zeiten, da fand Salvini, man müsste in der Mailänder U‑Bahn Abteile für «ursprüngliche Lombarden» und solche für Zugewanderte einrichten, Restitaliener inklusive.

Als Bossi vor zwei Jahren die Parteileitung wegen einer Serie von Finanzskandalen aufgeben musste, rückte Salvini nach. Eine stattliche Mehrheit der Basis wählte den Europaabgeordneten zum neuen Generalsekretär. Es war eine düstere Zeit, die Lega Nord war auf ein Rekordtief gefallen: Vier Prozent bei den Parlamentswahlen 2013. Man fragte sich, ob die Partei den Sturz Bossis überhaupt überleben würde.

«Nordkorea? Alles nicht so schlimm»

Salvini verordnete der Lega einen abrupten Wandel. Behalten mochte er nur die alte Fremdenfeindlichkeit und das Poltern gegen die Europäische Union. Sezession war gestern. Die Partei sollte ihre Wähler nicht mehr nur im Norden suchen, sondern überall im Land, selbst im oft vermaledeiten Mezzogiorno. Salvini reiste hin, liess sich mit Eiern bewerfen, beharrte aber auf seiner Strategie. Könnte er, würde er wohl den Parteinamen ändern – in «Lega Nazionale» vielleicht.

Für die Metamorphose liess sich Salvini vom französischen Front National inspirieren. Er ist ein Fan von Marine Le Pen. Und sie sagt von Salvini, er sei eine «bemerkenswerte Persönlichkeit». Unlängst fuhr Salvini als Gast zum Kongress des Front National und wurde wie ein Star gefeiert. Auf der Piazza del Popolo soll nun eine Videobotschaft Le Pens gezeigt werden. Man teilt auch die Verehrung für Wladimir Putin. Für Le Pen und Salvini ist der russische Präsident ein Opfer des Westens, und die Sanktionen sind des Teufels. Von Le Pen weiss man, dass sie Geld aus Russland erhält. Salvini sagte einmal, er beneide sie darum. Salvini arbeitet an einem Klon des Front National.

Im letzten Herbst reiste er nach Nordkorea, aus Neugierde, wie er sagte, und fand dort alles gar nicht so schlimm. «Ich blieb fünf Tage, Internet und Handy funktionierten nicht – das war eine unbezahlbare Erfahrung. Sie allein war die Reise wert.» Und die Italiener hörten und sahen mal fünf Tage nichts vom anderen Matteo, keinen Slogan, keinen Tweet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2015, 21:17 Uhr

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